"Die Wahrscheinlichkeit, dass ich Krebs bekomme, liegt bei 100 Prozent"

Warten auf den Krebs: Wie beeinflusst die allgegenwärtige Angst die Psyche?

Siria Campanozzi ("Temptation Island") leidet an einem seltenen Gendefekt.
© Was danach geschah, TVNOW

07. Juli 2020 - 13:08 Uhr

Diagnose: Li-Fraumeni-Syndrom

"Die Wahrscheinlichkeit, dass ich Krebs bekomme, liegt bei 100 Prozent", sagt Siria Campanozzi ("Temptation Island"). Die Pforzheimerin leidet an dem sogenannten Li-Fraumeni-Syndrom. Der Gendefekt führt zu dem deutlich erhöhten Krebsrisiko. Was macht es mit einem Menschen, wenn die Angst vor dem Krebs und dessen Folgen allgegenwärtig ist?

Wie wirkt sich eine solche Diagnose auf die Psyche aus?

Siria ist gerade einmal 20 Jahre alt. Aber schon jetzt lebt sie in dem Bewusstsein, dass das Leben schnell zu Ende könnte. Denn: Das Li-Fraumeni-Syndrom, an dem die junge Frau leidet, führt dazu, dass sie eine Krebswahrscheinlichkeit von 100 Prozent hat. Wie eine solche Diagnose die Psyche belastet, erklären Experten der Psychosozialen Krebsberatung Wuppertal: "Die Diagnose einer Krebserkrankung ist oftmals mit einem einschneidenden und lebensbedrohlichen Erleben verbunden. Die Krankheit ist eine existenzielle Belastungsprobe für Körper und Seele", erklären die Experten.

Wie stark die Seele leide, werde vielfach erst nach und nach deutlich. So erlebten viele Betroffenen ein bis dahin unbekanntes und zugleich aufwühlendes Gefühlschaos. "Dieser erlebte starke Stress hat oft Auswirkungen auf den beruflichen und persönlichen Alltag, auf Beziehungen zu Partnern, Angehörigen und Freunden. So kann ein extrem hohes und anhaltendes Stresslevel dazu führen, dass sich der Schlafrhythmus durch permanente Grübeleien und innere Unruhe verändert, eine erhöhte Traurigkeit, Wut- und Angstgefühle wahrgenommen werden und Gedanken der Hilflosigkeit, Verzweiflung und Unsicherheit im Vordergrund stehen", so die Experten weiter. 

Daher sei es wichtig für die Patienten, Bewältigungsstrategien und Ressourcen abrufen zu können. Ohne diese könne die Belastung Einfluss auf die psychische Gesundheit nehmen. "Dies kann ein erhöhtes Risiko darstellen, eine Depression oder Angststörung zu entwickeln."

Welche Bewältigungsstrategien helfen beim Umgang mit Ängsten?

"Mit dem Bewusstwerden der Belastungen und der Zunahme der Ängste entsteht bei vielen Betroffenen zunächst der Wunsch, in sich hineinzuhorchen und aktiv etwas zu verändern. An dieser Stelle kann es zunächst hilfreich sein, sich einen professionell ausgebildeten Gesprächspartner zu suchen, um die Situation aus einer anderen Perspektive zu betrachten und neu einzuordnen", erklären die Experten.

Angst sei eine ganz natürliche Emotion auf eine Bedrohung, wie z.B. dem Li-Fraumenin-Sydrom. Hier könne sie verstärkt große Unsicherheiten auslösen und ein Gefühl der Machtlosigkeit und Handlungsunfähigkeit vermitteln.

"Um einen adäquaten Umgang mit dieser zu finden, ist es wichtig, sie zunächst möglichst detailliert zu verstehen und ihr einen geschützten Raum zu geben, in der sie bewusst zugelassen werden kann. Dies sollte nach Möglichkeiten in einem gut begleiteten Rahmen, wie dem einer psycho-(onko-)logischen Beratung oder vertiefend in einer fundierten Psychotherapie erfolgen", empfiehlt die Psychosoziale Krebsberatung Wuppertal. Dort könnten Patienten lernen, wie man im Hier und Jetzt, aber auch zukünftig mit diesen belastenden Gefühlen und der Situation umgehen kann.

Wichtig sei außerdem die Stärkung der Selbstfürsorge. So könnten achtsamkeitsbasierte Verfahren (z.B. Progressive Muskelentspannung, Autogenes Training) oder Mediationen/ Traumreisen dabei helfen, Stress zu reduzieren, Entspannung zu generieren und damit das Risiko für Angststörungen oder Depressionen zu verringern. 

Wie beeinflusst die Diagnose Li-Fraumeni-Syndrom das Leben als Familie?

Wie bei Siria, deren Vater im Alter von 38 Jahren an der Krebs gestorben und deren jüngere Schwester an Krebs erkrankt ist, sind häufig mehrere Familienmitglieder von einer genetisch bedingten Erkrankung betroffen. Wie beeinflusst die Diagnose das Leben als Familie und den Umgang mit dem Wissen der Weitergabe des "schlechten Gens"? "Von einer derartigen Diagnose, wie die des Li-Fraumeni-Syndroms, können Familienmitglieder nicht nur körperlich, sondern eben auch psychisch beeinflusst sein. So können Gefühle der Traurigkeit, Wut, Angst und insbesondere auch Schuld und Scham eine besondere Rolle spielen", erklären die Experten.

Sie raten dazu, diese Gefühle nicht unbearbeitet zu lassen und sich professionelle Unterstützung zu holen. Denn oft führten Gedanken, wie "Ich möchte anderen mit meinem Problem nicht zur Last fallen" dazu, stillschweigend und allein mit der schweren Lebenssituation umzugehen. "Hier empfehlen wir das professionelle Leistungsangebot einer Krebsberatungsstelle. Betroffene, Angehörige und Interessierte können in allen Phasen des Krankheitsverlaufs bedarfsgerecht – einmalig oder fortlaufend – das Beratungsangebot einer Psychosozialen Krebsberatungsstelle in Anspruch nehmen", so die Psychosoziale Beratungsstelle Wuppertal.

Das Angebot stehe allen Ratsuchenden zeitnah während des gesamten Krankheitsgeschehens kostenfrei zur Verfügung. 

Krebsberatung: Hier finden Betroffene Hilfe!

Die Anschriften der einzelnen Krebsberatungsstellen und auch weiterführende Informationen zum Krankheitsbild erhalten die Ratsuchenden auf der Seite des Krebsinformationsdienstes (www.krebsbinformationsdienst.de).