Vom Aussätzigen zum Superstar

Die Auferstehung des Gareth Bale

© dpa, Darko Vojinovic, PJ pda

17. Juni 2021 - 9:36 Uhr

Er ist wieder da!

Von Torben Siemer

Zum erst zweiten Mal in seiner Geschichte spielt Wales die Endrunde einer Fußball-Europameisterschaft. Und wieder ist die Mannschaft um Gareth Bale eine der Überraschungen des Turniers. Vor allem für den Kapitän ist das ein Erfolg - den ihm viele gar nicht mehr zugetraut haben.

Bale mischt mit Wales erneut eine EM auf

So glücklich und zufrieden sah Gareth Bale lange nicht aus. Mit 2:0 (0:0) hatten die walisische Nationalelf und ihr Kapitän gegen die Türkei gewonnen, der Achtelfinaleinzug bei der Fußball-Europameisterschaft scheint unausweichlich. "Wenn man uns vor dem Turnier vier Punkte nach zwei Spielen angeboten hätte, hätten wir es definitiv angenommen", jubelte der 31-Jährige, der die Tore von Aaron Ramsey und Connor Roberts vorbereitet hatte: "Jetzt haben wir eine fantastische Ausgangsposition, die wir uns wirklich hart erkämpft haben."

Schon 2016 hatte Wales verblüfft, war bei der EM in Frankreich sensationell und völlig unerwartet ins Halbfinale eingezogen. Bale war damals mit drei Treffern bester Torschütze seiner Mannschaft gewesen. Dass er fünf Jahre später wieder herausragende Leistungen im Nationaltrikot zeigen würde, hatten ihm jedoch viele nicht mehr zugetraut. Denn besonders für die jüngere Vergangenheit war eher sinnbildlich, was der sprintstarke Offensivspieler in der 61. Minute vom Elfmeterpunkt aus fabrizierte.

Statt früh das vorentscheidende 2:0 zu erzielen, jagte Bale den Ball weit über das Tor, was zumindest in Deutschland so manche Assoziation zum legendären Fehlschuss von Uli Hoeneß im EM-Finale 1976 in den Nachthimmel von Belgrad auslöste. Nun, 45 Jahre später in Baku, schickte auch Bale den Ball auf eine Reise, die weit abseits des Tornetzes endete. Wäre die Partie danach noch verloren gegangen, die Kritik am Kapitän der Waliser wäre wohl ins Unermessliche gewachsen.

Der Defensive läuft er davon

Es hätte die traurige Fortsetzung des Niedergangs werden, den der einstmals teuerste Fußballer der Welt hinter sich hat. Statt bei Real Madrid als vierfacher Champions-League-Sieger zur unantastbaren Legende zu werden, warf man ihm rund um den Traditionsklub vor, er spiele bisweilen lieber Golf als Fußball. Das letzte Highlight stammt aus dem CL-Finale 2018, das er, beim Stand von 1:1 eingewechselt, mit zwei Toren gegen den FC Liverpool für die Madrilenen entschied. Trotzdem war mitunter von mangelnder Integrationsbotschaft die Rede, Bale spräche schließlich auch nach Jahren in Madrid noch kein Wort Spanisch, fliege stattdessen lieber nach Wales, um an seinem Handicap zu feilen. Bei Real verbrachte er, wenn er nicht verletzt war, nur wenig Zeit auf dem Feld, dafür umso mehr auf Bank und Tribüne. Und wenn er zum Einsatz kam, war von der Schnelligkeit und Spritzigkeit, die ihn sonst ausgezeichnet hatte, nur noch wenig zu sehen.

Und der Fehlschuss nun sei "kein schönes Gefühl" gewesen, konstatierte Bale, aber eben auch "völlig egal". Was kein Zeichen von Gleichgültigkeit ist, sondern Ausdruck dessen, dass selbst so ein gravierender Fehler angesichts seiner herausragenden Leistung keine Rolle spielte. "Gareth hat wirklich Charakter gezeigt. Jeder macht Fehler, aber er hat sich damit abgefunden und war Mann des Spiels", lobte Teammanager Robert Page. Dies sage viel über "ihn als Mensch aus. Er trägt die Kapitänsbinde nicht ohne Grund."

Die rund 30.000 Zuschauer in der aserbaidschanischen Hauptstadt, deren Großteil eigentlich einen türkischen Sieg hatte bejubeln wollen, klatschte am Ende Beifall. Weil Bale mit Pässen in die Tiefe immer wieder Räume für seine Mitspieler eröffnete, sich ins zentrale Mittelfeld fallen ließ und das Offensivspiel der Waliser orchestrierte. Als die türkische Defensive reagierte, rückte der 31-Jährige auf den Flügel und es wirkt, als habe das Trikot der "Dragons", so der Spitzname der Auswahl des Drei-Millionen-Einwohner-Landes, eine (re-)vitalisierende Wirkung auf Bale.

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Rückkehr zu Real Madrid ist offen

Denn in Madrid gehörte er zwar weiter zu den Top-Verdienern, die sportliche Relevanz aber hatte er längst verloren. Sogar ein Wechsel nach China stand zur Diskussion, in eine Liga, die zwar große Gehälter offeriert, sportlich aber bedeutungslos ist. Nach der Corona-Unterbrechung im Frühjahr 2020 war Bale endgültig außen vor und weil eine Einigung auf einen endgültigen Transfer ausblieb, ließ der Angreifer sich im September zurück dorthin ausleihen, wo er einst zum Star geworden: zu den Tottenham Hotspur.

Die großen Hoffnungen aber konnte er kaum erfüllen. Zwar stand er in 30 Premier-League-Spielen im Aufgebot, nur zehnmal jedoch in der Startelf, zehnmal blieb er die vollen 90 Minuten auf der Bank, in keiner Partie erlebte er An- und Abpfiff auf dem Feld. Elf Saisontore sind dafür eine gute Bilanz, Tabellenplatz sieben und die Qualifikation für die Qualifikation zur drittklassigen Europa Conference League aber blieben weiter unter den Ansprüchen der Spurs.

Mit Leistungen wie solchen gegen die Türkei aber empfiehlt sich Bale für neue Aufgaben. Auch wenn immer ein bisschen die Befürchtung mitschwingt, ob er sie auch ohne walisisches Wappen auf der Brust reproduzieren kann. Ob er wirklich zu Real Madrid zurückkehrt, ist offen. Die Königlichen haben Carlo Ancelotti als Trainer zurückgeholt, der mit Bale als Leistungsträger 2014 dort die Champions League gewonnen hatte. Der Waliser hält sich noch bedeckt und kündigte Anfang Juni an, erst nach dem Turnier seine Zukunftspläne offenzulegen. Bis dahin zählt erstmal nur die EM, die der Auswahl von Wales wie schon bei der erstmaligen Teilnahme 2016 auch diesmal wieder hervorragend zu gelingen scheint. (ntv.de)

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