Forscher: Das war doch gar nicht so gemeint

"Foltergerät" - Magnetische Kiefersperre gegen Adipositas erntet Shitstorm

Zwei Magnete an den Backenzähnen sorgen dafür, dass der Mund nicht mehr weit aufgeht.
Zwei Magnete an den Backenzähnen sorgen dafür, dass der Mund nicht mehr weit aufgeht.
© University of Otago

03. Juli 2021 - 23:26 Uhr

Mit Magneten weg vom Übergewicht

Magenband oder Magenverkleinerung gegen Übergewicht waren gestern. Zumindest klingt es bei Forschern aus Neuseeland und Großbritannien genau so. Sie haben eine magnetische Kiefersperre entwickelt, mit der sich der Mund nur noch wenige Millimeter öffnen lässt. Feste Nahrung kann man so also nicht mehr zu sich nehmen. Die Erfindung erntet im Netz einen Shitstorm. Auch Experten sind empört. Die Forscher versuchen sich zu erklären.

Forscher wollen "Fettleibigkeitsepidemie" bekämpfen

"Forscher der Universität Otago und des Vereinigten Königreichs haben ein weltweit erstes Gerät zur Gewichtsreduktion entwickelt, um die weltweite Fettleibigkeitsepidemie zu bekämpfen", heißt es auf der Internetseite der Universität Otago in Neuseeland. Bei Tests hätten Probandinen mehrere Kilogramm (durchschnittlich über 6kg) abgenommen, heißt es. Und das dank Magneten, die in den Kiefer eingesetzt wurden. Das ist wenig überraschend, wenn man bedenkt, dass damit quasi nur noch Flüssignahrung möglich ist. Die Kiefersperre wäre anders als ein Magenband oder eine Magenverkleinerung nicht mit einer Operation verbunden und nicht für immer. Denn nach zwei oder drei Wochen können die Magnete entfernt werden.

Netz-Meinung: Forscher betreiben "Fat Shaming"

Was die Forscher als sensationelle Entdeckung anpreisen, stößt die Netzgemeinde eher ab. Internetuser werfen den Forschern "Fat Shaming" vor, Kritiker nennen die Kiefersperre "abstoßend und entmenschlichend", vergleichen sie gar mit einem "mittelalterlichen Folterinstrument".

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Adipositas Selbsthilfe: "Kiefersperre in der Außenwirkung eine Katastrophe"

Auch der AdipositasHilfe Deutschland e.V. kritisiert die Kiefersperre und die Studie, die mit an Adipositas erkrankten Menschen durchgeführt wurde. "Eine mittlere Abnahme von 6,x kg in 14 Tagen von letztendlich sieben Probanden, die diesen Test abgeschlossen haben, hat wenig Aussagekraft und verstärkt das Stigma, dass wir Menschen mit Adipositas einfach nur zwei Wochen keine feste Nahrung zu uns nehmen müssen um abzunehmen", sagt Michael Wirtz gegenüber RTL. Den positiven Grundgedanken der Forscher wolle der Verein aber nicht in Frage stellen. In Deutschland gebe es aber wirksamere Alternativen, "die neben der Reduzierung der Ernährung auch eine psychotherapeutische Begleitung sowie eine Bewegungstherapie enthalten."

Für die AdipositasHilfe Deutschland sei diese Kiefersperre kein probates Mittel um der Adipositas "Herr" zu werden. Es handele sich hier nur um einen kurzfristigen Ansatz. "Auch sind in der Studie keine aussagekräftigen medizinischen Daten genannt, die bei der Therapie der Adipositas wichtig sind. Bereits 14 Tage nach der Studie waren erste Gewichtszunahmen erkennbar."

"In der Außenwirkung ist die Kiefersperre natürlich eine Katastrophe", so Wirtz. "Einem Menschen den Kiefer zwanghaft einzuengen, ihm nicht mal die Möglichkeit zu geben zwischendurch vielleicht Rohkost zu essen und somit den Kaubedarf des Menschen zu befriedigen, kann psychisch nicht ohne Folgen bleiben".

War doch alles nicht so gemeint

Nach der Kritik äußert sich die Universität Otago auf Twitter. Im Tweet heißt es: "Zur Klarstellung: Das Gerät ist nicht als schnelles oder langfristiges Hilfsmittel zur Gewichtsabnahme gedacht, sondern soll Menschen helfen, die sich einer Operation unterziehen müssen und diese erst nach einer Gewichtsabnahme durchführen lassen können." Diese Intention hatte die Universität auch vorher schon erwähnt. In einer Mittelung hieß es: "Es sind alternative Strategien erforderlich, die eine Operation verhindern oder das Gewicht vor der Operation reduzieren und es so einfacher und sicherer machen." Langfristige Gewichtsverluste seien dann unter anderem mit einem Ernährungsberater möglich.

Für die Deutsche AdipositasHilfe ist der Forschungsansatz auch ein Zeichen dafür, wie hilflos die Medizin im Bereich der Adipositas ist. (mol)

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