Schlaganfall machte sie zum Pflegefall

Mit unter 50 schon im Altersheim: Wird diese Frau hier nur noch verwahrt?

Wird diese Frau hier nur noch verwahrt? Mit unter 50 schon im Altersheim
03:45 min
Mit unter 50 schon im Altersheim
Wird diese Frau hier nur noch verwahrt?

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Das Unternehmen „Alloheim“ hat in den vergangenen Jahren anscheinend den lukrativen Markt der sogenannten „Jungen Pflege“ für sich entdeckt. Auf seiner Website wirbt es damit, sich um die Menschen zu kümmern, die beispielsweise durch einen Schlaganfall oder Unfall pflegebedürftig wurden – Menschen zwischen 18 und 65, untergebracht auf verschiedenen Stationen im Altenheim.

Auch Sandra* gehört dazu: Sie ist noch keine 50 Jahre, durch einen Schlaganfall halbseitig gelähmt und bettlägerig. Anscheinend hat sie außerdem ihre Sprachfähigkeit verloren. Ein Schicksal, das uns allen widerfahren könnte. „Team Wallraff“-Reporterin Alesia lernt Sandra bei ihrem Undercover-Einsatz in der Senioren-Residenz „Brunswick“ in Braunschweig kennen – und bekommt ernste Zweifel daran, dass sie hier die Therapien bekommt, die für ein menschenwürdiges Leben notwendig wären.

Schmerzhafte Wundausspülung

Sandras Anblick macht Alesia, die als Praktikantin im Tagesgeschäft mithilft, traurig: Vor ihr liegt eine nackte Frau mit kahlrasiertem Kopf in einem Zimmer, das kaum persönliche Gegenstände enthält. Die Morgenwäsche irritiert sie ebenfalls: Nicht nur werden dabei von der Pflegerin vulgäre Wörter benutzt, sondern auch derselbe Waschlappen für die Füße wie für den Intimbereich - Ein Pflegefehler, der eine Keimverschleppung verursachen kann. Und das, obwohl Sandra bereits eine Blasenentzündung hat, sowohl Gesäß als auch Intimbereich rot und entzündet wirken.

Die Bewohnerin hat außerdem eine offene Wunde durch einen Abszess, die die Pflegerin ausspült – „das merkt sie nicht“, so ihre Aussage. Doch Alesia beobachtet, wie Sandra das Gesicht vor Schmerzen verzieht.

„Alloheim“ schreibt hierzu: „Pflegerische Maßnahmen wie zum Beispiel Lagerungsprotokolle mit individuell festgelegten Intervallen werden bereits bei Auftreten von Rötungen angelegt, um eine Verschlechterung zu vermeiden. Auch hier wird in unserer Einrichtung eine Wundmanagerin aktiv, die u. a. nicht nur schlecht heilende Wunden beurteilt, sondern auch Empfehlungen zu deren Versorgung in enger Absprache mit den behandelnden Ärzten gibt.“

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Dauerglotzen statt angemessener Therapie?

Die teilweise mangelhafte Pflege ist nicht das Einzige, was Alesia auffällt. Eigentlich verspricht die „Junge Pflege“ spezielle Therapien, um verlorene Fähigkeiten wiederzuerlangen, sowie vielfältige Freizeitangebote – ein Konzept, das im höchsten Pflegegrad 5 mit knapp 6.000 Euro im Monat deutlich mehr kostet als ein Platz für Senioren desselben Pflegegrades (rund 4.400 Euro). Aber wird dieses auch in die Tat umgesetzt?

Alesia hat einen anderen Eindruck: Wann immer sie bei Sandra vorbeischaut, liegt die Frau ohne jegliche Aktivierung in ihrem Bett, zur Bespaßung läuft der Fernseher. Dabei bekommt sie viel mehr mit, als es zuerst den Anschein macht. Doch anscheinend gibt es zu wenig Fachkräfte auf den Stationen. Dafür viele gering – oder gar nicht – ausgebildete Hilfskräfte: „Ausbildung brauchst du nicht. Ich habe auch keine Ausbildung. Früher war ich Kaufhausdetektiv“, erklärt Alesia etwa ein Mitarbeiter. Eine weitere Pflegekraft gesteht ihr im Gespräch: „viel zu wenig“ würden die Bewohnerinnen und Bewohner ihrer Meinung nach beschäftigt werden.

Die Reporterin hat das Gefühl, dass man Sandra in dem Heim abgeschrieben hat. Insbesondere, als die Stationsleitung ihr erklärt: „Da wird keine Besserung kommen.“

Der Betreiber „Alloheim“ hierzu: „Sämtliche in der Jungen Pflege tätigen Pflegehelfer erhalten eine vierwöchige Einarbeitung in die Junge Pflege inklusive Schulungen zu den Krankheitsbildern und dem Umgang damit. Dies erfolgt unabhängig von und zusätzlich zu einer Ausbildung als Pflegehelfer. (…) Ein Einsatz von Pflegehelfern in der Jungen Pflege erfolgt den Vorschriften entsprechend zudem unter Betreuung durch eine Pflegefachkraft.“ Und weiter: „Oberstes Ziel der Jungen Pflege ist der Erhalt der Mobilität sowie die Förderung und Rückkehr in eine mögliche Rehabilitation, selbstständigere Wohnform oder selbstständigeres Leben. (…) Den (…) Vorwurf, dass die Bewohner in der „Jungen Pflege“ nicht ausreichend aktiviert werden, weisen wir (…) entschieden zurück. (…) Darüber hinaus verwahren wir uns gegen den Vorwurf, dass es Alloheim primär nur um Mehrgewinn gehe.“

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Erstaunliche Entwicklung – dank Lieblingsessen

Doch dass bei Sandra keine Fortschritte mehr zu erwarten sind, erweist sich als falsch. Sie kommuniziert mehrfach mit Alesia über Daumengesten. Dass ihr anscheinend vom Heim keine anderen Optionen wie etwa simple Bilderkarten angeboten werden, um einfachste Bedürfnisse mitzuteilen, bedrückt auch den neuen gesetzlichen Vormund der Frau bei ihrem ersten Termin: „Wenn ich einen Schlaganfall habe und nicht richtig kommunizieren kann - das betrifft mich doch in meiner Seele“, so die Betreuerin unter Tränen. Ihre Vorgängerin hatte Sandra ein Dreivierteljahr nicht besucht.

Und tatsächlich: Dass ihr endlich die Magensonde entfernt wird, sie wieder normal essen kann und Bilderkarten bekommt, scheint Sandra neue Kraft zu geben. So viel, dass etwas geschieht, mit dem wohl niemand mehr rechnete: Sie beginnt wieder zu sprechen. Auf die Frage, was ihr Lieblingsessen im Heim sei, antwortet Sandra: „Käse“. Und wiederholt dieses Wort immer wieder – wie einen kleinen Schatz. (rka)

*Name von der Redaktion geändert

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