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Formel 1 - Faktor für Lewis Hamilton im WM-Kampf? Mercedes-Boss Toto Wolff: So entscheiden wir über die Boxen-Strategie

Die Rolle der Superhirne im WM-Kampf

Mercedes-Boss Wolff: So entscheiden wir über die Boxen-Strategie

Toto Wolff (li) mit Lewis Hamilton in der Mercedes-Box
Toto Wolff (li) mit Lewis Hamilton in der Mercedes-Box
Imago Sportfotodienst

Der falsche Boxen-Call kann den WM-Traum platzen lassen

Nur noch fünf Rennen 2021. Fünf Chancen für Lewis Hamilton, doch noch die Führung in der Fahrer-WM von Max Verstappen zu übernehmen und Rekord-Titel Nummer 8 in der Formel 1 perfekt zu machen. Doch genau dafür müsste es für den Briten auch ziemlich perfekt laufen, denn: Beide Fahrer leisten sich momentan ein Duell auf Augenhöhe, sind beide in einer überragenden Form. Kleinigkeiten könnten also am Ende den Ausschlag geben. So wie zum Beispiel der richtige Strategie-Call zum richtigen Zeitpunkt. Die Verantwortung dafür liegt bei Mercedes aber nicht nur auf den Schultern der Superhirne an der Boxenmauer, wie Teamchef Toto Wolff verrät. Es spielen einige Meinungen zusammen – das letzte Wort hat wenn’s drauf ankommt wohl aber, na klar, der Boss selbst.

Mercedes: Heißer Draht zwischen Boxenmauer und Brackley

Das bekannte Gesicht hinter den Mercedes-Boxencalls ist ja eigentlich James Vowles, der Chefstratege der Silbernen. Wenn Hamilton also meint, nicht an die Box kommen zu wollen, und auch sein Renningenieur Peter „Bono“ Bonnington ihn nicht von den Plänen seines Teams überzeugen kann, dann kommt gerne mal das: „Lewis, it’s James“ – Vowles meldet sich persönlich beim Rekordweltmeister im Cockpit.

Ein Ausnahme-Funkspruch an den Fahrer, während bei Vowles im Hintergrund die Leitungen heiß laufen. „Es gibt eine große Gruppe in Brackley, die alle möglichen Tools und mathematischen Berechnungen dahinter zur Verfügung hat“, verrät Toto Wolff bei GPFans.com. „Und das wird über den Strategie-Kanal zwischen Brackley, James, der Boxenmauer und mir diskutiert.“

James Vowles ist der Chefstratege bei Mercedes
James Vowles ist der Chefstratege bei Mercedes
Imago Sportfotodienst

Mercedes-Strategie in den USA warf während des Rennens Zweifel auf

Würden wir nicht alle dabei gerne mal Mäuschen spielen? Zuletzt sorgte Mercedes‘ Strategie-Wahl beim Großen Preis der USA für Rätselraten: Verstappen auf Rang zwei wagte den Undercut gegen Hamilton, kam als Erster in die Box, startete die Aufholjagd auf frischen Reifen und überholte den Mercedes dadurch beim Stopp.

Denn statt direkt auf Red Bull zu reagieren, ließ Mercedes seinen WM-Kandidaten noch einige Runden auf den alten Gummis drehen und entschied sich damit bewusst für einen Rückstand von rund sechs Sekunden nachdem Stopp. Das Team wollte Hamilton damit am Ende einen Vorteil auf seinen frischeren harten Reifen verschaffen. Der Plan ging allerdings nicht auf, der 36-Jährige konnte Verstappen trotz besserer Pneus nicht überholen. Punkt für die Superhinre der Konkurrenz, die den Holländer genau zur richtigen Zeit in die Box riefen.

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Vowles bekommt Rat von Wolff und seinen Sitznachbarn

Doch bei Mercedes fiel diese Entscheidung wahrscheinlich nicht leichtfertig. Wolff erzählt über den Austausch während des Rennens und die verschiedenen Strategie-Möglichkeiten: „Dort findet dann Brainstorming statt und ich bin – je nach dem, wie es läuft – sehr involviert in den Entscheidungsfindungs-Prozess.“

Läuft alles nach Plan, sieht das Vorgehen etwas anders aus: „James verrät mir dann seine strategischen Gedanken und ich gebe ihm nur das nötige Feedback für eine größere Bandbreite.“ Damit ist Wolff nicht allein. „James (Allison, technischer Direktor, Anm.d.Red.) und Bradley (Lord, Mercedes-Pressechef, Anm.d.Red.) neben mir sind ja ebenfalls sehr erfahren. Wir sind die ersten Feedback-Geber und die Sparrings Partner für James (Vowles, Anm.d.Red.) und dadurch sehr aktiv daran beteiligt, wie sich die Strategie entwickelt.“

In kniffligen Situationen – wie aktuell durch den heißen WM-Kampf – kann so eine Strategie-Entscheidung aber schon mal zur Chefsache werden. „Ich schaue nicht in die spezifischen Daten, aber ich bin in der Lage, die Funksprüche der anderen Teams zu verfolgen und in welche Richtung sich das Rennen entwickelt“, so Wolff. Heißt im Klartext: Er hat den Blick für das große Ganze. Und kann als Teamchef am Ende ein Machtwort sprechen.

Jubeln gerne gemeinsam: Toto Wolff (li) und Bradley Lord
Jubeln gerne gemeinsam: Toto Wolff (li) und Bradley Lord
HOCH ZWEI/Pool/Steve Etherington, HOCH ZWEI/Pool/Steve Etherington for Mercedes-Benz Grand Prix Ltd.

… und dann ist da ja noch Lewis Hamilton

Wenn Hamilton aber trotz der cleveren Gedanken seiner Superhirne im Hintergrund und des Segens von Wolff nicht dem Pitcall folgt und die Boxengasseneinfahrt einfach passiert, dann sind alle bis dahin so intensiv geführten Rechenspielchen hinfällig – dann heißt es gemeinsam mit ihm in Kürze eine Entscheidung zu finden. In dem Fall wird aus dem Machtwort sprechenden Teamchef aber auch mal die „Klagemauer“, wie Wolff einst zugab.

Hamilton sitzt schließlich im Auto. Er weiß am besten, wie sich die Reifen anfühlen. Er weiß am besten, was er aus dem Mercedes rausholen kann. Und wann es Zeit ist für die „HAMmer“-Time. Und Hamilton wäre nicht siebenmaliger Weltmeister, wenn er sich nicht auch im WM-Schlussspurt gegen Verstappen auf sein Gefühl verlassen würde.

Vowles, Wolff, Hamilton – der Weg zur Mercedes-Strategie ist also manchmal ein langer, kann dafür aber umso entscheidender werden. (ana)