5. Jahreszeit ist für Kinder unter 4 Jahren kein Spaß

Kinderpsychologe fordert: Eltern und Erzieher sollten an Karneval auf Kostümierung verzichten!

Dieses Kind scheint nicht allzu verliebt zu sein in sein Löwen-Kostüm.
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13. Februar 2020 - 15:09 Uhr

Kita in Erfurt möchte im Karneval keine Kostüme sehen

Die Maßnahme der Erfurter Kita "Campus-Kinderland" sorgte bundesweit für Aufsehen: Kinder dürfen rein, aber die Kostüme sollen an Karneval bitte draußen bleiben! Der Grund: Das Verkleiden könnte die Kinder überfordern und Stereotype bedienen. Eine Kostümierung könne "Angst bei den Kindern auslösen", erklärte Rebecca Heuschkel, Sprecherin des zuständigen Studierendenwerks Thüringen, gegenüber Medien. Es sei vor allem für Kleinkinder "befremdlich, wenn sie ihr Gegenüber nicht mehr erkennen können".

Haben Kinder wirklich Freude am Verkleiden - oder vor allem die Eltern?

Diese Beobachtung unterstützt auch der renommierte Kinderpsychologe Dr. Malte Mienert. Er sagt: "Karneval mit Verkleidungen hat in Einrichtungen mit Kindern bis zu drei Jahren nichts zu suchen." Er fordert Eltern und Kita-Leitungen dazu auf, verantwortungsbewusst mit dem Thema umzugehen. "Alle, die mit Kindern zu tun haben, sollten sich ehrlich fragen: Haben die Kinder wirklich Freude und Spaß? Oder dient das Ganze vor allem dem Vergnügen der Eltern?"

Malte Mienert beim Fasching in Konstanz
Der promovierte Psychologe Malte Mienert ist ausgewiesener Experte für Kindesentwicklung. Ein Karnevalsverächter ist er aber nicht! Hier amüsiert er sich bei der traditionellen Masken-Fasnacht in Konstanz im Februar 2018.
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Menschen mit Verkleidungen werden zu fremden Personen

Der Grund für seine Forderung liegt in der Entwicklung der Kinder begründet:

Im dritten Lebensjahr befinden sich Kleinkinder im Übergang vom sogenannten sensumotorischen hin zum präoperationalen Denken, erklärt uns Mienert. Das heißt: Das Denken der Kinder verlagert sich langsam aus den konkreten Handlungen, dem Begreifen der Welt, in den Kopf.

"Das kindliche Denken hat dabei aber noch Einschränkungen, es kann nicht mit dem Denken eines Erwachsenen verglichen werden", sagt der Experte. "Wir wissen, dass Kinder bis zum Alter von drei Jahren die Veränderungen durch das Verkleiden nicht nachvollziehen können - nicht einmal dann, wenn sie direkt vor ihren Augen passiert und es sich obendrein um eine vertraute Person handelt." 

Das gilt auch, wenn sich nur Brille oder Frisur ändern. Für sie werde der Mensch mit Verkleidung zu einer fremden Person. Ab vier Jahren sind die Kinder da schon in ihrer Denkentwicklung vorangeschritten.

Am besten Komplettverzicht für Eltern und Erzieher von U4-Kindern

Darf man Kinder denn deswegen auch nicht verkleiden? "0 bis 3-Jährige empfinden ein eigenes Kostüm nicht als belastend", sagt der Entwicklungspsychologe. "Die durch ein Kostüm gewünschte Veränderung der eigenen Person ist ihnen selbst nicht bewusst. Insofern werden Dreijährige von sich aus auch nicht den Wunsch verspüren, sich durch ein Kostüm zu verkleiden. Sie folgen den Wünschen ihrer Bezugspersonen, die diese Veränderung als niedlich oder süß empfinden."

Sein Appell richtet sich deswegen erst einmal an die Eltern und die Erzieherinnen, sich nicht zu verkleiden. "Denn den Spaß, den Karneval und Fasching ja eigentlich bedeuten sollen, können Kinder nicht empfinden, wenn sie in einer unbekannten Umgebung zum Beispiel beim Straßenkarneval, bei überfordernden Ritualen, zum Beispiel Umzüge mit lauter Musik, auch noch mit verkleideten 'Fremden' konfrontiert sind", sagt er.

Das empfiehlt der Entwicklungspsychologe

Seine Empfehlung ist daher, mit 0 bis 3-Jährigen generell auf Verkleidungsfeste zu verzichten. Ab vier könne behutsam und unter Berücksichtigung der individuellen Bedürfnisse des einzelnen Kindes in die Karnevalszeit gestartet werden.