RTL/ntv "Frühstart" mit Carla Reemtsma

Fridays for Future verteidigt umstrittenen Klima-Hungerstreik

24. September 2021 - 9:21 Uhr

Klimaaktivisten solidarisieren sich

Von Philip Scupin

Die Sprecherin der Bewegung Fridays for Future, Carla Reemtsma, hat den Hungerstreik mehrerer Klimaaktivisten in Berlin im Grundsatz verteidigt. Jeder könne selbst darüber entscheiden, was ein legitimes Mittel des Protestes sei, sagte Reemtsma am Freitagmorgen in der Sendung "Frühstart" bei RTL/ntv.

"Ich finde es vor allem erstmal erschütternd, dass junge Menschen in Anbetracht des politischen Versagens, das wir im Bereich der Klimakrise erleben, das Gefühl haben, zu diesem Mittel greifen zu müssen."

Hungerstreik in Berlin seit mehr als drei Wochen

Von Erpressung der drei Kanzlerkandidaten könne keine Rede sein, da ihnen selbst durch die Aktion der Aktivisten nichts drohe, so Reemtsma. In der Klimabewegung stehe man für dieselben Ziele ein. Fridays for Future rufe allerdings nicht dazu auf, in den Hungerstreik zu treten. Fridays for Future veranstaltet am Freitag erstmals seit März wieder einen globalen Klimastreik. Allein in Deutschland soll an 470 Orten gestreikt werden.

Seit mehr als drei Wochen ist im Berliner Regierungsviertel ein Camp von Hungerstreikenden aufgebaut. Die Teilnehmer fordern ein Gespräch mit den Kanzlerkandidaten Scholz, Laschet und Baerbock. Sechs von sieben Aktivisten sind inzwischen ausgestiegen, der verbliebene Aktivist und eine neu dazugekommene Teilnehmerin drohen damit, ab Samstag sogar nichts mehr zu trinken, sollte SPD-Kandidat Olaf Scholz nicht öffentlich den Klimanotstand ausrufen.

Scholz "kein Klima-Kanzler"

Zwei Tage vor der Bundestagswahl kritisierte Reemtsma den in Umfragen führenden SPD-Kanzlerkandidaten Scholz. "Mit dem, was Olaf Scholz die vergangenen Jahren gemacht hat, ist er definitiv kein Klima-Kanzler." Die SPD falle mit ihrem Wahlprogramm deutlich hinter ihr selbst gesetztes Ziel zurück, das Pariser Klimaabkommen einzuhalten. Scholz halte außerdem weiterhin am Kohleausstieg im Jahr 2038 fest. "Der müsste vorgezogen werden auf allerspätestens 2030", so die Klimaaktivistin.

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Reemtsma glaubt nicht an Klimaregierung

Die Sprecherin von Fridays for Future zeigte sich enttäuscht vom Wahlkampf. Alle plakatierten Klimaschutz, "gleichzeitig erleben wir Lügen der gesamten demokratischen Parteienlandschaft." Keine Partei habe ein ausreichendes Programm zur Einhaltung des Zieles einer maximalen Erderwärmung von 1,5 Grad. Das zeige, wie dringend und gerechtfertigt der Protest sei.

Auch für mögliche Koalitionen nach der Wahl zeigte sich Reemtsma pessimistisch. "Wir werden, so sehr wir darauf hoffen, keine 1,5-Grad-konforme Klimaregierung bekommen."

Mahnende Worte vom Lehrerverband

Reemtsma äußerte sich auch zur Kritik des Deutschen Lehrerverbandes. Dessen Präsident Meidinger hatte gesagt, er lehne eine Aufhebung der Schulpflicht zugunsten politischer Aktionen ab. Fridays for Future fordere das gar nicht, entgegnete Reemtsma. Der Klimastreik sei "ein Stück weit" ziviler Ungehorsam. "Dieser Grenzüberschritt ist wichtig und notwendig, auch legitim, angesichts des historischen Versagens im Bereich Klimaschutz." Schülerinnen und Schüler sähen ihre Zukunft so bedroht, dass sie zum Beispiel unentschuldigte Fehltage in Kauf nehmen würden.