Formel 1 führt ihr Credo ad absurdum

Was soll denn der Quatsch? Lächerliche Strafen für Norris und Perez

Trotz Platz 3 beim Österreich-GP war Lando Norris nicht vollends happy.
Trotz Platz 3 beim Österreich-GP war Lando Norris nicht vollends happy.
© AP, Christian Bruna, VM

04. Juli 2021 - 22:33 Uhr

Rennkommissare verteilen beim Österreich-GP bescheuerte Zeitstrafen

von Martin Armbruster

Die Formel 1 – knallhartes Racing, Rad-and-Rad-Duelle, ein Zentimeter-Tanz auf der Rasierklinge, die Limit heißt. So soll die Motorsport-Königsklasse sein. Beim Großen Preis von Österreich in Spielberg aber verteilt die Rennleitung Strafen, die all das ad absurdum führen. Fahrer wie Team-Bosse schütteln in seltener Eintracht den Kopf.

Stewards bringen Norris um Platz 2

Dass ihn die Formel-1-Fans weltweit eben zum "Fahrer des Tages" gewählt hatten, juckte Lando Norris im ersten Moment nicht wirklich. Ebenso wenig wie das dritte Podest der Saison. Der junge Engländer war stinkig.

"Gute Arbeit, aber ich bin nicht zufrieden. Das hätte Platz 2 sein sollen. Sorry wegen der ersten Runde (er meinte die vierte, Anm.d.Red.), aber ich weiß nicht, was ich da anders hätte machen sollen", funkte Norris unmittelbar nach der Zieldurchfahrt an sein McLaren-Team. Was dem 22-Jährigen so auf den Sender ging, war die Strafe, die ihm die FIA-Stewards für die Szene nach dem fliegenden Re-Start in Runde 4 aufgebrummt hatten.

Dabei hatte der McLaren-Pilot seinen 2. Platz in der vierten Kurve gegen den anstürmenden Sergio Perez doch nur verteidigt, indem er seine normale Rennlinie fuhr. Dass Perez auf der Außenbahn zum a) zurückziehen oder b) ins Kiesbett ausweichen verdonnert war – eigentlich sonnenklar. Dass der Mexikaner nicht klein beigab, sich also für Option "b" entschied – eigentlich 0,0 Norris' Bier. Eigentlich.

Strafe bringt Bottas am McLaren vorbei

Die Rennkommissare sahen das Ganze völlig anders. Nach rundenlanger "Investigation" gaben sie Norris eine 5-Sekunden-Zeitstrafe. Und weil der McLaren-Mann diese bei seinem ersten Boxenstopp in Umlauf 31 brav absaß, verlor er Rang 3 in der Garage an Mercedes-Pilot Valtteri Bottas.

Immerhin: Norris krallte sich später den maladen Schwarzpfeil von Landsmann Lewis Hamilton, eroberte seinen Platz auf dem "Stockerl" also wieder zurück. Ohne die beknackte Strafe wäre der McLaren-Pilot aber mit ziemlicher Sicherheit als Zweiter hinter Spielberg-Dominator Max Verstappen (und eben vor Bottas) ins Ziel gerast – zu stark war Norris' Renn-Pace auf dem Red-Bull-Ring.

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Drei Team-Granden, eine Meinung - Seltenheitswert

"Die Strafe gegen Lando ist komplett unverständlich. Lando ist auf seiner Racing Linie. Michael Masi (Rennleiter, Anm.d.Red.) würde wohl sagen: 'Das lernst du schon im Kartsport, dass du da nicht rausgehst auf die Außenlinie.' Das ist normales Racing. Lando macht nichts Dummes", kritisierte McLaren-Teamchef Andreas Seidl bei Sky die Strafe gegen seinen Piloten.

Dass Red-Bull-Berater Helmut Marko seinen Schützling Perez nicht verteidigte, sondern Seidl beipflichtete, spricht für sich. "Das sind die besten Fahrer der Welt, da wollen wir doch Racing sehen", kommentierte die graue Eminenz der "Bullen" die Szene. Und um die Entscheidung der Rennkommissare komplett rund zu machen, schloss sich Mercedes-Oberhaupt Toto Wolff auch noch an: "Normales Manöver von Lando. Es ist für mich eindeutig nicht zu bestrafen."

Drei Team-Granden, eine Meinung: Seltenheitswert in der Formel 1. Ein klares Indiz, wie falsch die Kommissare mit ihrer Beurteilung des britisch-mexikanischen Duells lagen.

Warum Norris diese Strafe kassierte – es wird wohl für immer das Geheimnis der Spielberg-Stewards bleiben. Ärgerlich ist die Nummer für McLaren freilich noch aus einem anderen Grund: Norris hat dadurch in "F1-Flensburg" nunmehr zehn Strafpunkte, bei deren zwölf setzt es eine Rennsperre. Wenig verwunderlich, dass Seidl anregte, das Punkte-System zu überdenken.

Wäre die FIA souverän – also im Sinne der Gelassenheit -, würde sie Norris die Österreich-Punkte wieder abziehen. Gnade vor (bescheuertem) Recht.

"Genauso muss Racing sein" - Perez wird trotzdem bestraft

Apropos Gnade und Recht. Perez – der nach dem Zweikampf mit Norris sofort das obligatorische "he pushed me off the track" (er hat mich rausgedrängt) funkte – kassierte im späteren Rennverlauf ironischerweise die gleiche Strafe. Und zwar gleich zweimal.

Zum einen, weil seinen Platz gegen Leclerc, ebenfalls in Kurve 4, auf der Innenseite verteidigt hatte, sodass auch dem Monegassen nur noch das Kiesbett blieb. Zum anderen nach einer haarigen Szene in der schnellen Kurve 7, als sich der Ferrari-Pilot außen an Perez vorbei pressen wollte – nur, um erneut Kies aufzuwirbeln.

Zweimal fünf macht zehn Sekunden, für Perez war das Rennen gelaufen, er wurde bloß Sechster. Die Stewards hätten nach dem Präzedenzfall aus Runde 4 wohl "keine andere Wahl" mehr gehabt als zu bestrafen, mutmaßte Red-Bull-Teamchef Christian Horner höhnisch.

Auch Wolff verstand die Strafen-Orgie gegen den Mercedes-Gegner nicht. "Der fliegt ja nicht ab, der Leclerc. Also, da ist auch nix passiert. Genauso muss Racing sein", kommentierte der Österreicher den zweiten Vorfall zwischen Perez und Leclerc lapidar und sagte in Richtung des Ferrarista: "Bei fast 220 Sachen bist du da einfach nicht außen."

Alles völlig richtig, nur: Sollten das die Rennkommissare nicht eigentlich auch wissen?!