Pro und Contra zur hitzigen F1-Debatte

Hamilton oder Verstappen: Wer hat die Schuld am Monster-Crash?

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19. Juli 2021 - 15:24 Uhr

Verstappen-Abschuss erhitzt die Gemüter

Über diesen Crash diskutiert die Formel 1! In der ersten Silverstone-Runde beim Großen Preis von Großbritannien kam es zwischen Lewis Hamilton und Max Verstappen zur folgenschweren Berührung. Der Niederländer rauschte mit hoher Geschwindigkeit in den Reifenstapel, musste anschließend sogar ins Krankenhaus. Inzwischen hat der Red-Bull-Pilot die Klinik wieder verlassen. Ist das Thema damit abgehakt? Von wegen! Der Crash erhitzt weiter die Gemüter. Die Fans teilen sich in ein Verstappen- und Hamilton-Lager und diskutieren: Wer hat denn nun Schuld? Wir ordnen ein: Was spricht dafür, dass Hamilton die Hauptschuld trägt? Und warum kann man es als Rennvorfall sehen?

Es war ein Rennvorfall!

Von Alessa-Luisa Naujoks

Sie sorgt bei Fahrern, Teams und Fans für Adrenalin pur, lässt Mitfiebernde an den Nägeln knabbern und treibt den Puls hoch auf 180, weil sie die größte Action verspricht: die erste Rennrunde. Berührungen, Überholmanöver, Crashs. Es ist das übliche Chaos der Anfangsphase, das so viel Spannung verspricht. Standard. So auch in Silverstone.

Das Duell Max Verstappen gegen Lewis Hamilton zog sich vom Moment an, in dem die Ampeln ausgegangen sind, bis hin zum Crash: Der Mercedes-Star erwischte auf der rechten Seite den besseren Start, saß Verstappen im Getriebe und tauchte mehrfach neben dem Red Bull auf. Kurz vor dem Vorfall zog der Rekordweltmeister noch zurück, ging einer Berührung aus dem Weg.
Aber Hamilton wollte vorbei. Er MUSSTE vorbei, wollte er nicht wieder riskieren, dass Verstappen ihm davonzieht. Es ging eben nicht nur um den Rennsieg. Darum, eine Serie von fünf sieglosen Wochenenden in Folge zu brechen und vor heimischen Fans zu siegen. Es ging um mehr: Einen Fingerzeig in der WM.

Und genau deshalb machte Hamilton das, was von einem siebenmaligen Champion erwartet wird: Er kämpfte mit Herz und Hand um seine Chance. Und am Ende wählte er den typischen Verstappen-Modus: Aggressiv, volle Attacke und kein Zurück.

Frontflügel am Vorderrad

In Copse Corner dann der entscheidende Move. Im Windschatten angesaugt, außen angetäuscht und nach innen reingezogen – Hamiltons "Jetzt oder nie"-Moment. Und beim Betrachten der Bilder zeigt sich: Zu Recht! Vor der Kurve war sein Frontflügel auf Höhe von Verstappens Vorderrad. Laut Reglement heißt das: Die Kurve gehört ihm auf der Innenbahn.

Und, na klar, Verstappen sah den Mercedes neben sich, suchte trotzdem den Weg hinein in die Kurve Richtung Ideallinie. Wer was anderes von dem jungen Holländer erwartet hat, der schwindelt. Zwei WM-Kandidaten, zwei Standpunkte. Vollkommen verständlich. Hamilton schien das Unheil zu ahnen, ging kurz vom Gas. Pech nur: Das Untersteuern seines Mercedes konnte er nicht verhindern, es trieb ihn weg von der Innenbahn. Direkt hinein in Verstappens Spur. Ergo: Mit seinem Frontflügel touchierte er den rechten Hinterreifen des Red Bull.

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Schon hundert Mal gesehen

Eine Szene, wie wir sie schon hunderte Male in der F1 gesehen haben. Nicht bei dieser Geschwindigkeit, ja. Aber wer, wenn nicht die Ausnahmefahrer Hamilton und Verstappen, schrecken vor diesen Millimeter-Duellen selbst bei 280 km/h nicht zurück? Am Ende ist es in meinen Augen deshalb nicht mehr als das: Ein normaler Rennvorfall in der ersten Runde beim Kampf zweier Top-Stars um die Führung – und den Thron. Dass es an dieser Stelle der Strecke besonders gefährlich war, mag die 10-Sekunden-Strafe für Hamilton rechtfertigen. Ein "no further action" hätte es aber auch getan!

