Dr. Christoph Specht: "Das ist Körperverletzung“

"Mehr Zeit zum Nachdenken" - Familienministerium rät Teenies zu Pubertätsblockern - Mediziner ist fassungslos

Berlin: Jugendliche sitzen auf einer Brücke
Ein Rat des Familienministeriums zu Pubertätsblockern bei Jugendlichen hat zu einem regelrechten Shitstorm bei Twitter geführt.
fgj lop alf sab kde, dpa, Fernando Gutierrez-Juarez

von Anna Kriller

„Bist du noch sehr jung? Und bist du noch nicht in der Pubertät? Dann kannst du Pubertäts-Blocker nehmen [...] So hast du mehr Zeit zum Nachdenken. Und du kannst in Ruhe überlegen: Welcher Körper passt zu mir?“ – Dieser Ratschlag stand bis vor Kurzem noch auf dem „Regenbogenportal“ der Bundesregierung, das sich an die LGBTQIA+-Community richtet. Obwohl der Beitrag offenbar seit Jahren online ist, hat er jetzt zu einem regelrechten Shitstorm bei Twitter geführt. Ex-Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) hatte einen Screenshot des entsprechenden Artikels mit den Worten „Das ist doch irre“ gepostet – und für reichlich Diskussionen gesorgt. Mittlerweile hat die Bundesregierung die Formulierung angepasst. Laut Allgemeinmediziner und Medizinjournalist Dr. Christoph Specht sei der Rat zu Pubertätsblockern „brandgefährlich“ und „eine Körperverletzung“. Warum, hat er uns im Interview erzählt.

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"Regenbogenportal"-Artikel mittlerweile angepasst

Nachdem bei Twitter eine heftige Diskussion über die empfohlenen Pubertätsblocker für Kinder und Jugendliche, die sich unsicher über ihr Geschlecht sind, entbrannte, hat sich auch auf der Internetseite des „Regenbogenportals“ etwas getan: „Um Missverständnissen vorzubeugen, wurde der Text inzwischen von der Redaktion angepasst, so dass eindeutig klar wird, dass ausschließlich Ärztinnen und Ärzte über die Notwendigkeit der Einnahme von Pubertätsblockern entscheiden“, teilte am Donnerstag das Bundesfamilienministerium mit.

Auf dem Portal hatte es unter anderem geheißen: „Bist du noch sehr jung? Und bist du noch nicht in der Pubertät? Dann kannst du Pubertäts-Blocker nehmen. [...] Diese Medikamente sorgen dafür, dass du nicht in die Pubertät kommst.“

Seit Donnerstag heißt es nun vorsichtiger: „Bist du noch sehr jung? Und bist du noch nicht in der Pubertät? So kannst du deinen Arzt/deine Ärztin fragen, ob dir Pubertätsblocker vielleicht helfen könnten.“

Und weiter: „Diese Medikamente sorgen dafür, dass du nicht in die Pubertät kommst. Das heißt: Dein Körper entwickelt sich erst mal nicht weiter. Weder in Richtung Frau. Noch in Richtung Mann. So hast du mehr Zeit zum Nachdenken. Und du kannst in Ruhe überlegen: Welcher Körper passt zu mir?“

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Artikel zu Pubertätsblockern seit Jahren online

Das Ministerium betonte, der Beitrag zu Pubertätsblockern sei seit Jahren online. „Er informiert in altersgerechter, leichter Sprache, zu welchen Fragen sich betroffene Kinder, Jugendliche und Eltern beraten lassen sollten.“ Pubertätsblocker seien Medikamente, „die nach sorgfältiger medizinischer Indikation auf Grundlage von wissenschaftlichen Leitlinien von Fachärztinnen und -ärzten verschrieben werden können. Die Bundesregierung empfiehlt nicht die Einnahme von Pubertätsblockern“. Ärzte informierten auch über Risiken und Nebenwirkungen. Im Mittelpunkt müsse die körperliche und seelische Gesundheit der Kinder und Jugendlichen stehen.

Für Allgemeinmediziner und Medizinjournalist Dr. Christoph Specht sei es dennoch kaum zu glauben, dass eine solche Empfehlung seitens der Bundesregierung komme, erklärt er im Interview mit RTL: „Ich kann es nicht fassen! Das hätte ich niemals für möglich gehalten. [...] Das ist eine Körperverletzung!“

Allgemeinmediziner und Medizinjournalist Dr. Christoph Specht
Allgemeinmediziner und Medizinjournalist Dr. Christoph Specht
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Was sind Pubertätsblocker und was machen sie genau?

„Pubertätsblocker verhindern den Eintritt in die Pubertät aus hormonellen Gründen“, erklärt Specht im Interview. Bisher werden sie vor allem bei vorzeitig einsetzender Pubertät (Pubertas praecox) eingesetzt, also wenn Mädchen vor ihrem achten und Jungen vor ihrem neunten Geburtstag in die Pubertät kommen. „Das will man natürlich nicht und das kann man ausbremsen durch sogenannte GnRH-(Gonadotropin-Releasing-Hormon-)Antagonisten“, so Specht weiter. „Diese Substanzen, die man nur spritzen oder nasal verabreichen kann, sind Vorhormone oder Steuerungshormone, die den Keimdrüsen, die für die Hormonproduktion zuständig sind, sagen sollen: ‘produzier mal kein Sexualhormon’. Damit kann man die Pubertät hinausschieben.“

Eingesetzt werden die GnRH-Analoga neben der vorzeitigen oder verfrühten Pubertät auch bei der Krebstherapie. So könne man bei Tumoren von Männern, die auf Testosteron reagieren oder bei Frauen, die Östrogen-getriebene Tumore haben, eine Besserung mit Gegenhormonen erreichen.

