Im Altenheim, ohne alt zu sein

Junge Pflegebedürftige unter Senioren: Abstellgleis statt Therapie?

Heimbewohnerin ohne nötige Therapiemittel? Kommunikation nur über Handzeichen
03:07 min
Kommunikation nur über Handzeichen
Heimbewohnerin ohne nötige Therapiemittel?

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von Solveig Bach

Im Pflegeheim leben Menschen mit grauen Haaren, vielen Falten und nur noch wenigen Jahren – das ist das Bild, das bei vielen als Erstes im Kopf entsteht. Doch tatsächlich sind fast 17 Prozent der Pflegefälle in Deutschland unter 65 Jahre. Die meisten von ihnen werden zu Hause versorgt, doch das ist nicht immer möglich. Einige Pflegeheime haben inzwischen Stationen, die auf die "Junge Pflege" spezialisiert sind. Hier werden meist Menschen zwischen 20 und 65 Jahren aufgenommen und versorgt, die beispielsweise nach Unfällen oder durch Krankheiten wie ALS, Multiple Sklerose oder Schlaganfall pflegebedürftig sind. Aber bekommen sie dort wirklich das, was sie brauchen?

"Man hat die Menschen, die jünger sind, nicht mitgedacht"

Es handelt sich um Menschen wie Sandra*, die nach einem schweren Schlaganfall halbseitig gelähmt ist und nicht mehr sprechen kann. Sie ist noch nicht mal 50 Jahre alt und schon seit einigen Jahren bettlägerig. Die Investigativreporterinnen und -reporter der RTL-Sendung "Team Wallraff - Jetzt erst recht" lernen die Frau im Alloheim Brunswick in Braunschweig kennen. Seit etwa drei Jahren hat das Heim eine auf junge Pflegebedürftige spezialisierte Station. Über zwei Etagen verteilt leben hier gerade 22 Bewohnerinnen und Bewohner überwiegend mit dem höchsten Pflegegrad 5.

"Die Pflegeversicherung ist stark auf die Versorgung von alten Menschen ausgerichtet", sagt Stefan Nolte ntv.de. Er hat bereits vor zehn Jahren für die Malteser begonnen, Betreuungseinrichtungen für junge Pflegebedürftige aufzubauen. "Man hat die Menschen, die noch wesentlich jünger sind, lange nicht mitgedacht." Dabei steige die Nachfrage seit Jahren. "Es gibt mehr Menschen, die in einer solchen Lebenssituation eigenständig nach einer Versorgungsidee suchen", beobachtet Nolte.

Die Pflegeeinrichtungen sind laut Einschätzung von Experten auf diese Menschen bisher nicht unbedingt vorbereitet. "Ein Alten - und Pflegeheim ist die schlechteste Variante, wenn ein junger Mensch in dieses System hineinkommt. Da passt nichts zusammen, weder die Wohnumgebung noch der Tagesablauf", sagt Nolte.

Verlorener Lebensmut wegen falscher Umgebung

Das bestätigen auch Anna Pape und Sarah Bremer. Sie haben 2017 an der Hochschule Emden/Leer ihre Bachelorarbeit über die besonderen Anforderungen geschrieben, die es bräuchte, um junge Pflegebedürftige besser zu betreuen. Ihr Leitgedanke war "Ein Heim ist kein Krankenhaus. Ein Heim ist ein Wohnort".

Die beiden Ergotherapeutinnen hatten jeweils Schlüsselerlebnisse mit jungen Menschen, die in Altenheimen gelandet waren. Bei Pape war es ein junger Mann, dessen Arme und Beine gelähmt waren. Die Seniorinnen und Senioren im Heim wollten häufig nicht, dass er an den Angeboten im Heim teilnimmt. "Sie mochten ihn zwar, aber er war ihnen einfach viel zu schnell im Kopf", erzählt Pape ntv.de. Bremer betreute einen Patienten, der mit Mitte 40 nach einem Motorradunfall pflegebedürftig war. "Er hatte Frau und Kinder, aber die Familie war damit überfordert, ihn mit einer halbseitigen Lähmung zu Hause zu versorgen", erinnert sich Bremer. Dass er nicht mehr in seinem eigenen Haus leben, in seinem Garten sitzen konnte und stattdessen ausschließlich unter alten Menschen war, sorgte dafür, dass der Patient jeden Lebensmut verlor.

Lese-Tipp: Wie finde ich ein gutes Pflegeheim? Wichtige Tipps und Infos

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Das sind die Mindestbedingungen für die "Junge Pflege"

Getrennte Räumlichkeiten, mindestens eine eigene Station, besser noch eigene Einrichtungen, sehen die beiden Ergotherapeutinnen als eine Mindestbedingung für die "Junge Pflege". Wer einen Bereich für junge Pflege aufbauen wolle, müsse die Altenheimlogik aufbrechen, ist auch Nolte überzeugt. Die Wohnumgebung bestehe zwar auch für junge Pflegebedürftige aus individuellen Zimmern, müsse aber mehr Gestaltungsmöglichkeiten bieten, beispielsweise mit Mobiliar oder Bildern. Besonders wichtig sei zudem der Gemeinschaftsbereich, "wo man nicht nur miteinander essen kann, sondern vielleicht auch kochen, Filme schauen oder feiern kann". Für besonders wichtig hält es Nolte, der inzwischen bereits die dritte Einrichtung für Junge Pflege eröffnet hat, auf die technischen Bedürfnisse der Pflegebedürftigen einzugehen. "Alles, was die moderne digitale Welt fordert, muss man anbieten können."

