Krankenpflegerin postet offenen Protestbrief auf Facebook: So reagiert Gesundheitsminister Jens Spahn

20. November 2018 - 17:56 Uhr

Kinderkrankenpflegerin schildert katastrophale Zustände

Ein offener Brief auf Facebook trifft derzeit den Nerv von zehntausenden Menschen: Darin macht Kinderkrankenpflegerin Johanna Uhlig ihrem Frust Luft und wendet sich direkt an Gesundheitsminister Jens Spahn. In bewegenden Worten kritisiert sie den akuten Pflegenotstand in deutschen Krankenhäusern und in der ambulanten Pflege. Sie schlägt Alarm: "Die Dinge laufen aus dem Ruder. Wir Pflegekräfte können nicht mehr geben!"

"Erschöpft, verärgert und enttäuscht"

Nach einer Reihe von Nachtschichten kommt Johanna nach Hause. Die Kinderkrankenpflegerin ist völlig erschöpft, doch sie kann und will ihren Appell an die Regierung nicht länger aufschieben: "In einem solchen Beruf gibt es immer wieder Tage, an welchen ein Notfall den anderen jagt und man das Gefühl hat sich vierteilen zu müssen. Das ist normal. Allerdings ist es nicht normal, dass sich aktuell fast JEDER Dienst so gestaltet und man nur noch das Unerlässliche am Patienten verrichten kann", schreibt die junge Frau auf Facebook über ihren Berufsalltag auf einer Intensivstation für Neugeborene.

Sie klagt den immer deutlicheren Fachkräftemangel in jedem Bereich der Pflege an: "Erfahrene Kollegen kündigten, weil sie den drohenden Qualitätsverlust nicht mehr persönlich mittragen konnten. Es gab Kündigungen von jungen Kollegen, die sich nach einigen Monaten nicht vorstellen konnten, diese Arbeit fortzuführen. Selbst Auszubildende orientieren sich sofort um." Doch mit mehr Geld sei es noch lange nicht getan, betont Johanna, die seit vier Jahren in einem Krankenhaus für Maximalversorgung arbeitet. "Keiner meiner Kollegen wäre geblieben, selbst wenn man ihnen deutlich mehr Gehalt angeboten hätte. Die Arbeitsbedingungen müssen sich radikal ändern."

"Wer kann da noch ohne Angst in ein Krankenhaus gehen?"

In ihrem Bereich sei der Personalschlüssel im Vergleich zur Kranken- und Altenpflege noch "verhältnismäßig ordentlich", aber auch sie komme schon längst an ihre Grenzen und in ihren Schichten weder dazu, etwas zu essen, noch etwas zu trinken – nicht mal auf die Toilette schaffe sie es an manchen Tagen. "Pflegekräfte machen bei ihrer persönlichen Fürsorge Abstriche, um die Pflege am Patienten auf einem möglichst guten Niveau zu halten. Nicht nur aus Fürsorgepflicht, sondern auch aus Angst etwas zu vergessen, nicht korrekt zu dokumentieren und am Ende mit einem Fuß im Gefängnis zu stehen."

Doch vor allem das Wohl ihrer Patienten bereitet Johanna große Sorgen. "Patienten äußern Schmerzen, die Pflegekraft jedoch ist im Nachtdienst allein und schafft es nicht, zügig ein Schmerzmittel zu verabreichen. Wer kann da noch ohne Angst in ein Krankenhaus oder Pflegeheim gehen?", klagt sie an. Auch in der ambulanten Versorgung sieht die Pflegerin extreme Engpässe. "Die Menschen zu Hause warten. Aber was passiert, wenn eines Tages niemand mehr kommt?"

"Kämpfen Sie mit uns!"

In der sogenannten generalistischen Pflegeausbildung, in der die Spezialisierung auf bestimmte Bereiche ab 2020 durch einen allgemeinen Abschluss als Pflegefachkraft ersetzt werden soll, sieht Johanna "die Kirsche auf der Sahnehaube der Probleme": Niemals wäre sie in der Lage, ältere Menschen so kompetent zu versorgen wie eine examinierte Altenpflegekraft, und genauso wenig könne diese im Umkehrschluss einen 500 Gramm schweren Patienten so gut versorgen wie sie als Kinderkrankenschwester. Sie warnt: "Dies wird im schlimmsten Fall zum Tod von Patienten führen."

Ihren bewegenden Appell beendet Johanna mit einer direkten Aufforderung an Jens Spahn: "Kämpfen Sie mit uns für ein Gesundheitssystem, in dem Menschen verantwortungsvoll und kompetent versorgt werden können. Pflegekräfte sollten keine Angst um ihren Berufsstand haben müssen!"

Mittlerweile reagierte der Gesundheitsminister tatsächlich auf den Beitrag, der bereits über 50.000 Mal geteilt wurde. In einer Videobotschaft zählt Jens Spahn einige Maßnahmen auf, mit denen die Situation verbessert werden soll, und teilt Johanna mit: "Das bewegt mich persönlich. Wir müssen wahnsinnig viel arbeiten, um verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen."