F1 so spannend wie lange nicht mehr

Heißer Wüstenendspurt: Fällt am Sonntag die Formel-1-Entscheidung?

30. November 2021 - 16:06 Uhr

Saudi-Stadtkurs wie ein „ultraschnelles Monaco“

Zwei Rennen noch! Die Formel 1 biegt auf die Zielgerade und steht vor einem Finale furioso. Der WM-Kampf zwischen Weltmeister Lewis Hamilton und Max Verstappen elektrisiert die Fans und ist so spannend wie schon eine gefühlte Ewigkeit nicht mehr. Beim Premieren-Rennen am Sonntag in Saudi-Arabien (ab 17.15 Uhr LIVE bei RTL) hat Herausforderer Max Verstappen den ersten Matchball. Den ersten Vorgeschmack auf das heiße Duell gibt's oben im Video.

Harter Zweikampf entwickelt sich von Grand Prix zu Grand Prix

Es ist eine Formel-1-Saison, die viele Fans als "episch" beschreiben. Nun, das Prädikat hat sich die Königsklasse in diesem Jahr tatsächlich hart erarbeitet. Nach Jahren der Mercedes-Übermacht (seit der Hybridära ab 2014) müssen sich die Silber- bzw. Schwarzpfeile erstmals nach Leibeskräften gegen einen Konkurrenten wehren. Schon seit den ersten Testfahren in Bahrain im März ließ Red Bull Racing die Muskeln spielen. Auch begünstigt durch eine Reglementänderung (Unterboden) sind die "Bullen" nochmal näher an das Weltmeister-Team herangerückt. Nach den ersten Rennen war klar: In diesem Jahr geht tatsächlich was für das Brause-Team.

So entwickelte sich Grand Prix für Grand Prix zwischen Rekordhalter und dem jungen Herausforderer ein harter Zweikampf, den die Formel 1 schon lange nicht mehr gesehen hat. Zuletzt duellierten sich Hamilton und Nico Rosberg 2016 spektakulär bis zum Finalrennen – jedoch im eigenen Team. Das letzte Mal, dass zwei Piloten von zwei verschiedenen Teams im letzten Rennen den Thron besteigen konnten, war übrigens 2012 (Sebastian Vettel gegen Fernando Alonso).

Verbale Giftpfeile fliegen zwischen den Rennställen hin und her

2021 machen Hamilton (36) und Verstappen (24) keine Gefangenen. Schon zwei Mal kamen sich die beiden WM-Rivalen nahe – zu nahe. In Silverstone schoss Hamilton den Niederländer bei 280 km/h ab, Verstappen donnerte in den Reifenstapel, musste sogar zum Check-up ins Krankenhaus. Währenddessen feierte Hamilton ausgelassen mit den britischen Fans seinen Heimsieg. In Monza hingegen ruckelte der Red-Bull-Fahrer nach einem Duell über den Briten und "parkte" am Ende auf dessen Kopf (bzw. Halo-Kopfschutz). Die Emotionen kochten hoch, verbale Giftpfeile schossen zwischen den Teams hin und her. Darüber hinaus werfen sich die beiden Top-Teams bis heute unfaires Spiel am Auto vor. Vor allem Red Bull beäugte die wiederaufkeimende Mercedes-Stärke zuletzt kritisch. Stichwort Heckflügel und Motor. Auf einen Protest verzichtete der Rennstall aber. Beide wollen unbedingt, dass die Entscheidung sportlich entschieden wird. Auf dem Asphalt.

Und das bringt uns nach Saudi-Arabien. Nach dem F1-Debüt in Katar vor anderthalb Wochen steigt am Wochenende unter Flutlicht schon die nächste Wüsten-Premiere. In Rekordzeit (acht Monate) und in letzter Minute stanzten die Organisatoren mit aller Macht eine Stadtstrecke neben das Rote Meer. Ausgedacht hat den Kurs durch die Küstenmetropole Dschidda der deutsche Architekt Hermann Tilke, ein Formel-1-Veteran. Und was der 66-Jährige im RTL/ntv-Interview verrät, macht noch mehr Hoffnung auf ein spannendes Wüsten-Rennen. Er vergleicht den GP mit einem "ultraschnellen Monaco", sieht auch Überholmanöver und Rad-an-Rad-Duelle in den Kurven als realistisch. Der Topspeed in Dschidda: knackige 350 km/h. Die Durchschnittsgeschwindigkeit schätzt Tilke auf 250 km/h. Nicht schlecht für einen Stadtkurs. "Das ist ordentlich", sagt der Architekt.