In ihrer Untersuchung zu Anforderungen an Junge Pflege wiesen Pape und Bremer darauf hin, dass viele mögliche Einrichtungsgegenstände oder -merkmale nicht gesetzlich verankert sind, wodurch ein großer Spielraum für die Betreiber von Pflegeheimen entstehe. "Aus Gründen der Wirtschaftlichkeit wird in diesem Bereich oft nur das Notwendigste installiert", schreiben sie.

Das Alloheim Brunswick verlangt für einen Pflegeplatz für Senioren im höchsten Pflegegrad 5380,18 Euro im Monat. Das Entgelt für den Heimplatz auf der Station "Junge Pflege" wird bei Pflegegrad 5 mit knapp 6000 Euro beziffert. Der Pflegeheimbetreiber Alloheim betont jedoch gegenüber RTL, es gehe nicht primär um Mehrgewinn. Stefan Nolte von den Maltesern macht deutlich, dass "Junge Pflege" für die Träger grundsätzlich nicht lukrativer ist als ein klassisches Altenheim, weil das Angebot auch mehr Leistungen enthalte. "Ist das nicht so, hat man Geld übrig, aber das fände ich nicht seriös."

Dauerfernsehen in kargen, unpersönlichen Räumen

In Sandras Zimmer in Braunschweig gibt es kaum persönliche Gegenstände, meist läuft der Fernseher. Die Ergotherapeutinnen Pape und Bremer ziehen in ihrer Arbeit eine eindeutige Schlussfolgerung. Karge und unpersönliche Räume führen dazu, "dass sich die Bewohner nicht wohlfühlen und dadurch der Genesungsprozess verzögert wird". Ein weiterer wesentlicher Faktor für eine gute Pflege sind demnach ausreichende und individuell angepasste Therapien. Dann kann sich im besten Fall der Pflegebedarf sogar wieder verringern.

Auch der Pflegeheimbetreiber in Braunschweig begründet die Kosten für einen Heimplatz mit dem "größeren Therapieangebot, das durch hauseigene Ergotherapeuten sichergestellt wird". Zum Zeitpunkt der RTL-Dreharbeiten wird der Therapieraum aber kaum benutzt. Alloheim betont trotzdem auf Nachfrage, "dass der Therapieraum entsprechend der Therapiepläne der Ergotherapeuten regelhaft genutzt wird".

"Eine aktivierende Pflege dauert länger", erläutert Ergotherapeutin Bremer. "Wenn ein 85-Jähriger auf dem Duschhocker sitzt und abgebraust wird, dauert das vielleicht fünf Minuten. Wenn jemand ein Duschtraining macht, um diese Fähigkeit zurückzuerlangen, dauert es vielleicht 25 oder 30 Minuten." In vielen Einrichtungen scheitert das aber am knappen Personal. Nolte schwebt deshalb vor, dass für die Finanzierung nicht nur die Pflegekasse herangezogen wird. "Ich glaube, dass es sinnvoll ist, bereichs- und sozialgesetzbuchsübergreifend zusammenzuarbeiten, also Ansprüche, die ein junger Mensch auch aus anderen Quellen hat, mitzunutzen." Infrage kommen seiner Ansicht nach dafür die Eingliederungs- oder die Behindertenhilfe.

"Junge Pflege" der Zukunft: So könnte sie aussehen

Dem Barmer Pflegebericht von 2017 zufolge sind die häufigsten Erkrankungen bei jungen Pflegebedürftigen Lähmungen am Körper, aber auch Intelligenzminderungen, Epilepsie oder das Down-Syndrom. Jüngere Menschen, die beispielsweise vor einem schweren Unfall mit beiden Beinen im Leben standen, berufstätig waren oder viel reisten, haben immer noch ein klares Bild davon, wie sie sich ihr Leben vorstellen. Ergotherapeutin Anna Pape schweben Pflegeeinrichtungen mit WLAN vor, in denen die Bewohner und Bewohnerinnen Playstation zocken und den nächsten Tag individuell auf dem Tablet planen können. Mal können sie länger schlafen, mal geht es früh los - zu einem Ausflug beispielsweise. Es gibt Partys und Pflegekräfte, die speziell für die Pflege von jungen Menschen ausgebildet sind. Noch ist das Zukunftsmusik, die Pflege gehört zu den politischen Dauerbaustellen.

Sarah Bremer und Anna Pape hat das Thema auch nach dem Abschluss ihres Studiums nicht losgelassen. "Uns beschäftigt das, wenn wir junge Patient*innen behandeln und diese in ein Seniorenheim entlassen werden", sagt Bremer. Sandra, die zu Beginn der RTL-Dreharbeiten in Braunschweig künstlich ernährt wurde und nicht sprach, hat inzwischen eine neue Betreuerin. Die hat dafür gesorgt, dass Sandra Bilderkarten zur Sprachförderung bekam. Außerdem kann Sandra wieder selbständig essen. Sie ist der beste Beweis, dass Förderung und Unterstützung bei jungen Pflegebedürftigen in der Rehabilitation immer wieder positive Entwicklungen gibt.

*Name von der Redaktion geändert

Video-Playlist zu "Team Wallraff"

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