Krematorien kommen an ihre Grenzen

Immer mehr Corona-Tote: In Sachsen stapeln sie die Leichen

24. Dezember 2020 - 10:05 Uhr

Immer mehr Corona-Tote in Zittau

In Sachsen spitzt sich die Corona-Lage dramatisch zu. Viele Krematorien kommen mit den zahlreichen Todesfällen kaum noch nach. Vielerorts stapeln sich die Särge – im Video! In Zittau werden die Leichen nun sogar in einer Lagerhalle abgestellt. Die Stadt weiß um die Dramatik der Bilder und schreibt dünnhäutig: "Aus Rücksicht auf die Angehörigen und die stark belasteten Mitarbeiter werden vorerst keinerlei weitere Details veröffentlicht". Auch andere Krematorien in Sachsen sind an der "Grenze des Machbaren", wie die Bestatter-Innung erklärt.

Krematorium in Meißen
Auch im Krematorium in Meißen stapeln sich die Särge.
© dpa, Robert Michael, ert alf

„Ich befürchte, das dicke Ende steht uns noch bevor“

Tobias Wenzel, Oberinnungsmeister der Landesinnung der Bestatter in Sachsen berichtet im RTL-Interview von vielen Toten in Altenheimen. Wörtlich sagt er: "Wir, die Bestatter, räumen gerade die Altenheime leer. Warum sind die Altenheime nicht auf die zweite Welle vorbereitet? Warum sind die dafür politisch Verantwortlichen noch im Amt? Diese Frage stellen mir die Angehörigen. Das macht mich traurig und wütend zugleich."

Die Bestatter fürchten, dass sich die Situation in den nächsten Wochen noch weiter zuspitzen wird. "Womit wir jetzt kämpfen, das sind ja Inzidenzzahlen von noch zwei Wochen vorher", erklärt Evelin Mühle vom Krematorium Görlitz im RTL-Interview. "Ich befürchte, das dicke Ende steht uns noch bevor." Denn niemand weiß, wie sich die Corona-Zahlen nach Weihnachten entwickeln.

Krematorium in Zittau völlig überlastet

Die Zahl der notwendigen Einäscherungen übersteige im Moment "mitunter die Kapazitäten des Zittauer Krematoriums", hieß es. Aufnahmegespräche, Leichenschauen und Beurkundungen in den Standesämtern - alle Beteiligten kämen kaum noch nach und seien an den "Belastungsgrenzen", so die Stadt. In Zittau im Dreiländereck Deutschland-Polen-Tschechien explodieren die Corona-Todeszahlen im Moment regelrecht.

Darum haben sich Oberbürgermeister Thomas Zenker und die Geschäftsführung des Krematoriums nun eine Notlösung gefunden: den Hochwasserstützpunkt. Der ist eine Lagerhalle der Stadt, wo Materialien für den Katastrophenfall bereit liegt, wie aus einem Artikel der "Sächsischen Zeitung" hervorgeht, die 2012 über den Bau der Anlage berichtete.

Hochwasserstützpunkt in Zittau
In Zittau müssen die Corona-Toten jetzt in dieser Lagehalle zwischengelagert werden.
© dpa, Sebastian Kahnert, skh alf

Sterbezahlen in Zittau explodieren

Erst bei einer "Freigabe zur Einäscherung" sollen die Corona-Toten vom Hochwasserstützpunkt ins Krematorium gefahren werden. Die "Arbeitssituation für die Mitarbeiter des Krematoriums" müsse dringend entspannt werden, teilte die Stadt Zittau mit. Seit zehn Tagen müssten permanent rund 70 Verstorbene versorgt werden.

Besonders im Dezember gingen die Sterbezahlen in der Stadt nach oben. Während im vergangenen Jahr im Dezember 45 Menschen starben, waren es in diesem Monat bislang schon 115. Im November verdoppelte sich die Zahl der Toten von 52 im vergangenen Jahr auf 110 in diesem Jahr. Im Oktober vergangenen Jahres starben 45 Menschen, in diesem Jahr 73. Damit kommt das Krematorium der 25.000-Einwohner-Stadt nicht mehr zurecht.

Auch in anderen Städten ist die Situation angespannt. In Hanau steht inzwischen ein Kühlcontainer, um zusätzliche Tote unterzubringen.

Auch Krankenhäuser kommen an ihre Grenzen

Auch die Krankenhäuser in der Region kommen an ihre Grenzen. Vor einer Woche hatte ein Arzt aus der Zittau mit Äußerungen über eine sogenannte Triage für Aufsehen gesorgt. Der Begriff bedeutet, dass Mediziner aufgrund von knappen Ressourcen entscheiden müssen, wem sie zuerst helfen.

Die Stadt forderte beim Landkreis Görlitz und der Landesregierung Sachsen Hilfe an,für den Fall, dass sich die Lage weiter verschlimmern sollte. Soldaten der Bundeswehr sollen nun auch über den Jahreswechsel in Zittau aushelfen. Weitere Bettenkapazitäten in Krankenhäusern und Reha-Einrichtungen wurden organisiert.