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Der Große Preis von Saudi Arabien- LIVE bei RTL.
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© RTL

Noch mehr Spannung durch die neue Strecke: „Sehr viele schnelle Kurven“

Auf der 6,175 Kilometer langen Strecke seien "sehr viele schnelle Kurven" (16 sind es insgesamt) dabei, die einfach nur "mit Vollgas" durchfahren werden, erklärt er weiter. Dann gebe es aber wieder Kurven, die nur "kurz angelupft" werden. Das wird eine große Herausforderung, glaubt Tilke. Die RTL-Zuschauer dürfen sich wohl auf spannende Duelle freuen. Denn an manchen Stellen werde es auch möglich sein, "zu zweit durch die Kurve durch" zu kommen. Die Strecke ist ein Belastungstest für Teams, Fahrer – und die Gummis. "Vor allen Dingen die Reifen werden sehr stark belastet", kündigt Tilke im RTL/ntv-Gespräch an.

Klar ist bereits: Nach dem Ausweichrennen 2021 schlägt die F1 regelmäßig in Saudi-Arabien auf – der Vertrag ist abgeschlossen. Trotz der großen Kritik an der Menschenrechtslage am Land. Um auf die Rechte der LGBTQ-Community aufmerksam zu machen, fährt Weltmeister Hamilton die letzten drei Rennen (Katar, Saudi-Arabien, Abu Dhabi) mit einem Regenbogen-Helm. Ein klares Statement.

Im Video: Streckenarchitekt Tilke über das Projekt Saudi Arabien

Momentum liegt auf Hamiltons Seite- reicht das?

Die Königsfrage vor dem Rennen: Welchem der beiden F1-Schwergewichte liegt der neue Kurs besser? "Von der Papierform her sollte der Track eher Mercedes liegen", sagt Ex-Pilot Alexander Wurz. Der ORF-Experte ist am Sonntag für RTL im Einsatz. "Aber da keiner Erfahrung hat, speziell mit dem Asphalt, kann Red Bull vielleicht seinen Reifenvorteil ausspielen. Außerdem kann auf einem Stadtkurs ein Safety Car immer mal das Rennen schlagartig umdrehen."

Der wendungsreiche Weltmeisterschafskampf schreibt am Wochenende also vielleicht den nächsten irren Plot-Twist. Denn vor rund drei Wochen sah Verstappen bereits als Sieger aus. Er triumphierte beim Heimrennen seines Landsmanns und Stallkollegen Sergio Perez in Mexiko – eine große Red-Bull-Party mit Tequila im Abgang. Das Punkte-Polster auf Hamilton lag bei 19 Zählern. Doch schon eine Woche darauf gab's lange Gesichter bei RB. Trotz zweifacher Bestrafung und Rückversetzung (erst im Sprintrennen und im Hauptrennen) raste Hamilton in Brasilien mit neu eingepflanztem Motor im W12-Heck zum Sieg. Es war eine Show, die an den alten Hamilton erinnerte. Mit gieriger Dominanz und Übermacht. Auf dem Weg zum Titel Nummer acht, mit dem er Michael Schumacher (sieben Titel) endgültig hinter sich ließe. Und wieder eine Woche drauf – in Katar – schmolz der Verstappen-Vorsprung weiter dahin. Der nächste Hamilton-Sieg dampfte die Führung auf acht Pünktchen ein. Was Red Bull zusätzliche Schweißperlen auf die Stirn treibt: In Katar hatte Hamilton den neuen Monster-Motor gar nicht drin.

Das Momentum liegt also auf Hamiltons Seite – trotzdem kann nur Verstappen schon in Dschidda den F1-Sack zumachen. Unrealistisch klar, aber nicht unmöglich. Falls Hamilton gar nicht in die Punkte kommen sollte, würde Verstappen ein zweiter Platz zum Titel reichen. Ansonsten gilt: Gewinnt Verstappen und holt die schnellste Rennrunde, reichten ihm Platz 6 und abwärts von Hamilton. Ohne schnellste Rennrunde (und den damit verbundenen Bonuspunkt) und gleichzeitigem Triumph dürfte der WM-Widersacher nicht besser als Siebter werden. So weit die Theorie.

So wird Max Verstappen schon vor dem letzten Formel-1-Saisonrennen Weltmeister
Lewis Hamilton trennen nur noch acht Punkte von Max Verstappen.
© RTL

Entscheidung könnte erst im letzten Rennen fallen

Der Reality-Check: Ohne Boxen-Panne, technischen Defekt oder Unfall (wovon beide bis auf ihre eigenen Crashs weitgehend verschont blieben) sind diese Szenarios unwahrscheinlich. Geht der GP ohne Aufreger über die Bühne, wird die Entscheidung auf das letzte Rennen in Abu Dhabi (12.12.) vertagt. Vorweihnachtliche Bescherung in der Wüste.

Der Kampf der beiden Ausnahmepiloten sei für Wurz "ohne Zweifel das Nonplusultra im letzten Jahrzehnt." Verstappen und Hamilton "fahren auf einem anderen Niveau als das restliche Fahrerfeld. Beide sind sehr sanft im Umgang mit dem Lenkrad, aber hart im Kämpfen."
Was in Saudi-Arabien ein erneutes Mal zu beweisen wäre. Die Fans sind bereit für den Wüstenendspurt, ein vorletztes Gefecht im WM-Fight. Ja, das Duell war bislang episch, fehlt nur noch ein episches Finale. (msc)