Warum Carina V. ihren Sohn deckte

Experten erklären: So agieren Frauen in Missbrauchsfällen

Carina V. soll ihrem Sohn Zugang zu ihrer Gartenlaube gewährt haben.
Carina V. soll ihrem Sohn Zugang zu ihrer Gartenlaube gewährt haben.
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28. Juli 2020 - 13:49 Uhr

Carina V. stellte ihrem Sohn ihre Gartenlaube zur Verfügung

Carina V. ist die Mutter des Hauptverdächtigen in dem riesigen Kindesmissbrauchsfall, den die Polizei Münster aufgedeckt hat. Der Mann soll zusammen mit anderen in der Gartenlaube seiner Mutter kleine Jungen schwer sexuell missbraucht haben. Nach bisherigem Stand der Ermittlungen wusste die Erzieherin, was ihr Sohn dort trieb, trotzdem stellte die Frau aus Münster dem 27-Jährigen den Schlüssel zur Gartenlaube zur Verfügung. Wie kann es sein, dass Mütter ihre Vergewaltiger-Söhne schützen? Und welche Rolle spielen Frauen beim Kindesmissbrauch? Im Interview mit RTL erklären Psychologin Monika Egli-Alge und Steffen Lindberg, Fachanwalt für Strafrecht, die Rolle der Frau bei sexuellem Missbrauch. 

Hatte Carina V. Angst, ihren Sohn zu verlieren?

Es scheint, als hätte Carina V. ihrem Sohn zugearbeitet, selbst aber kein sexuelles Interesse an Kindern gehabt. Diese Form der Zuarbeit sei eine Variante des Missbrauchs, wie sie sich bei einer Frau zeigen könne, erklärt Egli-Alge. "Dann gibt es noch eine Gruppe von Frauen, die nicht realisiert, dass Missbrauch geschieht."

Gründe für eine Beteiligung an Kindesmissbrauch seien sehr individuell. "Diese Frauen sind oft in sehr abhängigen Verhältnissen zur Täterschaft", so die Expertin. Oft würden sie dann den Drang verspüren, zuzuliefern, um die bestehende Beziehung zu erhalten. Sprich: Im Fall von Carina V. und ihrem Sohn Adrian V. könnte es theoretisch sein, dass sie die kriminellen Machenschaften ihres Jungen duldete, ja sogar unterstützte, weil sie Angst hatte, ihn sonst zu verlieren.

Psychologin Monika Egli-Alge kennt sich mit der Rolle der Frau als Täterin aus.
Psychologin Monika Egli-Alge kennt sich mit der Rolle der Frau als Täterin aus.
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Fachanwalt für Strafrecht: Männliche Opfer schämen sich, Frau anzuzeigen

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Steffen Lindberg ist Fachanwalt für Strafrecht.
Steffen Lindberg ist Fachanwalt für Strafrecht.
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Auch Steffen Lindberg, Fachanwalt für Strafrecht, kennt sich mit Fällen von Missbrauch durch Frauen aus. Diese seien allerdings eher selten. "Strafverfahren gegen Frauen in Zusammenhang mit sexuellem Missbrauch sind nach wie vor die Ausnahme," sagt er. Die meisten der Beschuldigten und angeklagten seien Männer.

Als Grund dafür sieht Lindberg die Zurückhaltung von Opfern, wenn es um den sexuellen Missbrauch durch eine Frau oder sogar der eigenen Mutter ginge. "Es ist so, dass bei den männlichen Opfern die Scham, eine Frau anzuzeigen oder den sexuellen Missbrauch durch eine Frau zu offenbaren nochmals größer ist, als die ohnehin schon vorhandene Scham", erklärt der Experte. Aus seinen eigenen Beobachtungen heraus könne Lindberg berichten, dass bei Frauen, die an sexuellem Missbrauch beteiligt gewesen wären, eher das Manipulative hervorsteche. Beim Mann sei in dem Rahmen eher auch eine Gewaltanwendung denkbar.

Im Video: Das bedeutet der sexuelle Missbrauch psychisch für die Kinder

Die These, dass Frauen das Manipulative beherrschten, scheint auch auf die Verdächtige Carina V. zuzutreffen. Während sie ihrem Sohn Adrian V. dabei geholfen haben soll, Kinder sexuell missbrauchen zu können, beschreiben Nachbarn sie als nett. Carina V. sei eigentlich eine "ganz nette, sympathische Frau", erzählt eine Nachbarin im RTL-Interview. Sie sei immer höflich gewesen oder habe mal einen kleinen Scherz gemacht, wenn sie sich im Haus begegnet wären. Der Nachbarin fällt es schwer, sich vorzustellen, dass die Erzieherin etwas mit dem Missbrauch zu tun gehabt haben könnte.

Hauptverdächtiger ist IT-Fachmann

Die Ermittler kamen Adrian V. durch eine IP-Adresse auf die Spur. Innerhalb von nur dreieinhalb Wochen ermittelte die Polizei ein ganzes Netzwerk hinter dem mutmaßlichen Haupttäter. Elf Verdächtige wurden festgenommen – sieben davon sitzen nun in Untersuchungshaft, darunter auch Adrian V. und seine Mutter.

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