Was erlaubt sich die UEFA?

Über den "Fall Eriksen" muss man sich wundern

14. Juni 2021 - 11:00 Uhr

Zum Glück geht es Eriksen besser

Von Tobias Nordmann

Es ist eine verdammt gute Nachricht, die vermutlich beste und schönste, die es bei dieser Fußball-Europameisterschaft gibt und geben wird: Dänemarks Kapitän Christian Eriksen geht es nach seinem Herzstillstand besser. Zeit, sich über den Fall zu wundern.

"Einer der beängstigenden Momente meines Lebens"

Wie verstörend der Fall Christian Eriksen ist, das entlarvte sich bereits am Samstagabend in einem kleinen Detail. Einem Detail, dem bislang kaum tiefergehende Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Die Fußballer der dänischen Nationalmannschaft hatten sich nach einem Telefonat mit ihrem kollabierten Spielmacher, um dessen Leben sie zuvor auf dem Spielfeld teilweise weinend minutenlang gezittert hatten, entschieden, ihr erstes Spiel bei der EM gegen Finnland fortzusetzen. Wie schlimm diese Momente an der Seite des gegen den Tod kämpfenden Eriksen waren, bekannte Martin Braithwaite am Tag nach dem Kollaps. Der Däne vom FC Barcelona twitterte: "Der letzte Abend war einer der beängstigenden Momente meines Lebens." Dass das Spiel mit 0:1 gegen den Außenseiter verloren ging, es war die wirklich belangloseste Geschichte an diesem dramatischen Abend von Kopenhagen.

Man muss sich das nochmal ganz genau vorstellen: Ein Spieler, der auf dem Platz zusammengebrochen war, der einfach nach vorne übergefallen war (was für eine krasse Szene) und reglos liegenblieb, der schließlich mit einem Defibrillator reanimiert werden musste, telefoniert keine Stunde später angeblich via Facetime mit seinen Team-Kollegen und bittet sie darum, weiterzuspielen. Man kann das emotional finden. Das ist es natürlich auch. Aber eigentlich ist diese Geschichte absurd. Und zwar nur das. Sie hätte so nie erzählt werden sollen. Nach einem sich ewig anfühlenden Moment, der die Fußballer, die Fans im Stadion und daheim in Schock versetzt, sollte es nicht darum gehen, ob weitergespielt wird. Und da ist man dann ganz schnell bei einer Anklage gegen die UEFA.

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War das wirklich ein faires Angebot?

Die Dänen, allen voran der Direktor des Verbands, Peter Möller, bemühten sich zwar darum, die UEFA aus der Verantwortung zu nehmen, es habe überhaupt keinen Druck gegeben. Aber das ist eben nur Teil der Wahrheit. Denn die Alternative zum Spielabbruch wäre eine Neuansetzung am Folgetag um 12 Uhr gewesen. Auch das muss man sich mal vorstellen. Die Spieler wären ins Teamquartier geschickt worden, sie hätten weiter um Eriksen gebangt, ohne zu wissen, ob klar ist, wie es ihm am Sonntagmittag geht. Wie gut er die Nacht übersteht. Was genau eigentlich passiert ist. Ist das faires Angebot? Die Antwort muss man nicht aussprechen.

Klar, eine Europameisterschaft ist natürlich eng getaktet. Spielraum für Verlegungen und Verschiebungen gibt es nicht. Aber was ist das für ein Argument, wenn es um Menschenleben geht? Ein schlechtes? Nein, ein zynisches. Ebenso wie der Rückzug auf Regeln. Auf die eigenen, die übrigens einen Abbruch wegen unvorhersehbarer Umstände möglich macht (Artikel 69 des EM-Regelwerks). Der Überlebenskampf eines Spielers könnte ja dazu gehören.Besonders zynisch ist auch: Die UEFA wurde mit der Fortsetzung des Spiels auch belohnt. Durch den Fall Eriksen bekam dieses Spiel sensationelle Einschaltquoten. Gut, dafür kann man die UEFA nicht verantwortlich machen. Das ist eben der Mensch eigene Voyeurismus. Der Vorwurf muss lauten: Der Europäische Fußball-Verband darf sich in einem solchen Fall nicht verstecken, nicht hinter Paragrafen und der Verantwortung der Spieler. Die klare Ansage müsste lauten: Abbruch. Und über eine Neuansetzung sprechen, wenn klar ist, wie es einem Spieler, wie nun eben Eriksen, geht.