Höhere Strafe für Hamilton wäre angemessen gewesen

Von Emmanuel Schneider

Dass es zwischen den beiden WM-Favoriten in dieser Saison noch krachen würde, war eher eine Frage des "Wann" und nicht des "Ob". Dafür geht es um zu viel, dafür sind beide zu ehrgeizig und verbissen. Nun ist es also passiert – und die Frage, die sich automatisch stellt: Wer ist schuld?

Eines vorweg: Dass Hamilton den Crash "mit Absicht" herbeigeführt hat, ist Humbug. Krass sportwidrig war es nicht. Die TV-Bilder lassen zumindest erahnen, dass er in allerletzte Millisekunde leicht zurückziehen wollte. Zu spät!

Red Bull holte sofort die große Keule raus: "Fahrlässig", "gefährlich", "rücksichtslos", hieß es seitens des Rennstalls. Angesichts des Umstandes, dass ihr Pilot gerade ins Krankenhaus musste, auch verständlich. Dafür braucht man keine Oranje- oder Bullen-Brille zu tragen.

Und auch die fünf Rennkommissare waren sich einig: Die Schuld ist eher beim Briten zu sehen. Dafür gibt es gute Gründe. Aber der Reihe nach.

Was macht er da zu diesem Zeitpunkt an dieser Stelle?

Die beiden Top-Fahrer beackerten sich vom Start weg. Hamilton wollte unbedingt die Führung vor der Kurvenfolge Maggotts und Becketts ergattern, attackierte den Red-Bull-Piloten, der sich wiederum astrein verteidigte, mehrmals aggressiv und mit starken Manövern.

Dann der Worst Case in der Copse Kurve, einer der schnellsten Kurven (bis zu 290 km/h) überhaupt – und die Hauptschuld daran ist beim Weltmeister zu sehen. Der 36-Jährige startete kurz vor der Copse-Ecke das nächste Manöver, täuschte kurz außen an, ging dann innen rein und zwar ohne Rücksicht auf Verluste. Allerdings war Hamilton nicht auf der Ideallinie unterwegs und Verstappen noch leicht vor ihm. Verstappen kann also guten Gewissens reklamieren, dass es "seine" Kurve war.

Es kam, wie es kommen musste: Hamilton hielt rein, Verstappen zog logischerweise nicht zurück, es war ja "seine Kurve" – so hätte natürlich auch der Niederländer noch einen Crash vermeiden können. Dass er es aber nicht tat, liegt auf der Hand. Bei einem waschechten Racer wie Verstappen sowieso. Zurückziehen war noch nie die Stärke des Red-Bull-Manns. Verstappen lenkte ein, Hamilton bekam leichtes Untersteuern und traf mit seinem Vorderrad den Hinterreifen des Niederländers.

Zugespitzt kann man fragen: Was macht Hamilton da zu diesem Zeitpunkt an dieser Stelle? Das kann nicht gutgehen – ein gefährliches Manöver.

Fingerspitzengefühl fehlte mehrfach

Eine Strafe gegen den Weltmeister geht so weit also in Ordnung, sie hätte durchaus noch höher ausfallen dürfen. Denn während Hamilton schnell mit geflicktem Boliden wieder die Jagd auf Leclerc aufnahm, befand sich sein ärgster Kontrahent im Krankenhaus. Und wenn man bedenkt, dass Kimi Räikkönen beim Rennen in Spielberg vor zwei Wochen eine 20 Sekunden-Strafe aufgebrummt bekam, nachdem er Sebastian Vettel in der letzten Runde abgeschossen hatte, wird es dann doch grotesk. Mehr Fingerspitzengefühl der Silverstone-Stewards wäre hier angebracht gewesen – im Sinne des Sports.

Was hingegen Laschet-esk ungünstige Bilder waren: Die ausgiebige Feierei von Hamilton, während Verstappen noch in der Klinik durchgecheckt werden musste. Auch hier hätte man sich mehr Fingerspitzengefühl vom F1-Routinier, der sich gerne auf Fairplay beruft, gewünscht.

Ansonsten gilt: Die F1-Kapelle bitte im Dorf lassen. Die Hauptschuld liegt bei Hamilton, Absicht war es nicht.

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