Braunkohledorf in Nordrhein-Westfalen wird geräumtLützerath-Räumung im Liveticker – Greta Thunberg in Polizeigewahrsam

Der Energiekonzern RWE will das rheinische Dorf Lützerath im Westen von Nordrhein-Westfalen abreißen, um die darunter gelegene Kohle abzubauen. Boden und Häuser des von Ackerbau geprägten Ortes gehören mittlerweile RWE. In den verlassenen Gebäuden von Lützerath leben seit Monaten Aktivisten, die verhindern wollen, dass der Ort im Rheinland für den Tagebau abgebaggert wird

Thorsten Berger

Greta Thunberg nahe Lützerath in Polizeigewahrsam

Die schwedische Klima-Ikone Greta Thunberg ist nach Polizeiangaben am Dienstag zusammen mit anderen Demonstranten bei Protesten gegen den Abriss des Dorfes Lützerath festgenommen worden. Thunberg hatte sich vergangene Woche den Protesten gegen den Abbau der unter dem Dorf liegenden Kohle durch den Energiekonzern RWE angeschlossen. Sie wurde nun festgenommen, als sie am Rande des Kohletagebaus Garzweiler 2, der einige Kilometer von Lützerath entfernt liegt, protestierte. Ein Reuters-Fotograf sah, wie sie nach der Festnahme allein in einem Polizeibus saß und "Daumen hoch" zeigte.

Eine Polizeisprecherin bestätigte, Thunberg sei für die Feststellung der Personalien in Gewahrsam genommen worden. Sobald die Identitäten aller Beteiligten feststünden, würde die Gruppe in Bussen aus dem Gefahrenbereich gefahren und dann entlassen.
Greta Thunberg zeigt nach ihrer Festnahme "Daumen hoch" aus dem Polizeibus
Greta Thunberg zeigt nach ihrer Festnahme "Daumen hoch" aus dem Polizeibus. REUTERS
(kra)

Bundestag debattiert über Lützerath-Einsatz

In einer Aktuellen Stunde im Bundestag zu den Protesten in Lützerath hat es eine Diskussion über das Verhalten von Polizei und Demonstranten sowie die Energiepolitik der Bundesregierung gegeben. Kritik gab es in der Debatte am Freitag insbesondere an den Grünen, die den Kompromiss zum Kohleausstieg im Rheinischen Revier zwar im Bundestag unterstützt hatten, aus deren Reihen es aber zur Räumung von Lützerath missbilligende Stimmen gab.

Der CSU-Abgeordnete Volker Ullrich warf den Grünen Doppelmoral vor. Die Grünen müssten mehr Braunkohle verfeuern und deshalb mehr CO2 ausstoßen, weil sie selbst eine übergangsweise Verlängerung der Stromerzeugung aus Atomkraft ablehnten. Die Linken-Abgeordnete Janine Wissler warf den Grünen übermäßige Kompromissbereitschaft in Sachen Klimaschutz vor: "Wenn es wirklich ernst wird, zeigen die Grünen ein Rückgrat wie Wackelpudding."

Die klima- und energiepolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion, Ingrid Nestle, verteidigte den Kompromiss zum Kohleausstieg 2030 im Rheinischen Revier und erklärte, nun komme es auf erneuerbare Energien, Energieeffizienz und -einsparungen an. "Und hier liefert die Ampel."

Mehrere Redner betonten den hohen Stellenwert des Demonstrationsrechts, mahnten aber, Proteste müssten friedlich bleiben. Der innenpolitische Sprecher der FDP-Fraktion, Manuel Höferlin, äußerte sich ähnlich und warnte vor einer Polarisierung von Debatten. "Die eigene Meinung wird absolut gesetzt." Kompromisse würden dann als persönliche Niederlage empfunden, so komme es zu Grenzüberschreitungen.
Jule Jänsch

Polizei bestreitet "Inszenierung" mit Greta Thunberg

Polizisten halten Greta Thunberg fest, während Fotografen ihre Bilder machen - diese Szene hat in sozialen Netzwerken den Vorwurf einer "Inszenierung" ausgelöst. Das wies ein Sprecher der Polizei Aachen zurück. Zu der Szene sei es gekommen, als Thunberg am Dienstag zusammen mit anderen Klimaaktivisten unmittelbar an der Abbruchkante des Braunkohlereviers demonstriert habe. Alle Aktivisten seien gleich behandelt worden und kurzzeitig in Gewahrsam genommen worden. Das Fotografieren dieser Situation zuzulassen, sei ein Gebot der Pressefreiheit, sagte der Polizeisprecher. Die Polizisten hätten aber definitiv nicht mit der Aktivistin "posiert".
Jule Jänsch

Bilanz gezogen: 3700 Polizisten in Lützerath eingesetzt 

Bei der Räumung der Siedlung Lützerath für den Braunkohle-Abbau sind bis zu 3700 Polizisten gleichzeitig im Einsatz gewesen. Das geht aus einem Bericht des NRW-Innenministeriums an den Landtag hervor. Die nordrhein-westfälische Polizei sei von Kräften aus fast allen Bundesländern und des Bundes unterstützt worden. Aus der Bilanz geht außerdem hervor: 372 Menschen hätten Lützerath freiwillig verlassen, 159 hätten von der Polizei weggebracht werden müssen. NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) hatte am Montag zudem von 180 Strafanzeigen berichtet.