Wenn die Titelrivalen crashen

Hamilton vs. Verstappen - der härteste WM-Fight seit Senna und Prost

Alain Prost (l.) und Ayrton Senna hatten sich nach ihrem Crash beim entscheidenden Rennen in Suzuka 1990 nichts mehr zu sagen.
Alain Prost (l.) und Ayrton Senna hatten sich nach ihrem Crash beim entscheidenden Rennen in Suzuka 1990 nichts mehr zu sagen.
© Imago Sportfotodienst

14. September 2021 - 20:18 Uhr

Unfälle im WM-Kampf haben Tradition

Der Crash der Formel-1-Rivalen Lewis Hamilton und Max Verstappen beim Italien-GP hat die Rennsport-Welt in helle Aufregung versetzt. Wer es noch nicht wusste, weiß spätestens seit Monza: In diesem Duell zieht keiner zurück – koste es, was es wolle. Kompromisslos um die Krone kämpfen, bis es kracht: Das hat Tradition in der Motorsport-Königsklasse. Wir erinnern an die spektakulärsten Crashs zwischen WM-Rivalen.

1. Ayrton Senna vs. Alain Prost (1989/90)

Die wohl legendärste Rivalität der F1-Geschichte. Zwischen dem charismatischen Vollgas-Gott Ayrton Senna und dem kühlen Renn-Professor Alain Prost entbrennt Ende der Achtziger ein erbitterter Kampf um die Formel-1-Vorherrschaft. 1989 steht Titelverteidiger Senna beim letzten Rennen in Suzuka unter Druck, der Brasilianer muss unbedingt gewinnen, um seinen McLaren-Teamrivalen Prost noch abzufangen.

In der letzten Schikane geht Senna aufs Ganze, Prost knallt ihm die Tür zu – Kollision. Während der Franzose ausscheidet, lässt sich Senna zurück auf die Strecke schieben und rast zu einem vermeintlich atemberaubenden Triumph. Prost aber läuft zur Rennleitung, legt sofort Protest ein. Die Kommissare disqualifizieren Senna nachträglich, Prost ist Champion und "flüchtet" vor seinem Intimfeind zu Ferrari.

1990 sind die Vorzeichen umgekehrt. Prost ist in Japan zum Siegen verdammt, Senna in der komfortablen Position des Führenden. Als ihn der Professor beim Start überholt, kennt Senna keine Gnade. In Kurve 1 hält er einfach drauf, rauscht dem Ferrari von Prost ins Heck. Beide landen im Kiesbett – Senna ist Weltmeister.

Ayrton Senna -BRA- und Teamkollege Alain Prost -FRA- McLaren MP4/5 F1 GP Japan 1989
Suzuka 1989, Crash der McLaren-Rivalen: Während Prost (l.) aussteigt, lässt sich Senna zurück auf die Strecke schieben, wofür er disqualifiziert wird.
© picture-alliance / ASA, World Racing Images

2. Michael Schumacher vs. Damon Hill (1994)

1994 kommt es im letzten Saisonrennen zum ultimativen Showdown der WM-Rivalen Michael Schumacher (Benetton-Ford) und Damon Hill (Williams-Renault). Ein Pünktchen liegt der Deutsche in der WM vor dem Finale Down Under vorne. Als die Ampel auf Grün springt, übernimmt Schumacher die Führung, Hill folgt ihm wie ein Schatten. Zunächst sieht es so aus, als könne der Benetton-Pilot das Rennen kontrollieren. Aber sein Rivale wird immer stärker.

Motorsport-Deutschland sitzt frühmorgens vor der Glotze, bibbert bei RTL mit seinem Schumi. Um 5.19 Uhr erreicht der WM-Fight '94 den Siedepunkt. Von Hill gejagt, unterläuft Schumacher in Runde 36 ein Fehler. Er kommt von der Strecke ab, touchiert die Mauer, wirft seinen Benetton zurück auf die Piste. Hill wittert seine Chance, sticht in einer Rechtskurve innen rein.

Schumacher wirft dem Briten die Tür zu – Kollision! Das rechte Hinterrad des Benetton trifft Hills linkes Vorderrad. Schumacher wird ins Aus katapultiert, der Williams kann zunächst weiterfahren. Schumacher steht paralysiert am Streckenrand, der WM-Traum scheint geplatzt. Aber Hills Vorderradaufhängung ist futsch – das Aus. Schumacher crasht sich zum ersten von sieben Titeln, die englische Presse tobt, wirft "Schu" Absicht vor.

Beim Silverstone-Rennen 1995 revanchiert sich Hill, schießt Schumacher derart sinnlos ab, dass Teamchef Frank Williams zur Benetton-Box fährt und um Entschuldigung bittet.

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3. Michael Schumacher vs. Jacques Villeneuve (1997)

ARCHIV - Das Fernsehbild des Senders RTL zeigt aus der Sicht der Bordkamera des deutschen Formel 1-Rennfahrers Michael Schumacher (l) den Rempler gegen seinen direkten Konkurrenten Jaques Villeneuve (r) im spanischen Jerez beim letzten Rennen der Sai
Klarer Fall: Schumacher rammt mit seinem Ferrari den Williams von Titelrivale Villeneuve.
© dpa, A9999 DB RTL

Wieder das letzte Rennen, wieder ein Punkt Vorsprung, wieder Schumacher, wieder ist ein Williams-Pilot der Gegner, dieses Mal aber Jacques Villeneuve. Schon das Qualifying zum Europa-GP in Jerez hat es in sich. Schumacher, Villeneuve und dessen Stallkollege Heinz-Harald Frentzen legen bei der Zeitenjagd die identische Zeit hin.

