Initiative '#stayonboard' kämpft für Elternzeit-Anspruch in Chefetagen

Westwing-Gründerin Delia Lachance muss wegen Baby zurücktreten

05. Juni 2020 - 20:09 Uhr

Keine Elternzeit für Chefs

Westwing-Gründerin Delia Lachance wollte sich voll und ganz um ihr Baby kümmern - und musste deswegen ihren Posten im Vorstand abgeben. Denn die Gesetze in Deutschland erlauben keine Elternzeit für Chefs. Das will eine Initiative jetzt ändern!

Mandatsaufgabe wegen Mutterschutz

Lachance ist Mitgründerin von Westwing, einem Online-Möbelhandel. Und bis vor kurzem war sie dort die einzige Frau im Vorstand. Aber weil sie seit März in Mutterschutz ist, musste sie ihr Mandat erst einmal aufgeben. Das Unternehmen Westwing will Lachance zwar auf jeden Fall zurücknehmen, aber gesetzlich wäre sie kaum abgesichert. Denn Pausieren darf man ein solches Mandat in Deutschland nicht – so steht es im Gesetz. Das hat zu viel Aufregung gesorgt, jetzt formiert sich sogar Widerstand.

Initiative '#stayonboard' kämpft für familienfreundliche Änderungen in den Chefetagen

"Mehr Frauen in die Chef-Etagen!" So lautet seit Jahren eine weit verbreitete Forderung in der Politik. Viel getan hat sich aber bislang nicht: In den Aufsichtsräten der Dax-Konzerne gibt es nach wie vor nur rund 30 Prozent Frauen. Und das hat auch etwas mit den deutschen Gesetzen zu tun, sagen die Initiatorinnen von '#stayonboard'. Verena Pausder ist eine von ihnen und selbst Gründerin und stellvertretende Aufsichtsrätin von comdirect. Dass Eltern ihr Mandat abgeben müssen, wenn sie eine Babypause einlegen, findet sie nicht zeitgemäß.

Chefs haben keinen Anspruch auf Elternzeit

Aber warum sind Vorstände in Elternzeit so außergewöhnlich? Immerhin hat jeder Arbeitnehmer einen gesetzlichen Anspruch auf Elternzeit. Tatsächlich sind Aufsichtsräte und meist auch Geschäftsführer im Arbeitsrecht keine Arbeitnehmer - und haben deshalb auch keinen gesetzlichen Anspruch auf Elternzeit. Das gilt für Männer genau wie für Frauen.

Und weil das so ist, würden auch kaum Männer oder Frauen in Führungspositionen in Elternzeit gehen, sagt Verena Pausder. Denn wer dann sechs Monate weg ist, der hat danach nicht automatisch wieder seinen Posten zurück. "Gerade wenn die Konkurrenz um solche Posten groß ist, trauen sich viele gar nicht erst, diesen Weg zu gehen", sagt Pausder.

Wenn die Chefs es vormachen, wird es für alle leichter

Eine gesetzliche Regelung wäre nicht nur für Vorstände oder die, die es mal werden wollen, wichtig. Denn was Chefs tun, hat Signalwirkung. "Wenn es in den Führungsetagen normaler wird, dann wird es auch für alle darunter viel einfacher", erklärt Verena Pausder. "Diese Revolution von unten zu führen ist fast unmöglich, das haben wir in den letzten Jahrzehnten gesehen".

Und tatsächlich hat sich in den vergangenen Jahren nur wenig getan, und das trotz zahlreicher Kampagnen und Förderungsprogramme für mehr Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Vielerorts fehlt die Akzeptanz.

Frauen in Führungspositionen - Politik muss nachbessern

Im Koalitionsvertrag haben Union und SPD festgelegt, sich dem Thema Frauen in Führungspositionen noch mal anzunehmen. Aus Sicht der Initiatorinnen von '#stayonboard' wäre eine Gesetzesänderung ein wichtiger Punkt. Denn dann könnten Frauen und Männer, die sich eine Zeit lang voll und ganz der Familie widmen wollen, eine Pause machen - ohne sich Sorgen um ihren Posten zu machen.

Ein geändertes Gesetz käme aber nicht nur Frauen zugute. Auch Männer sollten schließlich Elternzeit nehmen oder sich um Angehörige kümmern können. Verena Pausder wünscht sich durchaus auch mal die Schlagzeile "Herr Aufsichtsrat Xy legt sein Mandat nieder, um sich um sein Baby zu kümmern." Damit könne man sich "so einige Diversity Kampagnen sparen", sagt Pausder. Und sie ist zuversichtlich, dass das in Zukunft auch keine Überraschung mehr wäre.