Frau wollte darauf aufmerksam machen, wie sehr sie von der Justiz schikaniert wurde

Indien: Vergewaltigungsopfer stirbt, nachdem sie sich vor Oberstem Gericht anzündet

Proteste für Frauenrechte in Indien
Proteste nach Vergewaltigung in Indien (Foto: Motivbild)
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Indien: 24-Jährige erliegt ihren schweren Brandverletzungen

Triggerwarnung: Der folgende Text enthält Schilderungen von sexualisierter Gewalt und Suizid, die auf manche Leser verstörend und traumatisierend wirken können.

In Indien hat der entsetzliche Tod einer 24-Jährigen eine Debatte über den Umgang mit Opfern von Sexualverbrechen ausgelöst. Die Frau hatte sich selbst in Brand gesteckt. Offenbar, weil sie darauf aufmerksam machen wollte, wie sehr sie von der Polizei drangsaliert worden war, nachdem sie ein Parlamentsmitglied wegen Vergewaltigung angezeigt hatte. Die 24-Jährige erlag am Dienstag ihren schweren Brandverletzungen im Krankenhaus, wie der Sender BBC berichtete.

Frau zeigt Politiker wegen Vergewaltigung an

Laut der Zeitung „India Today“ stammt die Frau aus Uttar Pradesh. In einem Video, dass sie aufnahm kurz bevor sie sich zusammen mit einem Freund anzündete, erklärte die Frau, dass die Polizei mit ihrem Peiniger und dessen Familie zusammenarbeite, und dass sie keine Gerechtigkeit mehr von der Justiz erwarte.

Sie soll 2018 von einem Parlamentsabgeordneten in dessen Haus vergewaltigt worden sein, 2019 erstattete die junge Frau Anzeige. Der Politiker sitzt seitdem in Untersuchungshaft und bestreitet die Tat. Nun scheint es so, als habe der Beschuldigte aus dem Gefängnis heraus eine Schmutzkampagne gegen die Frau gestartet. Sein Bruder zeigte sie im November 2020 bei der Polizei an, und behauptete, sie habe ihr Geburtsdatum in den Dokumenten, die den Vergewaltigungsfall betreffen, gefälscht.

Proteste gegen Vergewaltigungen in Indien
Frauen in Neu Delhi protestieren gegen Vergewaltigungen. (Foto: Motivbild)
MS pil, dpa, Manish Swarup

24-Jährige fühlte sich der Willkür der Justiz hilflos ausgeliefert

Die Frau erklärte vor ihrem Tod, dass diese Anschuldigungen völlig aus der Luft gegriffen seien. Trotzdem leitete die Polizei ein Ermittlungsverfahren wegen Fälschung gegen sie ein, wie indische Medien berichten. Im März versuchte die 24-Jährige noch durchzusetzen, dass ihr Fall von einem neutralen Gericht in einer anderen Stadt behandelt wird, wie „India Today“ schreibt. Sie hoffte, dass der Mann, den sie ins Gefängnis gebracht hatte, dort weniger Einfluss hätte – vergeblich.

Im August erließ das lokale Gericht in Varanasi dann sogar Haftbefehl gegen das mutmaßliche Vergewaltigungsopfer – ohne die Möglichkeit auf Kaution freizukommen. Die Polizei hatte dem zuständigen Gericht gesagt, die 24-Jährige sei unauffindbar. Kurz darauf reiste die Frau zusammen mit einem Freund in die indische Hauptstadt Neu Delhi. Ihre Verzweiflung war offenbar so groß, dass sie sich am 16. August vor dem Obersten Gerichtshof anzündete. An ihrer Seite: Ein 27 Jahre alter Freund. Laut der „Times of India“ war er der einzige Zeuge der Vergewaltigung. Die beiden waren sich offenbar sicher, dass der Politiker seinen Einfluss nutzte, um ihr Leben zu zerstören.

Nach Selbstentzündung in Neu Delhi: Zwei Polizisten vom Dienst suspendiert

Rettungskräfte brachten sie nach der Selbstentzündung mit schwersten Verbrennungen ins Krankenhaus. Der 27-jährige Freund starb am Samstag. Die Ärzte kämpften danach noch drei Tage um das Leben der 24-Jährigen auf der Intensivstation. Dann starb auch sie.

Die Polizei hat nach dem Vorfall zwei Beamte der lokalen Polizeistelle vom Dienst suspendiert und untersucht die Vorwürfe der toten jungen Frau nun. Und auch eine Verurteilung des wegen Vergewaltigung angeklagten Politikers scheint nicht mehr ausgeschlossen. Sowohl das Opfer, als auch der Hauptzeuge hätten vor ihrem Tod vor Gericht ausgesagt, zitierte die „Times of India“ einen Anwalt der Bezirksregierung.

Proteste gegen Vergewaltigungen
Proteste in Neu Delhi gegen Vergewaltigungen an Frauen (Foto: Motivbild)
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Viele brutale Vergewaltigungsfälle in Indien

In Indien kommt es immer wieder zu brutalen Fällen von sexueller Gewalt. Nach offiziellen Zahlen von 2020 wird im Schnitt etwa alle 15 Minuten eine Frau oder ein Mädchen vergewaltigt. Die Regierung vollstreckt sogar Todesurteile gegen verurteilte Vergewaltiger, um andere Täter abzuschrecken. 2012 wurde eine Studentin in Neu Delhi von einer Gruppe Männern so brutal vergewaltigt, dass sie starb. Der Fall sorgte weltweit für Entsetzen. 2019 wurde eine 23-Jährige von ihren Peinigern angezündet, als sie auf dem Weg zum Gericht war, um ihre Aussage zu machen.

Lese-Tipp: Warum in Indien so viele Frauen vergewaltigt werden

Hier finden Opfer von Gewalt in Deutschland Hilfe

Das "Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen" steht betroffenen Frauen rund um die Uhr, an 365 Tagen im Jahr, zu allen Formen von Gewalt zur Seite. Unter der Rufnummer 08000 116 016 und über die Online-Beratung unter www.hilfetelefon.de können sich Betroffene, aber auch Menschen aus dem sozialen Umfeld der Betroffenen und Fachkräfte beraten lassen – anonym, kostenlos, barrierefrei und in 18 Sprachen. Auf Wunsch vermitteln die Beraterinnen an eine Unterstützungseinrichtung vor Ort. Weitere Beratungsstellen, wo Betroffene in Deutschland Hilfe finden, haben wir hier für sie zusammengefasst.

Sie haben Suizidgedanken?

Kreisen Ihre Gedanken darum, sich das Leben zu nehmen? Versuchen Sie, mit anderen Menschen darüber zu sprechen! Das können Freunde oder Verwandte sein. Es gibt aber auch die Möglichkeit, anonym mit anderen Menschen über Ihre Gedanken zu sprechen. Das geht telefonisch, im Chat, per Mail oder persönlich. Hier finden Sie eine Übersicht über Hilfsangebote.

Wenn Sie schnell Hilfe brauchen, dann finden Sie unter der kostenlosen Hotline 0800-1110111 oder 0800-1110222 Menschen, die Ihnen Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen können.

(jgr)