Weil Villeneuve seine Zeit als Erster gefahren ist, startet der Kanadier von Pole, die ihm aber nix nutzt. Ferrari-Pilot Schumacher katapultiert sich beim Start vorbei, der Williams-Mann fällt zunächst auf Rang 3 zurück. Lange sieht es so aus, als habe Schumacher alles im Griff. Dann aber bauen die Reifen am Ferrari schneller ab, Villeneuve robbt sich heran und setzt 20 Runden vor Schluss alles auf eine Karte.

In Kurve 6 bremst der Sohn von F1-Legende Gilles Villeneuve auf der allerletzten Rille, quetscht sich – fast schon auf dem Gras – innen neben Schumacher. Und der hält voll rein, lenkt seinen Ferrari gezielt in den Williams. Die Rechnung geht nicht auf. Schumacher kommt von der Strecke ab und bleibt im Kiesbett stecken. Villeneuve kann ohne größeren Schaden weiterfahren, wird Dritter und krönt sich zum Weltmeister.

Die FIA bestraft Schumacher für den Rammstoß, streicht dem Ferrari-Star alle Punkte der Saison.

4. Lewis Hamilton vs. Nico Rosberg (2014-2016)

Bilder des Tages - SPORT Formel 1, GP von Spanien, Unfall der beiden Mercedes in der ersten Runde  Circuit de Catalunya, Barcelona, Spain. Sunday 15 May 2016.Nico Rosberg, Mercedes F1 W07 Hybrid and Lewis Hamilton, Mercedes F1 W07 Hybrid make contact
Mercedes-GAU. Beim Spanien-GP 2016 schossen sich Nico Rosberg (l.) und Lewis Hamilton ins Kiesbett.
© imago/LAT Photographic, imago sportfotodienst

Zwischen den einstigen Kartfreunden Lewis Hamilton und Nico Rosberg entwickelt sich ab 2014 bei Mercedes die wohl legendärste Team-Feindschaft seit Senna/Prost. Im ersten Jahr geht der Silberpfeil-Tanz auf der Rasierklinge eine Weile gut – bis zum Belgien-GP. In Spa schlitzt Rosberg seinem Garagen-Nachbarn in Les Combes den Hinterreifen auf. Während der Brite ausscheidet, macht Rosberg als Zweiter noch ordentlich Beute, wird von den Silber-Kommandeuren Niki Lauda und Toto Wolff für den Vorfall aber öffentlich rundgemacht.

In den Jahren danach zieht Rosberg meist zurück, wenn es eng wird, erst 2016 hat er die Faxen dicke. Beim Spanien-GP verteidigt er seine Linie gegen den heranstürmenden Hamilton ohne Gnade, vor den Augen von Daimler-Boss Dieter Zetsche landen die Mercedes-Rivalen im Kiesbett.

In Österreich kracht es erneut, als Rosberg sich in der Remus-Spitzkehre bei einem Außenbahn-Angriff Hamiltons "weigert", einzulenken. Der Deutsche ruiniert sich bei der Aktion seinen Frontflügel, Hamilton triumphiert. Beim Saisonfinale in Abu Dhabi lacht aber erstmals Rosberg, der den WM-Kampf mit fünf Punkten Vorsprung für sich entscheidet.

5. Lewis Hamilton vs. Max Verstappen (2021)

Crash between 44 Lewis Hamilton GBR, Mercedes-AMG Petronas F1 Team and 33 Max Verstappen NED, Red Bull Racing, F1 Grand Prix of Italy at Autodromo Nazionale Monza on September 12, 2021 in Monza, Italy. Photo by HOCH ZWEI Monza Italy *** Crash between
Wenn keiner zurückzieht - Max Vertappen landet Lewis Hamilton auf dem Kopf.
© imago images/HochZwei, HOCH ZWEI via www.imago-images.de, www.imago-images.de

Nach Jahren öder Dominanz hat Sir Lewis Hamilton 2021 endlich wieder einen Herausforderer, der diese Bezeichnung verdient. Max Verstappen will es im Red Bull wissen, hat mit dem RB16B endlich ein Auto, das es ihm ermöglicht, um den Titel zu kämpfen.

Der für seinen aggressiven Fahrstil bekannte (und gerühmte) Holländer markiert schon beim zweiten Rennen in Imola sein Revier – Hamilton zieht (noch) zurück und verliert. Beim Klassiker in Silverstone holt King Lewis dann den Hammer raus. In der sauschnellen Copse Corner wagt er innen ein verwegenes Manöver, trifft das Hinterrad seines Red-Bull-Rivalen, befördert Verstappen mit mehr als 250 km/h in den Reifenstapel.

Trotz einer 10-Sekunden-Strafe gewinnt Hamilton und feiert seinen Heimsieg ausgelassen, während Verstappen infolge seines Einschlags mit 78g noch im Krankenhaus untersucht wird. Aus Red-Bull-Sicht ein Affront, Verstappen, RB-Berater Helmut Marko und Teamchef Christian Horner sind stinksauer.

Fans und Experten sind nach dem Silverstone-Knall sicher – es wird nicht der letzte Crash der Alphatiere bleiben. Monza gut zwei Monate später: quod erat demonstrandum (was zu beweisen war). (mar)