Expertin warnt vor Cholinmangel in der Schwangerschaft

Macht vegane Ernährung unsere Kinder dumm?

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5. September 2019 - 8:30 Uhr

von Jolanda Ost

Wenn es um vegane Ernährung geht, spalten sich die Meinungen. Die einen sind davon überzeugt, dass das Vermeiden von tierischen Lebensmitteln optimal für die Gesundheit sei und Krankheiten vorbeugen könne. Andere sind sich sicher, dass pflanzliche Ernährung zu einseitig sei und dadurch diverse, für den Körper notwendige Nährstoffe nicht aufgenommen werden.

So auch Ernährungswissenschaftlerin Dr. Emma Derbyshire: Laut ihrer These fehlt Veganern oft Cholin; ein Stoff, der zur Gehirnentwicklung beiträgt. Betroffen seien davon nicht nur die Veganer selbst, sondern vor allem die Kinder von Müttern, die sich während der Schwangerschaft pflanzlich ernähren.

Cholinmangel führt zu einer Minderung der Leistungsfähigkeit und des IQs

Die steigende Tendenz zu veganer Lebensweise sei zwar gut für die Umwelt und das Tierwohl, aber schlecht für unsere Gesundheit und die unserer Kinder, so Dr. Emma Derbyshire im Magazin "BMJ Nutrition, Prevention & Health". Konkrekt meint die Ernährungswissenschaftlerin: Durch pflanzliche Ernährung entstehe ein Mangel an Cholin, das unter anderem für die Gehirnentwicklung verantwortlich ist. Besonders problematisch sei dies für werdende Mütter, die sich während der Schwangerschaft vegan ernähren. Ein Cholinmangel könne die Gehirnentwicklung des Kindes beeinträchtigen, was zu einer Minderung der Leistungsfähigkeit und des IQs führe. Kann unsere Ernährung wirklich schuld daran sein, dass die nächste Generation verdummt?

Was ist Cholin und wofür ist es in unserem Körper zuständig?

Cholin gilt als organische Verbindung und wurde früher als Vitamin klassifiziert. Es ist ein semi-essentieller Nährstoff, der vom menschlichen Körper gebildet werden kann und nicht gänzlich über die Ernährung zugeführt werden muss - sollte er aber, da die Produktion des Körpers nicht ausreicht, um den Bedarf zu decken. Die Verbindung ist an verschiedenen Prozessen beteiligt: Sie trägt zur Funktion von Nerven, Muskeln, Leber, Herz-Kreislaufsystem, Immunsystem, Stoffwechsel und des Gehirns bei und spielt eine Rolle bei der Entwicklung von Nervenzellen.

Eier und Speck
Eier und Speck sind tierische Produkte mit hohem Cholingehalt.
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Ist Cholinmangel nur ein Problem von Veganern?

"Ein Cholinmangel kann prinzipiell jeden treffen, wenn sich zu einseitig und unausgewogen ernährt wird. Veganer sind insbesondere betroffen, da Cholin reichlich in tierischen Produkten vorkommt, es gibt aber auch viele cholinhaltige, pflanzliche Nahrungsmittel. Grundsätzlich wird eine zu einseitige Ernährung in Kombination mit dem Verzicht auf bestimmte Lebensmittel immer zu einer Fehlversorgung mit Nährstoffen führen", erklärt Ernährungswissenschaftler Heiko Griguhn.

Cholinhaltige tierische Produkte:

  • Milch
  • Fisch
  • Eier
  • Schweinefleisch
  • Speck

Cholinhaltige pflanzliche Produkte:

  • Soja
  • Weizenkeime
  • Amaranth
  • Quinoa

Kann der Cholinbedarf durch vegane Ernährung gedeckt werden?

Zunächst sei es laut Ernährungswissenschaftlerin Alexa Iwan wichtig zu erwähnen, dass der tägliche Cholinbedarf eines Menschen bisher nicht eindeutig festgelegt ist. Er variiere je nach genetischer Ausstattung, ethnischer Zugehörigkeit und Lebenssituation. Wenn man gezielt etwas in der Ernährung weglasse, solle man sich damit auseinandersetzen, wie die Nährstoffe anderweitig zugeführt werden können, ergänzt Griguhn.

