Viele offene Fragen

So haben Polizei und Justiz versagt : Die Pannen im Fall Maddie McCann

31. Januar 2022 - 20:56 Uhr

von Gordian Fritz

Es begann als harmonischer Familienurlaub und endete im größten Rätsel der Kriminalgeschichte. Der Vermisstenfall der dreijährigen Maddie McCann beschäftigt auch nach 15 Jahren Menschen weltweit. Die Staatsanwaltschaft Braunschweig will den Fall gelöst haben. Bald soll gegen den Hauptverdächtigen Christian B. Anklage erhoben werden. Er soll Maddie entführt und ermordet haben. Dass es so lange gedauert hat, liegt auch daran, dass sich Ermittler in Portugal und Behörden in Deutschland offenbar amateurhaft verhalten haben. So sehr, dass man sich die Frage stellen kann, ob die Tat nicht hätte sogar verhindert werden können.

Untertauchen im Urlaubsparadies

ARCHIV - 03.06.2020, ---: Madeleine "Maddie" McCann auf einem undatierten Kinderfoto vor ihrem Verschwinden 2007. Der Mordverdächtige im Fall Maddie bleibt noch für längere Zeit im Gefängnis. Der Bundesgerichtshof (BGH) verwarf seine Revision gegen e
15 Jahre nach Maddie McCanns Verschwinden ist sich die Staatsanwaltschaft sicher, den Täter zu haben.
© dpa, ---, nwi uk

Für die Staatsanwaltschaft Braunschweig ist es klar: Der 45-jährige Christian B. aus Würzburg ist der Entführer und Mörder von Maddie McCann. Sie wollen es beweisen können und werden es im Prozess auch müssen. Zur Zeit sitzt Christian B. noch eine andere Haftstrafe ab. Fünf Jahre wegen Vergewaltigung einer 72-jährigen Amerikanerin. Geschehen 2005 an der Algarve in Portugal. Ein Urlaubsparadies.

Dorthin war Christian B. 1995 regelrecht geflohen. Vor der deutschen Justiz, die damals einen gefährlichen Sexualstraftäter aus den Augen verlor. Christian B. war 20 Jahre alt. Er kam gerade aus dem Gefängnis. Zwei Jahre war er dort. Wegen versuchtem und erfolgtem Missbrauch von Kindern. Das eine sechs Jahre, das andere 9 Jahre alt. Christian B. war zu dem Zeitpunkt der Taten gerade mal 17 Jahre alt.

In anderen Fällen hätte ein Täter auf eine Bewährungsstrafe hoffen können. Doch hier blieb der Richter hart. Aus zwei Gründen: Der zweite Missbrauch passierte nur drei Tage vor Prozessbeginn. So verhält sich niemand, der bereut oder wenigstens Angst vor der Justiz hat. Das sah auch der gerichtliche Gutachter so und kam zu dem Schluss, dass der 17-jährige Christian B. weiterhin gefährlich sei. Man müsse mit weiteren Taten rechnen. Es war auch eine Warnung an die Justiz, die Behörden und auch die Gesellschaft. Sie blieb ungehört.

Man hätte erwarten können, dass man sich nach der Haft um den jungen Mann kümmert, ihn bestenfalls im Auge behält, aber weit gefehlt. Christian B. zieht nach Portugal und wird dort weitere Taten begehen. Völlig ungestört und unbeobachtet. Und in Deutschland fragte sich offenbar niemand, wo der gefährliche Sexualstraftäter geblieben ist.

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In Portugal jobbt Christian B. als Kellner, Barkeeper und Monteur. Manchmal verkauft er auch Autos aus Deutschland. Doch das meiste Geld verdient er illegal. Mit Einbrüchen. Mit Dieselklau in großem Stil. Manfred Seyfehrt lernt den jungen Mann damals zufällig kennen und beschreibt es so: "Einbrüche, Solarpaneele, Diesel. Das war das Hauptgeschäft an der Algarve. Da hat er richtig Geld verdient, nicht wie wir so. Diesel haben sie fässerweise geklaut und Lkw leergeräumt. Geld war da bei denen."

