Begrüßen wir uns bald anders?

Ghettofaust für die Hygiene: Das Händeschütteln bekommt Konkurrenz

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9. September 2019 - 15:46 Uhr

Ghettofaust

Mit dem Herbst kommt nun wieder die Erkältungssaison. Menschen scheuen sich, einander die Hand zu geben. In Krankenhäusern gilt seit Langem ein Desinfektions- und Abstandsgebot. Kommt das Händeschütteln hierzulande aus der Mode? Und wie hygienisch ist eine alternative Begrüßungsform, die Ghettofaust?

Was sagt der Knigge-Rat dazu?

"Der Status quo ist: In Deutschland ist der Handschlag Standard", sagt Agnes Anna Jarosch, Vorsitzende des Deutschen Knigge-Rats. Aber: "Die Varianz wird größer, Regeln sind nicht mehr so starr wie früher." Wangenküsse seien beispielsweise im Kommen. Jugendlichen sei der Handschlag eh zu uncool, sie begrüßten sich Faust gegen Faust. "Das ist ein genereller Trend", so Jarosch.

Begrüßungen weltweit

Auch Imme Gerke, die interkulturelle Schulungen anbietet, verweist auf die Vielzahl an Begrüßungsformen, die es weltweit gibt: "Umarmen, Nasenkuss, mit der Stirn berühren, Hand aufs Herz legen, verbeugen - das sind alles Spielarten."

Der Handschlag werde oft als distanziert betrachtet. In China, Japan oder Kanada entfernten sich Menschen vom Händeschütteln. Amerikaner wiederum praktizierten immer häufiger eine Zwei-Schritt-Begrüßung: Auf den Handschlag folgt eine Umarmung. Allen Menschen angeboren sei der Augengruß: ein Hochziehen der Brauen. Je mehr Annäherung es gebe, desto besser, findet Gerke.

Wie lange es den Handschlag schon gibt, ist nicht nachzuvollziehen. Schon die alten Römer und Griechen sollen ihn praktiziert haben. Eine Theorie besagt: Menschen wollen zeigen, dass sie keine Waffe in der Hand halten. Herauslesen können Experten zum Beispiel Hierarchien, Stärke oder Schwäche, Distanz oder Nähe, Nervosität oder Ruhe, Narzissmus.

"Das Begrüßungsritual wird sich verschieben", glaubt Gerke. "Aber man sollte sich darauf einigen, dass man sich grüßt - auf welche Weise auch immer." Das sei wichtig, um angeborene Aggressionen abzubauen. "Deswegen müssen wir unsere Kinder anhalten, dass sie sich grüßen", sagt Gerke. "Das ist auch eine soziale Kompetenz."

Der Handschlag ist sehr unhygienisch

Tatsächlich befinden sich allerdings unzählige Mikroorganismen auf der Hand. "Ob beim Naseputzen, beim Toilettengang, beim Streicheln eines Tieres oder bei der Zubereitung von rohem Fleisch: Die Hände kommen häufig mit Keimen in Kontakt und können diese auf alles übertragen, das anschließend angefasst wird", schreibt die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Gründliches Händewaschen mit Wasser und Seife senke die Häufigkeit von Infektionskrankheiten nachweislich - das Risiko von Durchfallerkrankungen etwa könne fast halbiert werden. Wie viele Fehler Sie schon beim Händewaschen machen können, verraten wir hier.

Wegen der Hygiene auf den handschlag zu verzichten - davon hält die Mikro- und Verhaltensbiologin Gerke aber nichts: "Die Angst vor Mikroben ist übertrieben. Das Immunsystem muss üben", sagt sie. "Ein Handschlag ist Mikrobenübertragung ohne den Vorteil der Berührung."

Die gute Nachricht aus Knigge-Sicht: "Wenn man weiß, dass man gerade eine Virenschleuder ist, dann sollte man sagen: Ich gebe euch heute nicht die Hand", sagt Umgangsformen-Fachfrau Jarosch. Und ganz allgemein gelte eine goldene Regel: "Bis fünf Personen reicht man die Hand. Ist die Gruppe größer, reicht ein 'Grüß Gott' in die Runde."

Ghettofaust auch bei Politikern sehr beliebt

Dabei ist die Ghettofaust jetzt schon gesellschaftstauglich: Der ehemalige US-Präsident Barack Obama war dafür bekannt, dass er mit der Ghettofaust Menschen, wie etwa seine Angestellten und Besucher im Weißen Haus, aber auch seinen ehemaligen US-Vizepräsident Joe Biden, begrüßte.

Studie: Ghettofaust hygienischer als Handschlag

Barrack Obama Fist Bump
Ex-US-Präsident Barrack Obama begrüßte Gäste im Weißen Haus mit der Ghettofaust
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Bereits in einer britischen Studie von 2014 wurde bestätigt, wie sinnvoll die Ghettofaust als Begrüßung wäre. In der Studie der Universität Aberystwyth, die im "American Journal of Infection Control" veröffentlicht wurde, wollten Forscher feststellen, welche Begrüßung weniger Keime überträgt: Handschlag, ein High-Five oder die Ghettofaust? Dabei kam heraus, dass ein Handschlag die meisten Bakterien überträgt. Bei diesem Test wurden E.Coli-Bakterien entdeckt. Die wenigsten Bakterien werden tatsächlich nach einer Ghettofaust übertragen.

"Die Einführung der Faust könnte die Übertragung von ansteckenden Krankheiten substantiell verringern", erklärte David Whitworth, der Co-Autor der Studie.

Quelle: DPA/RTL.de