Großer Zapfenstreich für Angela Merkel

Kanzlerin kämpft leicht mit den Tränen - „Ich empfinde Dankbarkeit und Demut"

04. Dezember 2021 - 10:26 Uhr

Ära Merkel geht nach 16 Jahren zu Ende

Es sind ihre letzten Meter als Kanzlerin: Angela Merkel wird mit einem Großen Zapfenstreich nach 16 Jahren an der Macht verabschiedet und nutzt die Gelegenheit, um noch einmal zur Verteidigung der Demokratie gegen Hass, Gewalt und Falschinformationen aufzurufen. Als dann ihre Wunschlieder erklingen, werden die Augen doch noch etwas feucht. Tränen fließen nicht, aber Rührung ist im Video doch zu sehen, oder was meinen Sie?

Merkel verfolgt Großen Zapfenstreich im Sitzen

Wie alle auf diesem Weg Geehrten durfte sich Merkel drei Musikstücke aussuchen. Sie entschied sich für das Kirchenlied "Großer Gott, wir loben Dich", den Chanson "Für mich soll's rote Rosen regnen" von Hildegard Knef sowie für Nina Hagens Schlager "Du hast den Farbfilm vergessen". Die Punk-Sängerin hatte damit 1974 einen Hit in der DDR. Merkel studierte damals in Leipzig Physik.

Merkel verfolgte den Großen Zapfenstreich im Sitzen und sichtlich gerührt. "Tränen habe ich nicht gesehen. Aber ich glaube das bewegt sie wirklich", sagte RTL-Politikchef Nikolaus Blome bei der ntv-Übertragung des Großen Zapfenstreichs. Zwar habe sie um Fassung gerungen, anders als bei ihrem Vorgänger Gerhard Schröder seien aber "keine Tränen in Strömen" geflossen.

Im Video: Merkels komplette Rede beim Zapfenstreich

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Merkel erinnert an Demokratie und Toleranz

Überall da, wo wissenschaftliche Erkenntnis geleugnet, Verschwörungstheorien und Hetze verbreitet würden, müsse Widerspruch laut werden, sagte Noch-Kanzlerin Merkel am Donnerstagabend beim Großen Zapfenstreich zu ihren Ehren im Bendler-Block in Berlin.

"Unsere Demokratie lebt auch davon, dass überall da, wo Hass und Gewalt als legitimes Mittel zur Durchsetzung eigener Interessen erachtet werden, unsere Toleranz als Demokratinnen und Demokraten ihre Grenze finden muss", so Merkel.

Weiter sagte die Kanzlerin: "Ich empfinde Dankbarkeit und Demut. Demut vor dem Amt, Dankbarkeit für das Vertrauen. Vertrauen, dessen war ich mir immer bewusst, ist das wichtigstes Kapital in der Politik."

Merkel wünscht Nachfolger Scholz „alles, alles Gute und eine glückliche Hand und viel Erfolg“

Corona-bedingt konnten daran wesentlich weniger Gäste teilnehmen als üblich. Unter den Gästen waren Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und der designierte künftige Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD). Ihm und seiner Regierung wünschte Merkel in ihrer Rede vor dem Beginn der eigentlichen Zeremonie "alles, alles Gute und eine glückliche Hand und viel Erfolg".

Der Große Zapfenstreich gilt als höchste Würdigung, welche die deutschen Streitkräfte einer Zivilperson zuteilwerden lassen können. Neben Bundeskanzlerinnen und Bundeskanzler werden etwa auch Bundespräsidenten und Verteidigungsminister bei ihrer Verabschiedung mit dem Brauch geehrt. Seine Ursprünge gehen bis ins 16. Jahrhundert zurück. Immer abends findet das Zeremoniell statt, es besteht aus einem Aufmarsch, mehreren Musikstücken - darunter die Nationalhymne - und dem Ausmarsch. Auch Fackeln gehören dazu, wenn Merkel im Bendlerblock, dem Berliner Dienstsitz des Verteidigungsministeriums, die feierliche Ehrung entgegennimmt.

VIDEO: Warum heißt es eigentlich "Zapfenstreich"?

Erst der Job, dann das Vergnügen

Für Merkel startete der Tag mit einem ganz normalen Arbeitstag in den Zeiten der Pandemie. Am Donnerstagmittag kam die geschäftsführende Kanzlerin per Videoschalte mit den Ministerpräsidenten zusammen. Gemeinsam beschlossen sie weitere Maßnahmen im Kampf gegen die Pandemie.

