Aggressiver Einsatz mit Pfefferspray

Flüchtlinge stürmen polnische Grenze - Polizei ringt sie zu Boden

22. Oktober 2021 - 11:04 Uhr

Belarussische Schleuser sind gnadenlos: "Entweder Polen oder du bleibst hier oder du stirbst"

Dramatische Szenen an der polnisch-belarussischen Grenze: Eine seit Wochen festsitzende Gruppe von Migranten hat nach Angaben polnischer Grenzschützer versucht, den Grenzzaun zu stürmen. Ein Video der Behörde zeigt, wie Menschen Baumstämme auf den Stacheldraht hieven. Zu sehen ist auch, wie Einsatzkräfte Pfefferspray einsetzen und Migranten zu Boden reißen. Unterdessen berichten diejenigen, denen die Flucht über die Grenze gelungen ist, von menschenverachtenden Bedingungen und gnadenlosen Methoden der Schleuser.

Täglich kommen 100 bis 150 Migranten in Eisenhüttenstadt an

Internationale Schleuser bringen die Migranten aus Krisengebieten per Charterflug in die belarussische Hauptstadt Minsk. Von da führt sie ihr Weg über Polen nach Deutschland.
Internationale Schleuser bringen die Migranten aus Krisengebieten per Charterflug in die belarussische Hauptstadt Minsk. Von da führt sie ihr Weg über Polen nach Deutschland.
© RTL

Der Vorfall soll sich in der Nähe des Dorfes Usnarz Gorny abgespielt haben. Die Flüchtlinge sollen Grenzer und Soldaten mit Steinen beworfen haben, hieß es weiter. Einige seien mit Äxten und Zangen ausgerüstet gewesen. 16 von ihnen seien schließlich gewaltsam auf polnisches Territorium vorgedrungen, aber wieder auf die andere Seite der Grenze zurückgedrängt worden. Das Schicksal dieser Migrantengruppe, die seit August auf der belarussischen Seite der Grenze in einem Wald bei Usnarz Gorny kampiert, hatte die polnische Öffentlichkeit stark bewegt. Die Angaben des Grenzschutzes lassen sich nicht unabhängig überprüfen, da Polen in der Grenzregion den Ausnahmezustand verhängt hat. Journalisten und Helfer dürfen nicht hinein.

Fest steht jedoch: Im Oktober kamen bisher schon gut sechsmal so viele Geflüchtete wie im August über Belarus und Polen illegal nach Deutschland. Internationale Schleuser bringen sie aus Krisengebieten per Charterflug in die belarussische Hauptstadt Minsk. Von da führt sie ihr Weg über Polen nach Deutschland, wo sie meist im Erstaufnahmelager Eisenhüttenstadt versorgt werden. Täglich kommen hier derzeit 100 bis 150 Menschen an.

Seehofer schlägt gemeinsame Grenz-Streifen vor

Aya Alasaar (28) hat es über die Grenze nach Deutschland geschafft und berichtet von gnadenlosen Schleusern.
Aya Alasaar (28) hat es über die Grenze nach Deutschland geschafft und berichtet von gnadenlosen Schleusern.
© RTL

Einige berichten, dass sie oft tagelang im Wald zwischen Belarus und Polen ausharren mussten. Viele schaffen den Grenzübertritt nicht beim ersten Mal. So wie Aya aus Syrien. Sie erzählt, dass sie zweimal aus Polen zurückgeschickt wurde, ständig bewacht von belarussischen Schleusern. "Sie zwangen Dich über die polnische Grenze zu gehen. Beim zweiten Mal sagten wir ihnen, wir wollen die Grenze nicht mehr überqueren, dass wir zurück in unsere Heimat wollen. Sie ließen uns nicht. Sie wollten uns nicht zurückgehen lassen. Wir haben geweint und sie angefleht uns gehen zu lassen. Aber das wollten sie nicht." Die 28-Jährige sagt, dass sie insgesamt zwölf Tage im Wald verharrte, nach vier Tagen ging ihnen Essen und Wasser aus und die Schleuser bauten immer mehr Druck auf. "Einer sagte mir: 'Wenn Du es nicht nach Polen schaffst, bleibst Du hier. Entweder Polen oder Du bleibst hier oder Du stirbst. Hier. Es gibt kein Zurück.'"

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Die Regierung in Warschau beschuldigt den belarussischen Machthaber Alexander Lukaschenko, in organisierter Form Flüchtlinge aus Krisenregionen an die EU-Außengrenze zu bringen. Lukaschenko hatte Ende Mai angekündigt, dass Minsk Migranten nicht mehr an der Weiterreise in die EU hindern werde – als Reaktion auf verschärfte westliche Sanktionen gegen die ehemalige Sowjetrepublik. Deutschlands Innenminister Horst Seehofer (CSU) hat sich bereits an seinen polnischen Amtskollegen Mariusz Kaminski gewandt. Er schlug gemeinsame Streifen deutscher und polnischer Grenzschützer vor. (mst/dpa)