Illegale Geschäfte in Deutschlands Fahrschulen

Motorradführerschein ohne Theorie und Praxis: "Du gibst mir 700 Euro und musst nichts machen"

05. September 2020 - 12:23 Uhr

So leicht gibt es den Führerschein

Jährlich verunglücken etwa 40.000 Motorrad- und Rollerfahrer - oft sind andere Verkehrsteilnehmer beteiligt. Mehr als 600 Unfälle enden tödlich. Aber Fahrschulen in Deutschland verkaufen Motorradführerscheine illegal an nicht ausgebildete Fahrer. Wie leicht unsere RTL-Reporter mit versteckter Kamera an eine Bescheinigung kommen, sehen Sie im Video.

Bescheinigungen am Fließband

"Hier deine Bescheinigung. Ich habe schon so viele rausgegeben", meint der Kontakt, bei dem unsere Reporterin das Dokument in Köln abholt. Auf seinem Handy zeigt er ihr eine Liste von Personen, die angeblich auch eine solche Bescheinigung bei ihm bekommen haben. Alles, was es in diesem Fall braucht, sind 700 Euro in bar.

Auf der gefälschten Bescheinigung ist der Zeitraum angegeben, in dem unsere Reporterin angeblich ihren Unterricht genommen hat – abgestempelt von einer Duisburger Fahrschule. Das Vorgehen ist verantwortungslos. Auch Fahrten auf der Autobahn sind mit dem Dokument und der angeblichen Ausbildung bescheinigt. Erwischt wurde der Mann, den wir in Köln treffen, aber noch nicht. "Das ist eine offizielle Fahrschule, wir dürfen das machen. Die rufen uns an, wir bestätigen das Ganze und fertig", sagt er. Im Monat schätzt er die Anzahl der gefälschten Bescheinigungen auf etwa 30 Stück. Wir konfrontieren auch die betroffene Fahrschule. Der Inhaber will nichts davon gewusst haben. Er müsse das selbst erst prüfen, sagt er unserem Reporter.

Illegaler Handel ist kein Einzelfall

In zwei anderen Städten sichern uns die Fahrschulen ebenfalls die Bescheinigung zu. In einem Fall für nur 550 Euro. "Das habe ich bei den anderen auch gemacht", erzählt der Fahrlehrer. Er habe den Schein dann einfach schon ausgestellt und während der Wartezeit für den Termin bei der Zulassungsstelle könne man "ein bisschen fahren". Und auch in Fahrschule Nummer Zwei wird uns der Schein in Aussicht gestellt – und das sogar telefonisch, ohne unsere Reporterin gesehen zu haben. "Das ist so eine Art Gentleman's Agreement. Das darf nicht groß an die Glocke kommen, weil dann kriege ich natürlich extreme Probleme", meint der Fahrlehrer.

Naivität oder Skrupellosigkeit?

ARCHIV - Das Motorrad eines 24-jährigen jungen Mannes liegt am 24.07.2015 auf der Autobahn 5 bei Zwingenberg (Hessen) in Fahrtrichtung Norden auf der Straße. Bei dem Verkehrsunfall ist der Motorradfahrer ums Leben gekommen. Wie die Polizei mitteilte,
Jährlich verunglücken etwa 40.000 Motorrad- und Rollerfahrer in Deutschland.
© dpa, Jürgen Mahnke

Unsere Reporter konfrontieren die beiden Fahrschulen. Die Betreiber sprechen mit uns über ihren Fehler. "Ich hätte mich einfach an die Vorschrift halten müssen und sagen 'Nein, das geht nicht'", sagt uns der Mann, der uns erst den Schein und danach erst die Fahrstunden anbieten wollte. "Sie wollen den Leuten einen Gefallen tun." Und auch unser telefonischer Kontakt möchte sein Verhalten abtun. "Die Dame war halt nett am Telefon und hat mich drauf angesprochen." Das sei zwar auch schönes Geld, aber eigentlich sei das nicht sein Geschäftsmodell, meint er lachend. Die Informationen zu den Vorfällen liegen den Behörden vor.

"Diese Menschen haben in unserem Beruf nichts verloren"

Seit dem 1. Januar 2020 können Autofahrer mit ihrem PKW-Führerschein die Fahrerlaubnis für Roller und Motorräder bis 125 Kubikzentimeter Hubraum erweitern. Dazu sind zehn Fahrstunden und acht Theoriestunden nötig. Erst dann entscheidet der Fahrlehrer, ob der Schüler die nötige Kenntnis hat und stellt die Bescheinigung aus. Eine offizielle Fahrprüfung wie beim normalen Führerschein von Tüv oder Dekra entfällt. Genau das nutzen die Fahrschulen aus. "Das ist gewissenlos, rücksichtslos, geht gegen jede Berufsehre", meint Kurt Bartels vom Fahrlehrerverband Nordrhein. "Rücksichtslos vor allem den Teilnehmern gegenüber, weil die vollkommen unvorbereitet auf so ein kompliziertes Gerät wie ein Motorrad aufsteigen." Vergehen müssten stark weiterverfolgt werden. "Diese Menschen haben in unserem Beruf nichts verloren", meint Kurt Bartels. Die gefälschten Bescheinigungen seien eine Form der organisierten Kriminalität – auf Kosten der Verkehrssicherheit.

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