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Ist Herdenimmunität die Voraussetzung?

Experte erklärt, wann wir in unser altes Leben zurück dürfen

Die Menschen sehnen sich nach einem Ende der Corona-Pandemie.
Die Menschen sehnen sich nach einem Ende der Corona-Pandemie.
© imago images/imagebroker, imageBROKER/Michael Weber via www.imago-images.de, www.imago-images.de

03. März 2021 - 9:56 Uhr

Wann können wir zur Normalität zurückkehren?

Seit mittlerweile einem Jahr bestimmt das Coronavirus unser Leben. Nach mehreren Monaten des Lockdowns sehnen sich die meisten nach ihrem "alten" Leben. Doch was ist die Voraussetzung für die Rückkehr zur Normalität? Unser Experte Dr. Christoph Specht erklärt, warum die Herdenimmunität so wichtig ist und von welchen Faktoren sie abhängt.

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Was bedeutet der Begriff Herdenimmunität?

Seit Beginn der Pandemie geistert der Begriff Herdenimmunität durch die Medien. Erst wenn diese erreicht sei, sei ein Ende der Pandemie in Sicht. Der Mediziner Dr. Chrstoph Specht erklärt, was damit gemeint ist: "Der Begriff Herdenimmunität kommt aus der Tierwelt und der Seuchenepidemiologie. Grassiert innerhalb einer Schafsherde beispielsweise ein neuartiges Virus, gegen das bislang kein Tier der Herde Antikörper besitzt, werden sich in der Regel alle Tiere damit infizieren", so Specht. Diejenigen Tiere, die nicht durch das Virus sterben, seien fortan immun dagegen, weil sie Antikörper gebildet hätten. Und so sei es auch bei Menschen.

Wichtig vor dem Hintergrund sei allerdings, wie ansteckend oder infektiös das Virus ist. "Das Masern-Virus ist beispielsweise das infektiöseste Virus, das wir kennen. Um eine Herdenimmunität zu erreichen, müssen 95 Prozent der Bevölkerung gegen Masern immun sein."

Die Ursprungsvariante des Coronavirus sei nicht ganz so infektiös. "Bei der Ursprungsvariante von Sars-CoV-2 müssen mindestens 60-70 Prozent der Bevölkerung immun sein, um eine Herdenimmunität zu erreichen." Das heißt, erst dann infizieren sich deutlich weniger Menschen innerhalb der Bevölkerung.

Ist also eine ausreichende Zahl der Bevölkerung infolge einer durchlebten Corona-Erkrankung immun oder aber gegen das Virus geimpft, kann sich der Erreger kaum noch ausbreiten. In diesem Fall spricht man von Herdenimmunität, dem Schutz durch die Gemeinschaft also.

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Welche Rolle spielt die Basisreproduktionszahl (R0) und effektive Ansteckungsrate (R-Wert)?

Seit dem Frühjahr 2020 bezifferten Virologen wie Politiker den Anteil, der für die ersehnte Herdenimmunität nötig ist, auf zwei Drittel der Bevölkerung – also etwa 60-70 Prozent. "Dieser Wert basiert auf der Annahme, dass ein Infizierter durchschnittlich drei Menschen anstecken würde, wenn gar keine Maßnahmen in Kraft sind und niemand immun gegen das Virus ist. Er wird als Basisreproduktionszahl (Basis-R-Wert oder R0) bezeichnet", so Specht. "Zu Beginn der Pandemie ging man davon aus, dass drei Menschen von einem infizierten angesteckt werden."

Während man für das Ursprungsvirus von einer Basisreproduktionszahl von 3 ausgeht, liegt diese bei den Mutationen bei etwa 3,5. "Die britische und südamerikanischen Mutationen haben einen höheren Reproduktionswert (R-Wert), sie sind ansteckender", erklärt Specht. Der R-Wert spiegelt die effektive Ansteckungsrat und gibt an, wie viele Menschen jeder Infizierte im Schnitt ansteckt.

Das erklärt, warum nun die Werte korrigiert worden seien. "Man geht davon aus, dass jetzt aufgrund der Mutationen 70-80 Prozent der Bevölkerung immun sein müssen, bis eine Herdenimmunität erreicht ist", so der Mediziner.

