Gewinner und Verlierer der EM-Vorbereitung

Einstmals Aussortierte wieder da, Kimmich muss sich fügen

08. Juni 2021 - 13:36 Uhr

Müller und Hammels lachen, Werner weiter auf Formsuche

Die Fußball-Europameisterschaft steht vor der Tür, es wird also ernst für Bundestrainer Joachim Löw und seine 26 "Titeljäger" von der deutschen Nationalmannschaft. Während der Vorbereitung in Seefeld gab es unwahrscheinliche Gewinner und überraschende Verlierer. Ein Überblick. Die Tore vom 7:1-Kantersieg der DFB-Elf im letzten Test gegen Lettland gibt's oben im Video.

Die Gewinner

JOACHIM LÖW

"Kämpfer aufm Acker - Danke, Jogi, für Müller und Hummels", stand in Düsseldorf auf einem Plakat. Der Bundestrainer ist mit Anlauf über seinen Schatten gesprungen und hat die Stimmung gedreht. Seine Entscheidung, Joshua Kimmich auf die rechte Seite zu schieben, erscheint logisch. Vielleicht wird es ja doch ein goldener Abschied.

Löws Lettland-Analyse

MATS HUMMELS/THOMAS MÜLLER

Die alten Leitwölfe sind zurück, und es ist, als wären sie nie weggewesen. Hummels als Spieleröffner aus der Abwehr, Müller als dauerquasselnde ordnende Hand in der Offensive. In die neue Hierarchie reihen sie sich im Teamsinne ein. Doch: Die Härtetests kommen. Noch ist kein Kylian Mbappe mit Ball im Vollsprint auf Hummels zugerast.

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KAI HAVERTZ

Ja, wow. Er hatte Corona, er war verletzt, aber jetzt erscheint das einstige Supertalent stark wie nie. Das Siegtor für den FC Chelsea im Champions-League-Finale scheint in diesem sehr geschmeidigen, technisch überragenden Offensivspieler letzte Blockaden gelöst zu haben. Eine der größten EM-Hoffnungen mit Potenzial zum Weltstar.

ANTONIO RÜDIGER

Die sagenhafte Grätsche, die im Champions-League-Finale ein Gegentor verhinderte, sagt alles über den neuen Rüdiger. Unter Thomas Tuchel bei Chelsea nochmals enorm entwickelt, physisch brutal stark, verbessert in Antizipation und kompromisslosem Einschreiten. Kommt aus dem Nichts geflogen, wenn niemand mehr damit rechnet. Anker der deutschen Abwehr, die im EM-Vorfeld mehrfach bedenklich wackelte.

ROBIN GOSENS

Beim ersten Länderspieltor ging dem Linksverteidiger von Atalanta Bergamo "mal so richtig einer ab", wie er im Überschwang lossprudelte. Gosens ist keine Ideallösung von Weltklasse, aber doch so gut und nach sechs Einsätzen schon derart festgespielt, dass über Alternativen nicht mehr gesprochen wird. Wenn er dann noch Tore schießt: umso besser.

Gosens' erstes Länderspieltor im Video

Die Verlierer

LEROY SANE

2018 ebenso überraschend wie schmerzhaft aus dem WM-Kader gestrichen, diesmal dabei. Pflegt bisweilen eine Bruder-Leichtfuß-Attitüde, die ihm auch Löw noch nicht ausgetrieben hat. Er wirkt dann merkwürdig abwesend und schwach integriert, Mitspieler müssen ihn aus der Lethargie reißen. Ist dennoch ein "Gadget-Spieler" für den großen Joker-Moment.

TIMO WERNER

Sah selbst beim Sieg im Champions-League-Finale noch unglücklich aus. Er hatte beim Interview danach seinen Ihr-könnt-mich-alle-mal-Moment, dennoch fährt er ohne großes Selbstvertrauen und Stammplatz zur EM. Verstolperte Großchancen in Verein und Nationalmannschaft (Nordmazedonien!) haben daran erheblichen Anteil.

Immerhin: Gegen Lettland traf Werner

LEON GORETZKA

Kam aus der Coronapause und sah plötzlich aus wie Hulk, gestählt in Fitnessstudios, mit neuer Wucht. Er wird nach einem Muskelfaserriss im Oberschenkel aber den Auftakt gegen Frankreich und womöglich das Spiel gegen Portugal verpassen, also erst fit sein, wenn sich die EM-Elf schon gefunden hat. Dann noch ins Team zu rücken, wird sehr schwer.

JOSHUA KIMMICH

Ein Verlierer kann ein Gewinner werden. Kimmich sieht sich als gewandter Strippenzieher in der Zentrale, dort, wo das Spiel am lautesten pulsiert - er ist auch unverzichtbar, muss aber wie Philipp Lahm 2014 auf der rechten Außenbahn ran: Im Sinne des Erfolges. Die Fäden spinnen im Mittelfeld Toni Kroos und Ilkay Gündogan. Springt am Ende der Titel heraus, wird Kimmich sich kaum beklagen.

NIKLAS SÜLE

Süle galt lange als deutscher Abwehrchef für die EM und wird nun wahrscheinlich auf der Bank sitzen. Was ist passiert? Er hat körperlich nach Kreuzband- und Muskelfaserriss noch Rückstand, den er in intensiven Einheiten aufzuholen versucht. Mats Hummels kam zurück und ist gesetzt - Antonio Rüdiger flog an Süle vorbei. In der Viererkette ohne Einsatzchance, in der Dreier-Variante zieht Löw Matthias Ginter vor. (sid)