Müssen jetzt mehr Menschen in Quarantäne?

Fehler in Studie entdeckt: Corona-Infizierte früher ansteckend als gedacht

Schweizer Forscher haben herausgefunden, dass Corona-Infizierte offenbar früher ansteckend sind, als man bisher dachte. Müssen nun mehr Menschen in Quarantäne?
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21. August 2020 - 8:30 Uhr

Covid-19-Kranke bereits 5 bis 6 Tage vor ersten Symptomen ansteckend

Mit dem Coronavirus infizierte Menschen sind offenbar deutlich früher ansteckend als bisher angenommen. Das Virus kann Schweizer Forschern zufolge bereits fünf bis sechs Tage vor Ausbruch der Krankheit übertragen werden. Bisher nahm man an, dass Covid-19-Patienten ein bis zwei Tage vor Einsetzen der Symptome ansteckend werden. Das Robert Koch-Institut will die neuen Erkenntnisse nun überprüfen.

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Schweizer Forscher entdecken Fehler in Studie

Bisher scheint es über das Coronavirus nur eine Gewissheit zu geben: dass nichts, was Forscher darüber zu wissen glauben, gewiss ist. Das betrifft auch die Frage, ab wann Infizierte andere Menschen anstecken können. Bisher war man davon ausgegangen, dass Covid-19-Patienten ein bis zwei Tage vor Einsetzen der Symptome ansteckend werden. Auch das Robert Koch-Institut nennt in seinem Corona-Steckbrief diese Zahlen - und verweist auf eine im Fachblatt "Nature" erschienene chinesische Studie aus dem April.

Doch Forscher der Eidgenössischen Technischen Universität in Zürich haben Fehler in der Studie entdeckt. In der Untersuchung aus China war die Rede davon, dass bei einer Gruppe von Corona-Patienten 98 Prozent der Infektionen auf die zwei Tage vor Ausbruch der Krankheit beschränkt waren. Laut der Analyse der Schweizer Forscher waren es hingegen nur 61 Prozent - die anderen Ansteckungen mussten also bereits früher geschehen sein. "Unsere Analysen zeigen, dass Infizierte das Virus bis zu fünf oder sechs Tage vor Ausbruch der Krankheit weitergeben können", sagte Co-Autor Peter Ashcroft der "Neuen Züricher Zeitung".

Müssen bald mehr Menschen in Quarantäne?

Die neuen Erkenntnisse aus der bereits Anfang August im Fachblatt "Swiss Medical Weekly" erschienenen Schweizer Studie könnten weitreichende Auswirkungen auf den Umgang mit der Pandemie haben - vor allem, was die Ermittlung von Kontaktpersonen betrifft, die eng mit einem Corona-Infizierten zu tun hatten. Bei engem Kontakt müssen diese in Deutschland für bis zu zwei Wochen in häusliche Quarantäne, da sie ebenfalls bereits infiziert sein können. Allerdings galt das bisher in der Regel nur, wenn sie bis zu zwei Tage vor den ersten Symptomen engen Kontakt mit einem Erkrankten hatten.

Nach den neuen Erkenntnissen könnte der bisherige Zwei-Tage-Zeitraum nicht ausreichend sein, um alle Menschen ausfindig zu machen, die sich bereits angesteckt haben. Die Schweizer Forscher empfehlen, dass die Kontakte bis zu vier Tage zurückverfolgt werden müssten, wenn man "90 Prozent der präsymptomatischen Ansteckungen" abfangen wolle, so Ashcroft. Bei einer Umsetzung der Empfehlung könnte dies künftig für mehr Menschen den Gang in die Quarantäne bedeuten.

Die chinesischen Forscher haben bereits auf die Kritik aus der Schweiz reagiert und ihre Studie in einigen Punkten korrigiert. Unter anderem schreiben sie nun: "Unsere Analyse legt nahe, dass die Freisetzung von Viren fünf bis sechs Tage vor dem Auftreten erster Symptome beginnen könnte." Zuvor war in dieser Passage von "zwei bis drei Tagen" die Rede gewesen. Auch das RKI nimmt die neuen Erkenntnisse ernst und will die korrigierte Corona-Studie aus China "gründlich überprüfen". Das hatte eine RKI-Sprecherin auf Anfrage der Deutschen Presseagentur mitgeteilt.

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