Was kann passieren, wenn Jugendliche Pubertätsblocker nehmen?

Laut Specht sei das Problem hier, dass die Pubertätsblocker den Eintritt in die Pubertät eben nur aus hormonellen Gründen verhindern. Das Hirn reife aber trotzdem weiter. „Das kann zu großen Konflikten kommen“, warnt der Mediziner.

„Man suggeriert ja, es gebe so etwas wie eine Pausetaste, wo man einfach mal in der Entwicklung auf Pause drückt, die menschliche Entwicklung hänge ich auf eine Wäscheleine und wenn ich mir dann was überlegt habe, drücke ich wieder auf Play und dann geht es einfach an der Stelle weiter und zwar in der Geschlechtsform, die ich mir dann ausgesucht habe. Wenn es die ist, die von Geburt an habe, kann alles so laufen, wie es ist. Und wenn ich entschieden habe, dass es das andere Geschlecht sein soll, muss ich anschließend erst mal die Gegenhormone nehmen.“

Dieser Eingriff in die Entwicklung müsse laut Specht extrem gut überlegt sein. Denn: Zwar werde die Gehirnentwicklung auch durch Hormone bestimmt, „aber zu glauben, dass nur durch die Hemmung der Sexualhormone auch das Hirn kindlich bliebe, ist nicht richtig. Das Hirn ist dann irgendwo im Niemandsland, weil die körperliche Entwicklung nicht mitkommt.“ Das sei eine Desynchronisation von hormoneller und psychischer Entwicklung.

Vor allem sorge sich der Mediziner aber um die psychologische Seite: „Die Pubertät ist seit Jahrtausenden ein schwieriger Entwicklungsprozess. Das ist immer so. Der eine kommt leichter durch die Pubertät, der andere schwerer. Da gibt es viele Irrungen und Wirrungen, das Verabschieden von kindlichem Denken hin zum Erwachsenwerden“, erklärt Specht.

Alle Wechsel seien geprägt von Schwierigkeiten. Das sei völlig normal. „Meine große Sorge ist, wenn man das jetzt suggeriert, so nach dem Motto ‘deine Irrungen und Wirrungen, die jeder hat, sind möglicherweise so, weil du im falschen Körper lebst’ - dann rede ich das den in dieser Phase hochempfindlichen Jugendlichen ja tatsächlich ein.“

Können Pubertätsblocker eine gute Methode sein für Jugendliche, die sich unsicher bei ihrem Geschlecht fühlen?

„Die Pubertätsblocker haben ihren Sinn bei der vorzeitigen Pubertät und bei den handverlesenen, ganz wenigen Fällen von Kindern und Jugendlichen, die mit ihrem Körper und ihrer Geschlechtsentwicklung ein Problem haben“, sagt Specht.

„Aber ob das ein Problem ist, das auf diese Weise anzugehen ist, das muss von wirklich sehr erfahrenen Therapeuten, spezialisierten Endokrinologen und Psychologen ganz genau diagnostiziert werden und nicht nach dem Motto ‘wir können ja mal auf die Pausetaste drücken’“, so der Mediziner weiter. Hormontherapie und Endokrinologie gehöre zu den kompliziertesten Fächern in der Medizin. „Da muss man wirklich aufpassen!“, warnt Specht.

Ob Pubertätsblocker für jemanden die richtige Therapie seien, müsse durch eine umfangreiche Anamnese und psychische Diagnostik bei Spezialisten herausgefunden werden, damit nicht am Ende durch eine falsche Entscheidung größere Probleme heraufbeschworen werden. „Das ist brandgefährlich!“

Klöckner: "Das ist doch irre (...) Bundesregierung empfiehlt sehr jungen, unsicheren Menschen Pubertäts-Blocker"

Auch im Netz hat der Rat der Bundesregierung für reichlich Zündstoff gesorgt: Am Mittwoch hatte „Bild“ unter anderem Ex-Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) zu dem „Regenbogenportal“-Text zitiert: „Pubertätsblocker sind ein großer und schwerwiegender Eingriff in die Entwicklung der Kinder. Es kann nicht sein, dass die Bundesregierung diese Medikamente empfiehlt wie Hustenbonbons!“

Am Donnerstag schrieb Klöckner bei Twitter, dass das Regenbogenportal bearbeitet werde, sei „Beweis, dass die Art der Ansprache und Präsentation, der Umgang mit dem Thema doch nicht so angemessen ist“. Zuvor hatte sie auch getwittert: „Das ist doch irre (...) Bundesregierung empfiehlt sehr jungen, unsicheren Menschen Pubertäts-Blocker.“

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Nyke Slawik, Bundestagsabgeordnete von Bündnis 90/Die Grünen und gemeinsam mit ihrer bayerischen Parteifreundin Tessa Ganserer erste Transfrau im Bundestag, betonte bei Twitter, dass die Wirkung von Pubertätsblockern reversibel sei - also umkehrbar. Außerdem würden sie „nur nach gesicherter Diagnose verschrieben“. Sie ergänzte: „Stell dir vor, du musst eine Pubertät durchmachen in einem Geschlecht, das nicht deins ist, und was das mit deiner Psyche macht. Und stell dir vor, es gibt medizinische Möglichkeiten das zu verhindern und Leute die dir verbieten wollen, das zu nutzen.“

Allgemeinmediziner Dr. Christoph Specht betont im RTL-Interview abschließend: „Ich sage nicht, dass es die Fälle nicht gibt, aber das sind ganz ganz wenige.“ Pubertät sei eine schwierige Zeit, das sei ganz normal, hier sollte man unterstützen und Hilfe anbieten. Zu suggerieren, man könne ohne Probleme auf eine Pausetaste drücken, sei aber „grottenfalsch“. (akr, mit dpa)