Beziehungsstatus: Kompliziert?

Die Parteien am Verhandlungstisch: Es wird geflitert, gestritten und taktiert

27.09.2021, Berlin: Eine Ampel, an der für einen Moment die Farben Rot, Gelb und Grün gleichzeitig leuchten, ist am Tag nach der Bundestagswahl im Regierungsviertel zu sehen. Foto: Julian Stratenschulte/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
Nach der Bundestagswahl: Ist es plötzlich die große Liebe zwischen Grün und Gelb?
wst, dpa, Julian Stratenschulte

Jetzt wird verhandelt!

von Maximilian Storr

Erst wurde um Stimmen gekämpft, jetzt wird verhandelt. Und dabei lassen sich die Parteien nicht in die Karten schauen. Wer in wenigen Wochen die Bundesregierung anführen könnte, steht noch nicht fest. Fest steht aber: Es wird geflirtet, gestritten und taktiert: Aber in welcher Beziehung stehen die Parteien zueinander?

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Der Flirt zwischen Gelb und Grün

Die Liberalen flirten gerade heftig mit den Grünen – und umgekehrt. Den besten Beweis lieferte der Dienstagabend auf Instagram, als FDP-Chef Lindner, Generalsekretär Wissing und die Grünen-Spitze Habeck und Baerbock ein ikonisches Selfie posteten, während die meisten Journalisten noch darüber spekulierten, wann sich denn beide Parteien zusammensetzen werden.

Es ging darum, Gemeinsamkeiten auszuloten. Schließlich ist es nahezu sicher, dass Grüne und FDP gemeinsam in der Regierung sitzen werden „Egal ob Ampel oder Jamaika, am Ende werden Grüne und FDP an einem Tisch sitzen müssen. Weil GroKo-Stillstand will keiner von uns“, sagt Jens Teutrine, Vorsitzender der Jungen Liberalen im RTL/ntv-Frühstart.

Dass es trotz der zur Schau gestellten Zuneigung auch inhaltliche Differenzen gibt, stellt Grünen-Bundessprecher Georg Kurz klar: „Bei dieser Wahl sind auch Menschen, die bisher konservativ gewählt haben, auf der Flucht vor der Zukunftsfeindlichkeit der CDU jetzt bei der FDP gelandet“, sagte er, um dann klarzustellen: Hinter dem frischen Image der FDP steckt aber leider bisher nur die alte Leier der wundersamen Kräfte des Marktes.“ Bis die beiden wirklich zusammenkommen, wartet also offensichtlich noch etwas Arbeit.

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Ab Sonntag geht's richtig los

Und dabei fehlt in der polygamen Beziehung ja noch der dritte Partner. Eigentlich sollten die Sozialdemokraten die besten Karten für eine Dreierbeziehung haben. Schließlich sind sie die stärkste Partei geworden. Dem könnte die FDP aber einen Riegel vorschieben. Sie wollen sich nämlich auch mit der CDU und CSU treffen, und zwar am Sonntagabend. Ein Date mit den Grünen soll es zu Wochenbeginn geben, um über ein mögliches Jamaika-Bündnis (Schwarz, Grün, Gelb) zu verhandeln. Dabei gab es von der Grünen-Fraktionsvorsitzenden eigentlich schon einen Korb. „Ich sehe im Moment nicht, dass man die Union für sondierungsfähig halten könnte, geschweige denn für regierungsfähig“, sagte Kathrin Göring-Eckardt den Zeitungen der „Funke-Mediengruppe“.

dpatopbilder - HANDOUT - 28.09.2021, Berlin: Volker Wissing (l-r), FDP-Generalsekretär, Annalena Baerbock, Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen, Christian Lindner, FDP-Vorsitzender und Robert Habeck, Co-Bundesvorsitzender von Bündnis 90/Die Gr
Ein Selfie für die Ewigkeit?
pil, dpa, Volker Wissing
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Auch die SPD wagt sich aufs Parkett

Bisher sieht der Sieger der Bundestagswahlen noch so aus, als würde er schüchtern an seinem Bier nippend am Rande der Tanzfläche stehen und noch nicht so richtig wissen, ob er den Schritt aufs Parkett wagen soll. Zumindest wirken die Sozialdemokraten noch auffällig zurückhaltend. Der bisweilen zurückhaltende Auftritt sollte aber nicht mit mangelndem Selbstbewusstsein verwechselt werden. Am Wochenende geht nämlich auch für die SPD aufs Parkett: Die Sozialdemokraten werden dann ebenfalls die ersten Gespräche führen. Sondiert werden soll getrennt mit Grünen und FDP, wie die Chancen für eine sogenannte Ampel-Koalition unter der Führung von Kanzlerkandidat Olaf Scholz stehen.

dpatopbilder - 24.09.2021, Bayern, München: Beim offiziellen Wahlkampfabschluss von CDU und CSU in der Festhalle am Nockherberg stoßen Armin Laschet (r-l), Kanzlerkandidat der Union, CDU-Parteivorsitzender und Ministerpräsident von Nordrhein-Westfale
Am Wahlkampfende demonstrierten sie Geschlossenheit. Was die Kanzlerfrage betrifft, vertreten Markus Söder (links) und Armin Laschet aber unterschiedliche Meinungen. Angela Merkel hält sich da raus.
wst, dpa, Matthias Balk

Die stolze Union

16 Jahre lang haben CDU und CSU in unterschiedlichen Beziehungen den Takt vorgegeben. Und obwohl sie in diesem Jahr nicht mehr die erste Wahl ist, will die stolze Union offensichtlich nicht anerkennen, dass die den Geschmack der Bürger nicht mehr treffen. Und normalerweise sind Dreierbeziehungen nicht unbedingt das bevorzugte Beziehungsmodell für Konservative. Zumindest wenn man die Schwesterparteien CDU/CSU als Einheit begreift. Die gehören ja eigentlich zusammen, auch wenn das in diesen Tagen oft anders wirkt. Schließlich hat CSU-Chef Söder CDU-Chef Laschet den Wind aus den Segeln genommen, in dem er klar macht: „Die besten Chancen, Kanzler zu werden, hat Olaf Scholz.“

Einige CDU-Politiker scheinen sich gerade dennoch von ihrer konservativen Wurzel zu lösen. Das machte Kanzlerkandidat Armin Laschet am Wahlabend klar, das macht Jens Spahn im Deutschlandfunk klar: „Opposition nur aus Frust, das kann ja jetzt nicht die Antwort sein. Wir haben auch eine Verantwortung für Deutschland. Eine Koalition aus Union, FDP und Grünen hätte die Chance, lange ungelöste Konflikte etwa bei Klimaschutz, Landwirtschaft und Migration aufzulösen.“ Das sehen aber in der Union längst nicht alle so. Siehe Söder. Selbst da ist der nächste Beziehungsstreit also schon vorprogrammiert. Es könnte noch kompliziert werden.