Nahrungsergänzungsmittel brauche der gesunde Mensch dabei nicht - ob Veganer, Vegetarier oder Fleischesser. Eine ausgewogene und abwechslungsreiche Ernährung könne im Normalfall den Nährstoffbedarf des Körpers komplett abdecken. Das gelte auch für die genannten Cholinquellen in pflanzlichen Nahrungsmitteln.

Nahrungsergänzungsmittel
Laut dem Ernährungsexperten benötigen normalgesunde Menschen keine Nahrungsergänzungsmittel.
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Wie gefährlich ist Cholinmangel in der Schwangerschaft?

Cholin wird in unserem Körper zur Bildung von Lecithin, einem Bestandteil der Zellwände, sowie Acetylcholin, einem Neurotransmitter, benötigt: "Damit ist klar, dass Cholin eine wichtige Funktion für unsere Gehirnentwicklung und Gehirnfunktion hat. Und daraus folgt, dass Schwangere, Stillende und auch kleine Kinder besonders viel Cholin benötigen", erklärt Iwan.

Ein Cholinmangel wirkt sich bei Erwachsenen zum einen negativ auf die Nieren, die Bauchspeicheldrüse, die Leber und das Immunsystem aus, zum anderen können Muskel-, DNA- und Nervenschäden entstehen. Bei einem ungeborenen Kind entstehen laut Griguhn bei einer Cholin-Unterversorgung schon im Frühstadium Schäden, die Forschung gehe von diversen Effekten aus: "In Tierversuchen ergaben sich Hinweise auf Störungen der Zellteilung und der Entwicklung der Nervenfasern, die für Erinnerungsverlust und Lernprobleme sorgen."

Während der Schwangerschaft sollte ausreichende Versorgung gewährleistet sein

Grundsätzlich gilt: Fehlt ein essentieller Nährstoff, können Störungen in der Entwicklung eines Fötus entstehen. Deshalb ist es wichtig, während der Schwangerschaft auf eine ausreichende Versorgung zu achten. Dazu gehören unter anderem - abgesehen von Cholin - Eiweiß, Zink, Eisen, Omega-3-Fettsäuren, Vitamin A und Vitamin B12. Nahrungsergänzungsmittel für Schwangere in Deutschland enthalten all diese Stoffe, abgesehen von Cholin. Laut Iwan empfehlen die American Medical Association und die American Academy of Pediatrics, Cholin mit in die Präparate aufzunehmen.

Wirkt sich vegane Ernährung einer Schwangeren auf das Gehirn ihres Kindes aus?

Da bisher keine ausreichenden Studien vorliegen und Cholin erst in den letzten Jahren genauer untersucht wurde, ist es laut beiden Experten nicht möglich, eine abschließende Aussage darüber zu treffen, inwiefern sich die Ernährung einer Schwangeren auf das Gehirn ihres Babys auswirkt. Das Phänomen lässt sich jedoch keinesfalls ausschließlich auf vegane Ernährung beziehen. Problematisch sei bezüglich einer konkreten Aussage vor allem, dass bisherige Forschungen an Tieren durchgeführt wurden. Zum einen seien die Ergebnisse nicht direkt auf den Menschen übertragbar und zum anderen könne der direkte Effekt von Ernährung auf bestimmte Krankheiten nicht immer bewiesen werden.

Der menschliche Körper wird von vielen anderen Faktoren wie Alter, Geschlecht, genetische Veranlagung oder Gesundheitszustand beeinflusst. Laut Griguhn gelte es trotzdem zu betonen: "Es wird vermutet, dass rund 90% der ernährungsmitbedingten Krankheiten durch eine optimierte Ernährung verhindert oder zumindest verbessert werden können. Das sollte uns allen zu denken geben. Der Mensch ist, was er isst!"

Es sollte also jeder versuchen, seinem Körper die Nährstoffe zu geben, die er braucht. Schwangere sollten sich in jedem Fall von ihrem Arzt beraten lassen, um einer Mangelernährung vorzubeugen. Wenn der Körper mit allem, was er braucht, versorgt ist, ist im Normalfall auch das Kind ausreichend versorgt - ob mit tierischen Produkten oder ohne.