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Doch nicht jede Mutation sei automatisch schlecht. "Manche Mutationen nützen dem Virus, manche schaden ihm." Es liege jedoch in der Natur eines Virus, dass es mutiere, um sich dem Wirt anzupassen und selbst sein Überleben zu sichern. "Doch Sprungmutationen, die bewirken, dass gar nichts mehr dagegen wirkt, sind sehr selten", so Specht.

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Wovon hängt die Herdenimmunität ab?

Der Experte erklärt, dass die Herdenimmunität über Impfungen und natürliche Infektionen erreicht werde. "Vor allem Kinder, die sich infizieren, ohne zu erkranken, tragen zur Herdenimmunität bei", so Specht. Denn sie würden praktisch immun, ohne es zu merken, und "sind dann keine Virenschleudern mehr."

Der Mediziner betont aber, dass wir das Virus nicht wirklich loswerden. "Das Virus wird sich immer etwas neues einfallen lassen. So ist die britische Mutation sicher nicht die letzte." Allerdings geht Specht davon aus, dass mal die Bevölkerung, mal das Virus die Oberhand haben wird. "Im Winter werden wir sicher wieder etwas höhere Zahlen haben, im Sommer niedrigere."

Aber insgesamt werde die Todeszahl "infolge der Impfung der älteren Bevölkerungsgruppen" zurück gehen. Darüber hinaus sei aber auch die Therapie der Erkrankung besser geworden, da die Ärzte das Virus nun kennen. "Das lässt sich jetzt schon sehr gut in Schottland beobachten: Dort ist die Krankenhaus-Einlieferungsrate seit Beginn der Impfungen um 90 Prozent zurück gegangen." Bei den Infektionszahlen rechnet der Mediziner allerdings zunächst mit einem weiteren Anstieg – trotz Frühlingsbeginn, Impfstart und der Tatsache, dass sich dann aller Voraussicht nach wieder mehr Menschen im Freien aufhalten werden. "Die Selbsttests werden dazu führen, dass wir mehr Infektionen erkennen. Es werden dann einfach mehr Erkrankungen erfasst, als es bisher der Fall ist", so Specht. "Deshalb wird die Inzidenzrate, also die Zahl der Neuinfizierten pro Tag, zunächst nach oben gehen."

Wann ist die Herdenimmunität erreicht?

Einen einheitlichen Schwellenwert, wann die Herdenimmunität tatsächlich erreicht ist, gibt es nicht. "Wie viele Immune tatsächlich notwendig sind, damit dies funktioniert, hängt davon ab, wie ansteckend die jeweilige Erkrankung ist und wie gut die Impfung wirkt bzw. wie lange der Impfschutz anhält", erklärt das Robert Koch-Institut (RKI) in einem Infoblatt.

Auch Specht findet die Benennung eines konkreten Datums schwierig und glaubt, dass uns das Corona-Virus noch lange begleiten wird. Er betont allerdings, dass jeder zur Erreichung der Herdenimmunität beitragen könne, indem er sich impfen lasse. "Jeder, der 60 Jahre alt ist und jünger, wird die Folgeschäden noch voll erleben", so der Experte. Außerdem plädiert er dafür, Kinder in den Kindergarten oder die Schule zu schicken: "Bei Kindern ist die Gefahr für einen schweren Krankheitsverlauf sehr gering."

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Klar ist also: Je mehr Menschen bereit sind, sich impfen zu lassen, und umso mehr Impfstoff zur Verfügung steht, desto schneller ist eine Rückkehr zur Normalität möglich. Das Bundesgesundheitsministerium rechnet im zweiten Quartal des Jahres mit über 60 Millionen Impfdosen. Wobei die Schätzung nur die bereits zugelassenen drei Impfstoffe von Biontech/Pfizer, Moderna und Astrazeneca berücksichtigt. Ein weiterer Impfstoff, von der Firma Johnson & Johnson, könnte schon im März ebenfalls eine Zulassung erhalten, was zusätzliche 10 Millionen Dosen bedeutet, von denen auch nur eine einzige für eine volle Immunisierung ausreicht. Dies stimmt hoffnungsvoll.

Dennoch werden wir uns an die Existenz des Virus gewöhnen müssen. Allerdings wird es seinen Schrecken verlieren, je mehr Menschen gegen Sars-CoV-2 immun sind.

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