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Gefühl für Verantwortung? Nicht bei der UEFA

Und die Lage ist natürlich nicht klar, wenn er nach einer Reanimation auf dem Spielfeld den Daumen hebt. Das ist ein erstes gutes Zeichen. Nicht mehr. Dass die UEFA eine völlig verstörte Mannschaft mit der Entscheidung alleine lässt, unfassbar. Absurd. Nichts ist in solchen Momenten peinlicher als das Prinzip "The show must go on". Man kann in der Wut auf den Verband auch nochmal die ganz große Schleife drehen, man kann die Ignoranz gegenüber Themen wie Nachhaltigkeit, Klimaschutz, Achtung von Menschenrechten oder Corona-Pandemie (Zuschauergarantien sind das Stichwort) in die Gemengelage des Samstagabends von Kopenhagen einrühren, es bringt aber nichts. Es wäre ebenfalls zynisch, die großen Themen der Gesellschaft mit den dramatischen Szenen um Eriksen zusammenzubringen.

Aber es ist eben so, dass der Verband eine emotionale Kälte - und das ist nur der niedlichste Ausdruck, dessen was gemeint ist - ausstrahlt, wenn größtmögliche Sensibilität angebracht wäre. Knallharte ökonomische Gedanken weichen da gesellschaftlicher Verantwortung. Die Kritik, das Unverständnis, die Wut, sie waren entsprechend groß. Und angemessen.

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"Es war nicht die richtige Entscheidung"

Die Spieler wurden "vor eine Wahl gestellt, die keine echte Wahl ist. Ich finde es falsch, eine Entscheidung so kurz nach einem emotionalen Ereignis treffen zu müssen", schimpfte Dänemarks Legende Michael Laudrup als EM-Experte des dänischen Fernsehsenders TV3+. Wenn so etwas passiere, seien die Spieler "voller Emotionen und haben nicht die Übersicht, um wichtige Entscheidungen zu treffen. Es muss jemanden geben, der dann sagt: Wir hören hier auf." Weltmeister Christoph Kramer sagte als Experte des ZDF: "Das ist für mich der absolute Wahnsinn, das geht nicht. Da liegt der Fehler meiner Meinung nach bei der UEFA. Da muss irgendjemand sagen: 'Leute, jetzt schlaft mal eine Nacht drüber'. Ich weiß nicht, wer da eine andere Meinung haben kann. Die Frage ist, kann einer von denen (den Spielern) in diesem Moment einen klaren Gedanken fassen. Da sage ich: Nein."

Und wie richtig dieses "Nein" war, gestand Dänemarks Trainer Kasper Hjulmand am Tag nach dem Spiel. "Es ist sehr schwierig. Aber wenn ich zurückblicke, war es aus meiner Sicht die falsche Entscheidung. Ich denke ehrlich gesagt nicht, dass sie auf den Platz hätten zurückkehren sollen. Die Spieler waren unter Schock und sollten dann aus diesen zwei Alternativen entscheiden. Vielleicht hätten wir einfach in den Bus steigen sollen und gucken, was am nächsten Morgen ist. Das ist mein Gefühl." Ihn plage ein bisschen ein "schlechtes Gewissen", sagte er. Auch Sportdirektor Möller gestand ein, dass die Fortsetzung ein Fehler war: "Es war nicht die richtige Entscheidung weiterzuspielen." Generell müsse man "darüber nachdenken, was man in Zukunft in so einer Situation macht."

Ein erster, ein wirklich sehr kluger Ansatz wäre, sich als UEFA nicht hinter Regularien zu verstecken.

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