Was denken Sie: War Angela Merkel eine gute Bundeskanzlerin?

Zeigt die sonst nüchterne Kanzlerin heute Abend Gefühle?

Der scheidende Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD, M) steht am Samstag (19.11.2005) neben dem Bundesverteidigungsminister Peter Struck (SPD, r) und dem Generalinspekteur der Bundeswehr, General Wolfgang Schneiderhan (l) beim Großen Zapfenstreich auf
Als das Stabsmusikchor der Bundeswehr Mitte November 2005 in Hannover auf Wunsch Schröders als letztes Lied Frank Sinatras „My way“ intonierte, traten dem scheidenden Kanzler Tränen in die Augen.
© dpa/dpaweb, Z5328 Jens Wolf

Merkels Amtsvorgänger Gerhard Schröder (SPD) und Helmut Kohl (CDU) waren bei den Zeremonien zutiefst gerührt. Als das Stabsmusikchor der Bundeswehr Mitte November 2005 in Hannover auf Wunsch Schröders als letztes Lied Frank Sinatras "My way" intonierte, traten dem scheidenden Kanzler Tränen in die Augen. Merkel blieb am Donnerstag gefasster.

Kohl wurde Mitte Oktober 1998 zum Abschied im pfälzischen Speyer mit einem Großen Zapfenstreich geehrt. Mehr als einmal sei er dabei vor der Kulisse des alten Kaiserdomes zu Tränen gerührt gewesen, berichteten damals Reporter. Als er seine Ansprache vor den rund 450 Soldaten und mehr als 15.000 Zuschauern mit den Worten "Ich wünsche unserem Vaterland Glück und Gottes Segen" beendete, schien seine Stimme zu versagen.

Bundeswehrmusikkorps: „Wir hatten neun Tage Vorlauf. Das ist sportlich“

Dafür setzt die scheidende Kanzlerin mit ihrer Auswahl der traditionell drei Musikstücke des Abends Akzente. "Für mich soll's rote Rosen regnen" von Hildegard Knef hat sich Merkel gewünscht und das ökumenische Kirchenlied "Großer Gott, wir loben Dich". Sie ist in einem Pfarrhaushalt aufgewachsen - ihr 2011 gestorbener Vater Horst Kasner war evangelischer Theologe. Auch Merkels Mutter Herlind, die noch dabei war, als ihre Tochter am 14. März 2018 zum vierten Mal als Kanzlerin vereidigt wurde, ist tot - sie starb im April 2019.

Eine Reminiszenz an Merkels Jugend in der damaligen DDR dürfte es sein, dass die Bundeswehr auch den Titel "Du hast den Farbfilm vergessen" spielen soll. Die Punk-Sängerin Nina Hagen landete damit 1974 in der DDR einen Hit. Für viele Ostdeutsche, die sich vielleicht häufiger ein Bekenntnis der Kanzlerin zu ihren Wurzeln gewünscht haben, könnte das ein Signal sein. Nina Hagen schrieb in ihrer Autobiografie, das Lied triefe vor Ironie, es spiele "im Milieu einer irren Sehnsucht danach, dieser Schwarzweißwelt zu entfliehen". Auf der Pressekonferenz des Corona-Gipfels erklärte Merkel dann auch, warum sie ausgerechnet diesen Song wählte. Es sei ein Highlight ihrer Jugend gewesen.

Beim Stabsmusikkorps der Bundeswehr hat Merkels Auswahl für Zeitdruck gesorgt. "Die Wünsche kamen spät und haben mich überrascht", sagte Dirigent und Oberstleutnant Reinhard Kiauka der Tageszeitung "taz". "Wir hatten neun Tage Vorlauf. Das ist sportlich." Die Songs von Knef und Hagen seien im Notenarchiv nicht vorhanden gewesen - die Instrumentierung beim Zapfenstreich ist mit Blasinstrumenten und Schlagwerken festgelegt. Ein Klarinettist des Musikkorps habe deswegen innerhalb von zwei Tagen ein neues Arrangement geschrieben. Man darf gespannt sein, wie Merkel auf die Musikstücke reagiert. (mor, swi, dpa/eku)

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