Das alles geht jahrelang gut. Die Polizei scheint völlig überfordert. Sandra Felgueiras ist TV-Journalistin in Portugal. Sie recherchiert von Beginn an im Fall Maddie. Seit 15 Jahren – und zeichnet ein erschreckendes Bild von ihrer eigenen Heimat.

"Das Bild, das ich von Christian B. habe, ist das eines kriminellen Jugendlichen, der nach Portugal kam und lauter Sachen anstellte, die nicht zu tolerieren sind. Aber das System war auf diese Art der Kriminalität nicht eingestellt. Ich fand heraus, dass die Algarve eine unheimliche Seite hatte. Mit vielen Fremden, die kamen und gingen. Niemand wusste, wo sie gerade sind. Viele lebten in Wohnmobilen."

Die Vergewaltigung ohne Konsequenzen

Interview mit der Journalistin Sandra Felgueiras
Die portugiesische Journalistin Sandra Felgueiras
© RTL

2005 vergewaltigt Christian B. eine 72-jährige Frau in ihrem Haus. Niemand verdächtigt ihn. Es wird fast 14 Jahre dauern, bis man ihm die Tat nachweisen kann. Damals in Portugal muss er das Gefühl gehabt haben, sich alles erlauben zu können. Offenbar hatte er keine Angst davor erwischt zu werden. Wird er aber dann doch. Allerdings nicht wegen der Vergewaltigung, sondern beim Dieselklau. Christian B. gibt sogar wahrheitsgemäß seine Vorstrafen wegen sexuellen Missbrauchs an. Eine Information, die im portugiesischen System offenbar völlig versandet. Scheinbar kommt niemand auf die Idee, den vorbestraften Täter im Hinblick auf die Vergewaltigung zu überprüfen. Vor Gericht muss Christian B. seine Wohnadresse angeben. Er gibt mehrere an. Alle stimmen nicht. Aus gutem Grund, sagt Sandra Felgueiras:

"Er wollte seine Adresse nicht angeben, weil er wusste, dass sich dort Dinge befanden, die ihn belasten würden. In Bezug auf andere Straftaten wie Vergewaltigungen. Er wollte nicht, dass die Polizei davon erfährt. Das war der Grund, warum er verschiedene, andere Adressen angab. Wenn man die überprüft, landet man bei verschiedenen Behörden."

Es ist wohl eine weitere verpasste Chance, Christian B. auf seinem Weg als mehrfachen Vergewaltiger und mutmaßlichen Mörder aufzuhalten. Christian B. wird lediglich für den Dieselklau verurteilt. Muss ein Jahr ins Gefängnis. Das war's. Und während er im Gefängnis sitzt, durchsuchen ein paar seiner Bekannten sein Haus und finden eine Kamera. Auf ihr befinden sich verstörende Szenen, offenbar von Christian B. selbst gedreht. Zu sehen ist eine junge Frau, gefesselt an einem Balken. Man hört die Stimme von Christian B im Hintergrund. Es ist Beweismaterial. Es findet damals nicht seinen Weg zur Polizei und Christian B. verlässt ein Jahr später als freier Mann das Gefängnis – und die Behörden verlieren ihn wieder aus den Augen.

Der Fall Maddie - hätte er verhindert werden können?

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Fall Maddie: Deutscher Sexualstraftäter unter Mordverdacht
© dpa, Uncredited, ihe

Es ist der 7. April 2007. Ein Monat bevor Maddie spurlos aus ihrem Hotelzimmer in Praia da Luz verschwinden wird. An der Praia da Salema – fünfzehn Autominuten von Praia da Luz entfernt – belästigt ein Unbekannter ein zehnjähriges deutsches Mädchen. Er entblößt sich, zerrt das Mädchen am Arm. Als die größere Schwester die Eltern um Hilfe ruft, flüchtet der Täter. Die Kinder und die Eltern können den Täter aber gut beschreiben. Und die Beschreibung passt auf Christian B. Doch wieder passiert nichts. Kein Abgleich mit anderen Fällen. Kein möglicher Abgleich mit bekannten vorbestraften Sexualstraftätern, die vor Ort wohnen - wie zum Beispiel Christian B.

