Landesregierungen im Blindflug

Haben die Bundesländer genügend Luftfilter für alle Schulen?

Coronavirus - Luftfilter in Schulen
Coronavirus - Luftfilter in Schulen
© dpa, Sven Hoppe, shp sb

23. August 2021 - 9:57 Uhr

Genaues weiß niemand

Die Sommerferien gehen in den meisten Bundesländern langsam zu Ende – in einigen hat die Schule schon wieder begonnen. Gleichzeitig steigen die Coronazahlen fast täglich. Die Frage, wie sich Schüler schützen und Schulschließungen in diesem Winter vermieden werden können, haben Experten nun doch mit Luftfilteranlagen beantwortet. Doch wie ist der Stand in den einzelnen Bundesländern? Eine exklusive RTL-Recherche zeigt: Genaues weiß niemand.

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Meidinger: Nur zehn Prozent der Klassen haben Luftfilter

Lüften, Abstand und zur Not Wechselunterricht. Das war die Devise im Herbst 2020 in den deutschen Schulen. Doch vor allem der Unterrichtsausfall oder das Homeschooling sollen im Herbst 2021 um jeden Preis vermieden werden. Denn vor allem in den kalten Monaten ist das mit dem Lüften so eine Sache. Aber was hat sich im Vergleich zum vergangenen Schuljahr geändert. Laut Lehrerpräsident Heinz-Peter Meidinger zu wenig. "Das Thema Luftfilter ist ein Trauerspiel", so Meidinger. Sechs von 16 Bundesländern hätten bis heute kein Konzept vorgelegt, um solche Geräte zu beschaffen. Das habe zur Folge, dass Stand heute "nur rund zehn Prozent aller Klassenräume in Deutschland mit Luftfiltern ausgestattet sind".

Dabei seien solche Filteranlagen ein "wichtiger Baustein" so Meidinger. Er gibt aber zu: Der Grund für das Versagen liegt nicht allein bei der Politik. Es ist mal wieder der viel kritisierte deutsche Flickenteppich und die Zuständigkeiten.

Viele Landesregierungen im Blindflug

Zu diesem Ergebnis kommt auch eine exklusive RTL-Recherche. Nur fünf von 16 Landesregierungen konnten auf Anfrage überhaupt Zahlen zu Luftfiltern in den jeweiligen Klassenräumen im Land liefern. Und nur drei davon – nämlich die der Stadtstaaten Berlin, Hamburg und Bremen – sind bisher so tätig geworden, dass ein Großteil der Klassen mit Filtern ausgerüstet ist.

Einen anderen Weg geht dagegen Mecklenburg-Vorpommern, wie Ministerpräsidentin Manuela Schwesig im RTL-Interview erläutert hat: "Wir haben mit unseren Gesundheitsexperten von den Universitäten Rostock und Greifswald ein Hygienekonzept für die Schulen entwickelt, aber wir setzen auf das echte Lüften. Schulen, die das wollen können natürlich auch die Luftfilter anschaffen, aber unsere Experten sagen, 'das echte Lüften ist noch besser'" Alle anderen Bundesländer blieben eine Antwort bisher schuldig oder verweisen darauf, dass das Land nicht für die Ausrüstung der Schulen zuständig sei.

+++ Dicke Luft – Wieso diese Schule geschenkte Luftfilter ablehnt +++

Es herrscht also Blindflug in Sachen Corona-Schutz in den meisten Bundesländern. Zwar haben viele Bundesländer zusätzlich zum Paket der Bundesregierung weitere Förderprogramme aufgelegt. Aber es stellt sich die Frage: Wie soll überprüft werden, ob die ausreichen, wenn den Landregierungen keine Zahlen vorliegen?

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Hamburgs Schulsenator Ties Rabe
Hamburgs Schulsenator Ties Rabe hat rund 10.000 Luftfilter für Hamburgs Schulen bestellt.
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Berlin, Hamburg und Bremen beschaffen Tausende Luftfilter

Anders sieht das in Berlin, Bremen und Hamburg aus.

Bremen:

Wie die Bremer Senatskanzlei mitteilte sind die Klassenräume im Land inzwischen zu 60 Prozent mit Luftfiltern oder Luftreinigungsgeräten ausgestattet. Dafür wurden bereits mehr als 2600 Geräte beschafft und auch bereits aufgestellt. Und damit liegt man auch gut in der Zeitplan. Denn selbst für noch nicht ausgestattete Klassenräume seien Geräte bestellt und bis zum Schulstart am 1. September bleiben ja auch noch knapp vier Wochen.

Berlin

Auch in Berlin ist man mit den Luftfilteranlagen schon ziemlich weit, wie ein Sprecher der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie mitteilte. Es seien zum jetzigen Zeitpunkt knapp 8000 Luftfiltergeräte an die Schulen ausgeliefert worden, 3000 weitere seien bereits bestellt. Bei einer Anzahl von etwa 12 000 Klassen im Stadtgebiet würde damit jeder Klasse ein Luftfilter zur Verfügung stehen.

Hamburg

In der Hansestadt kann man mit solchen Zahlen noch nicht aufwarten. Zumindest noch nicht. Aber immerhin wurden dort jetzt die ersten Geräte bestellt. "Wir haben jetzt rund 10 000 Lüftungsfilter ausgeschrieben. Das ist mehr, als wir überhaupt Schulklassen haben", sagte Bildungssenator Ties Rabe am RTL-Mikrofon. Er sei aber sehr zuversichtlich, dass die Geräte bis Mitte August geliefert werden könnten. Damit würde zwar der Schulstart hauchdünn verpasst, aber "wir brauchen ja auch noch nicht alle Luftfilter. Die sind erst wichtig, wenn es draußen kalt wird", so Rabe.

Rheinland-Pfalz und Niedersachsen zumindest minimal ausgerüstet

Zumindest ein bisschen Licht ins Dunkel können die Kultusministerien in Niedersachsen und Rheinland-Pfalz bringen. Zwar verweise auch die Ministerien dieser beiden Länder darauf, dass für die Schulgebäude die Schulträger zuständig seien. Immerhin wurde aber bereits ein Grundstock an Luftfilteranlagen beschafft.

Rheinland-Pfalz

Bereits im vergangenen Herbst 2020 sei ein Förderprogramm für mobile Luftfiltergeräte in Höhe von sechs Millionen Euro aufgelegt worden und darüber bislang rund 1 200 Geräte angeschafft worden, teilt das Kultusministerium in Mainz auf RTL-Anfrage mit. Bei rund 17 700 Klassenräumen wäre das aber eher ein Tropfen auf den heißen Stein.

Niedersachsen

Noch dramatischer stellt sich die Situation in Niedersachsen dar. Bereits im vergangenen Herbst wurde ein Programm "Schutzausstattung für Schulen" in Umfang von 20 Millionen Euro aufgelegt, heißt es in einer Mitteilung des zuständigen Ministeriums. Allerdings seien davon nur rund eine Million für Luftfilter ausgegeben worden. In konkreten Zahlen heißt das: 550 Luftreiniger wurden definitiv beschafft. Bei mehr als 840.000 Schülern in mehr als 30.000 Klassenräumen würde nicht mal jede Schule ein Gerät bekommen.

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