Heiliger Bimbam!

316 Glockenschläge am Tag: Kirche treibt Anwohner in den Wahnsinn

26. November 2020 - 9:29 Uhr

Schlaflose Nächte für Anwohnerin

Seit der Reparatur der Kirchturmuhr von Bad Bederkesa in Niedersachsen läuten die Kirchenglocken tagsüber alle 15 Minuten, nachts jede Stunde. Das sind insgesamt 316 Mal am Tag - und in der Nacht. Einigen Nachbarn raubt das nicht nur den Schlaf, sondern auch den letzten Nerv.

Wie schlimm das tägliche und nächtliche Läuten Anwohnerin Bärbel Hempel zusetzt, sehen Sie im Video.

Süßer die Glocken nie klingen...

Die einen sehen das Läuten der Kirchenglocken als hörbares Zeichen ihres christlichen Glaubens – den anderen geht es gehörig auf den Geist. Seit April 2018 ruhten die Glocken der altehrwürdigen Kirchturmuhr, weil das Räderwerk kaputt war. "Dann haben viele Leute im Pfarramt angerufen und auch den Pastor auf der Straße angesprochen, und haben gefragt, was ist denn los, wann läuten die Glocken denn wieder?", berichtet Superintendent Albrecht Preisler. Im Sommer 2020 bat der Kirchenvorstand der St.Jakobi-Kirche im niedersächsischen Bad Bederkesa die Bürger um Spenden, um die Uhr zu reparieren. Rund 12.000 Euro kamen zusammen. Inzwischen ist das elektronische Uhrwerk repariert, die Glocken von St. Jakobi läuten wieder. Doch die regelmäßige Zeitansage vom altehrwürdigen Turm findet nicht bei allen Bürgern Anklang.

Leben im Schatten der Kirchenglocken

Alle 15 Minuten schwingt die Glocke zwischen 6 und 22 Uhr, bis zu vier Mal. Zur vollen Stunde schlägt außerdem eine größere Glocke die Stundenzahl. "Wir haben hier schon mit Freunden gesessen am Samstagabend, und um zehn vor sechs beim liturgischen Läuten sind wir reingeflüchtet, weil man sich absolut nicht unterhalten konnte", beschwert sich Bärbel Hempel. Die 65-jährige Rentnerin wohnt seit drei Jahren im Schatten der Kirche und wünscht sich mehr Ruhe – gerade in der Nacht. Mit ihren Nachbarn sammelt sie 23 Unterschriften gegen das ständige Läuten. "Wir wollen, dass die Kirchenuhr wieder läuft, aber wir wollen Nachtruhe haben."

Das Thema polarisiert

"Das hat uns sehr überrascht", so Superintendent Albrecht Preisler zu den Beschwerden. Die Kirche sei von der Zeitung informiert worden, das Anwohner sich von den Glocken gestört fühlten. Die Zeitung stellte den Kontakt her. "Das ist schon nachvollziehbar, dass man sich in der Nachtruhe gestört fühlen kann durch den Stundenschlag", sagt der Superintendent.

Von 22 bis 6 Uhr will die Kirche nun auf die Glockenschläge verzichten – das ist die gesetzlich festgelegte Nachtruhe. Tagsüber sollen die Glocken aber weiterhin klingen. Auch das liturgische Läuten zu Nachtgottesdiensten soll bestehen bleiben – zum Beispiel um 23 Uhr zu Weihnachten.

Für die Anwohner ist das nicht genug. "Das ist kein Kompromiss. Ich finde sechs Uhr immer noch sehr früh, was eine Ruhezeit angeht", sagt Anwohnerin Susann Holtmann. Sie wünscht sich Ruhe mindestens von 22 bis 9 Uhr. Wegziehen will sie wegen des Lärms aber deswegen nicht. Stattdessen überlegt die 48-Jährige, gegen die Kirche zu klagen. Die Kirche hat währenddessen einen Sachverständigen einbestellt, der in einigen Tagen die Lautstärke und technische Möglichkeiten beurteilen soll.