17. April 2019 - 7:22 Uhr

56 Prozent der Hähnchenfleischproben belastet

Die Umweltorganisation Germanwatch hat Hähnchenfleisch aus Discountern geprüft - mit alarmierendem Ergebnis: Jede zweite Stichprobe (56 Prozent) war mit antibiotikaresistenten Keimen besiedelt, wie Germanwatch in Berlin mitteilte. 

Germanwatch: "Befunde halten wir für alarmierend"

Für die Analyse gingen Testkäufer bundesweit in Ketten von Lidl, Aldi, Netto, Real und Penny einkaufen. 59 Proben analysierte die Universität Greifswald im Auftrag von Germanwatch ohne Unterbrechung der Kühlkette im Labor.

Unter den entdeckten Keimen waren zum Beispiel Erreger, die unempfindlich gegen viele Antibiotika sind (MRSA). Bei jeder dritten Hähnchenprobe fanden sich sogar Keime mit Resistenzen gegen Antibiotika, die nur eingesetzt werden, wenn andere versagen.

"Diese Befunde halten wir für alarmierend", sagt Reinhild Benning, Agrarexpertin bei Germanwatch. Bei Testkäufen in Schlachtereien, die nicht industriell arbeiteten, sei in elf Proben lediglich neun Prozent des Hähnchenfleischs mit solchen Keimen belastet gewesen. Germanwatch fordert deshalb eine Kennzeichnung von Fleisch aus industrieller Tierhaltung - um Verbrauchern eine Entscheidung wie bei Eiern zu ermöglichen.

In den vergangenen Jahren weniger Antibiotika eingesetzt

Der Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung ist nach einer Studie des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) vom vergangenen November generell rückläufig. Seit 2011 wurden in Deutschland die Mengen antimikrobieller Tierarzneimittel erfasst, die an Tierärzte abgegeben werden. Seither gingen diese Mengen von 1.706 Tonnen im Jahr 2011 auf etwa 733 Tonnen im Jahr 2017 zurück, heißt es. Auch die Häufigkeit, mit der Nutztiere mit Antibiotika behandelt werden, nehme in Deutschland ab.

Allerdings zeigte die BfR-Studie auch, dass in einigen Mastgeflügelketten weiterhin hohe Resistenzraten bestehen. Sie könnten als Quelle für resistente Keime und deren Resistenzgene beim Menschen weiter von erheblicher Bedeutung sein, folgerte das BfR.

"Die Resistenzrate auf Hähnchenfleisch hat sich seit Jahren nicht verringert", sagt Reinhild Benning von Germanwatch. Während es für Schwein-und Kalbfleisch ein Monitoring gebe, werde Hähnchenfleisch gar nicht systematisch erfasst. Das müsse die Politik auch ändern.

Die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) vergleicht EU-Länder beim Verkauf von Veterinär-Antibiotika für Nutztiere. Mit im Schnitt rund 89 Milligramm pro Kilogramm Nutztier lag Deutschland nach den jüngsten Zahlen für 2016 weit oben - in Schweden waren es zum Beispiel nur 12,1 Milligramm pro Kilogramm.

Video: Hygienetipps für Hähnchenfleisch

Auch der Durchfallerreger Campylobacter lauert auf jedem zweiten Hähnchenfleisch. Wie Sie sich bei der Zubereitung von Geflügel vor Erregern und Keimen schützen können, zeigen wir im Video. 

So schaden resistente Keime im Fleisch dem Konsumenten

Wie viele Menschen durch antibiotikaresistente Keime im Fleisch Schaden nehmen, ist unklar. Denn übertragen werden die Erreger nicht durch das Essen, wenn Fleisch gut durchgegart ist. Risiken gibt es laut Germanwatch eher bei der Küchenhygiene in Restaurants und auch zuhause. Beim Waschen des Fleischs mit Wasser unter 70 Grad Celsius könnten zum Beispiel Spitzer auf Schneidbretter gelangen. Wenn dann dort auch Lebensmittel geschnitten würden, die roh gegessen werden, könnten die resistenten Keime über Mahlzeiten in den Darm gelangen.

Dort richteten sie oft keinen direkten Schaden an. Doch wenn ein Mensch mit resistenten Keimen schwer erkranke und ein Antibiotikum brauche, könnten Resistenzen die Wirkung verhindern, erläutert Germanwatch. Wenn es um Resistenzen gegen Reserveantibiotika gehe, werde es besonders kritisch.


Quelle: DPA/ RTL.de