Capito will es Seidl nachmachen

Rettet wieder ein Deutscher ein britisches Formel-1-Traditionsteam aus der Langzeit-Krise?

Jost Capito
Jost Capito
© Getty Images, Bongarts, WTM / WTM

11. Juni 2021 - 6:39 Uhr

Die Williams-Rettung wird nicht leicht

Von Ludwig Degmayr

De facto war er schon seit der Übernahme des Williams-Rennstalls durch die Investment-Firma Dorilton Capital im Vorjahr der Hauptverantwortliche im sportlichen Bereich, nun ist Jost Capito auch offiziell der Teamchef des Traditionsteams aus Grove. Um dem schon seit über einem Jahrzehnt kriselnden ehemaligen F1-Giganten wieder aus dem Winterschlaf zu wecken, wird der Deutsche alles in die Waagschale werfen müssen. Bei seiner Mammutaufgabe kann Capito sich ein Beispiel an Landsmann Andreas Seidl nehmen. Zumal die Vita der beiden große Parallelen aufweist.

McLaren griff ebenfalls regelmäßig ins Klo

Auch McLaren-Teamchef Seidl musste eine historische Marke der Königsklasse wieder in die Spur bringen, eine Marke, die durch die nicht mehr zeitgemäß denkenden Teamchefs Martin Whitmarsh und vor allem Ron Dennis kontinuierlich durchgereicht wurde. Bei den wichtigen Entscheidungen fehlte das nötige Feingefühl, so war etwa das große Honda-Comeback eine grandiose Idee – doch am Ende wurde die einstige unbezwingbare Kombination zur Lachnummer der F1. Und das lag eben nicht nur an den Japanern, wie Dennis und auch ein gewisser Fernando Alonso immer wieder predigten.

Unter teils großem Stirnrunzeln krempelte Seidl den erlahmten Rennstall um. CEO Zak Brown freute sich, denn alleine wäre ihm die Trendwende wohl kaum gelungen. Ein wichtiger Meilenstein war der Ende 2019 angekündigte Wechsel zum Mercedes-Motor für dieses Jahr. Eine riskante Entscheidung, die sich allerdings im Premierenjahr schon nach sechs Rennen auszahlt.

Williams kommt auch 2021 nicht in Fahrt

Capito sollte am Motor lieber nichts ändern, denn hier ist Williams schon mit dem starken Mercedes-Aggregat bestückt. Und trotzdem liegt das Team wegen des 13. Platzes von Mick Schumacher in Baku wieder auf dem letzten Platz in der Konstrukteursrangliste. Komisch, aber eben auch verdient.

Zum vierten Mal in Folge ist es den Briten nicht gelungen, ein wirklich konkurrenzfähiges Auto auf die Beine zu stellen. Für einen Q2-Einzug durch Wunderknabe George Russell reicht es zwar, doch im Rennen werden die blau-weißen Boliden ein aufs andere Mal förmlich von der Konkurrenz versenkt. Selbst der deutlich stärker unterlegene Haas konnte bei manchen Strecken mit dem Williams mithalten.

Durch Dorilton Capitals Übernahme ist jetzt zumindest frisches Geld da, mit dem Capito seine vorhandenen Ideen für eine Verbesserung der Situation einbringen kann. Doch Geld alleine bringt nicht immer sportlichen Erfolg – siehe Aston Martin, das immer noch seinen Erfolgen aus Force-India-Zeiten hinterherhinkt.

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Capito und Seidl - zwei vom gleichen Schlag

Ob es Capito besser gelingen wird? Im Motorsport ist der 62-Jährige jedenfalls schon jetzt ein bekanntes und erfolgreiches Gesicht. Nachdem er in der Abteilung für Hochleistungsmotoren bei BMW startete, ging er zu Konkurrent Porsche und kümmerte sich dort um Rennsportprogramme wie den Porsche Supercup. 1996 führte der Weg erstmals in die Formel 1 zu Sauber. Dort ebnete Capito unter anderem Talenten wie Heinz-Harald Frentzen und Kimi Räikkönen den Weg in eine erfolgreiche Karriere.

Nach dem zwischenzeitlichen Ausstieg aus der F1 dockte der Deutsche 2012 bei Volkswagen an und siegte mit dem Hersteller in der Rallye-WM. Unterbrochen wurde die erfolgreiche Zeit durch ein kurzes Intermezzo bei McLaren 2016. 2020 dann der Wechsel zu Williams.

Einen ähnlichen Karriereverlauf legte Andreas Seidl hin, der ebenfalls für BMW (F1) und Porsche (WEC) tätig war, bevor er sich dem Abenteuer bei McLaren verschrieb. Capito muss im Gegensatz zu Seidl aber noch beweisen, dass er einen traditionsreichen Rennstall erfolgreich umfunktionieren kann. Und während der McLaren-Teamchef nur eine temporäre Schwächephase umwandeln musste, wird Capito bei Williams beinahe von Null beginnen müssen. Der Weg zurück nach oben wird schwer – zumal Supertalent George Russell ihn wohl nicht mitgehen wird.

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