Er bleibt unbehelligt. Und wenn die Braunschweiger Ermittler recht haben, kann er nur einen Monat später Maddie entführen und ermorden. Selbst nach dem Verschwinden Maddies kommt niemand darauf, dass es möglicherweise zwischen beiden Fällen einen Zusammenhang gibt. Die erfahrene Journalistin Sandra Felgueiras erklärt es so:

"Die Ermittler konnten keine Aussagen abgleichen, weil sie nicht die Mittel hatten, verschiedene Aussagen in unterschiedlichen Polizeiwachen oder im Gericht zu vergleichen."

Es wäre sicher menschlich, wenn man sich nun die Frage stellt: Was wäre wenn? Was wäre gewesen, wenn die Polizei vor Ort anders gearbeitet hätte?

Ein falsches Gutachten mit schrecklichen Folgen

Schon kurz nach Maddies Verschwinden verlässt Christian B. offenbar überhastet Portugal. Er landet in Süddeutschland, kommt bei seinem Bekannten Alexander B. unter. Und der erinnert sich, wie nervös und unruhig er gewirkt hat. Wie ein Tier, das Gefahr wittert und ständig nach dem Fluchtweg sucht, beschreibt er Christian B.

Erstaunlich, wie schnell der aber wieder seine illegalen Machenschaften beginnt. Diesmal verkauft er Drogen. In ganz Deutschland, und fährt mit seinem neuen Wohnmobil sogar bis auf die Nordseeinsel Sylt. Irgendwann wird er erwischt. Und nun hat die deutsche Justiz den vorbestraften Sexualstraftäter wieder, den sie vor 12 Jahren aus den Augen verloren hat. Damals galt er als gefährlicher Straftäter. Doch die Warnungen von damals sind offenbar vergessen.

Ein Gericht im schleswig-holsteinischen Niebüll verurteilt ihn zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und neun Monaten auf Bewährung. Dem Angeklagten wird eine günstige Sozialprognose attestiert. Anders gesagt: Das Gericht glaubt nicht, dass eine Gefahr von ihm ausgeht und er wieder kriminell werden könnte. Eine fatale Fehleinschätzung, die erst Jahre später revidiert wird, als die Ermittler in Braunschweig längst gegen ihn wegen Entführung und Mord von Maddie McCann ermitteln.

Zwischen dem Urteil 2008 und seiner endgültigen Festnahme 2018 liegen nicht nur zehn Jahre, sondern offenbar noch viele weitere Straftaten. Darunter wohl auch mehrere Fälle von Kindesmissbrauch.

Sollte mit der Anklage und dem möglichen Prozess gegen Christian B. der Fall Maddie endlich zum Abschluss kommen, dann kann man nur hoffen, dass Behörden überall genau hinschauen und aus dem Fall die richtigen Schlüsse ziehen.

ARCHIV - 02.05.2012, Großbritannien, London: Kate und Gerry McCann, Eltern der vor 13 Jahren verschwundenen Britin Madeleine "Maddie" McCann halten bei einem Such-Aufruf das Foto ihrer Tochter. (zu dpa "Spekulation um Maddies Tod: Eltern dementieren
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SPIEGEL TV Doku auf RTL+

Das Verschwinden von Maddie McCann vor fast 15 Jahren gehört zu den größten Rätseln der Kriminalgeschichte. Bislang konnte nicht geklärt werden, wer das dreijährige Mädchen in Portugal entführte. Doch jetzt ist sich die Staatsanwaltschaft sicher, den wahren Täter zu kennen, und steht kurz davor, Anklage zu erheben: Es soll Christian B. (45) sein.

Für die Dokumentation "Verdächtig im Fall Maddie – Wer ist Christian B.?" (hier auf RTL+ anschauen) hat sich SPIEGEL TV ein Jahr lang auf Spurensuche begeben und exklusiv mit Freunden und Weggefährten des Tatverdächtigen gesprochen. Dabei wurden neue Erkenntnisse über den Mann gewonnen, der möglicherweise ein Verbrechen begangen haben soll, das die ganze Welt erschüttert hat.