Hunderte Biker rasen durch den Ort

"Als ob ein Panzer durchfährt": Der Motorrad-Zoff von Glombach

Der Motorrad-Zoff von Glombach Als ob ein Panzer durchfährt
03:21 min
Als ob ein Panzer durchfährt
Der Motorrad-Zoff von Glombach

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von Benjamin Müller und Carmen Gocht

Mit mehr als 100 Dezibel, also mit der Lautstärke einer Kreissäge, fahren jedes Wochenende hunderte Motorräder durch den idyllischen Ort in Niedersachsen. Lärmgeplagte Anwohner wie Markus Renner haben davon die Schnauze voll.

Wie sich das Verständnis der Biker in Grenzen hält und es regelmäßig Zoff gibt, sehen Sie im Video.

Flucht zu Freunden und Verwandten

Sonntagnachmittag im Garten von Markus Renner: Während seine Kinder Romy (2) und Frida (1) im Garten spielen, unterhält er sich mit seiner Lebensgefährtin Juliane Jackermeier. Doch nach bereits wenigen Sätzen wird ihr Gespräch unsanft unterbrochen. Laut polternd rollen einige Motorräder auf der Durchgangsstraße unmittelbar an dem Haus der jungen Familie vorbei. "Wir haben es gemessen und Lärmspitzen von 110 Dezibel erreicht", sagt Renner. Er ist genervt. Denn was vielleicht wie ein Einzelfall klingt, erfährt er jedes Wochenende. Er und seine Familie flüchten daher an den Tagen, wo sie sich erholen wollen, zu Freunden oder der Familie in anderen Orten. Denn ihren großen Garten in Golmbach können sie in den Sommermonaten schon lange nicht mehr wirklich nutzen.

Demos mit Blockaden

Markus Renner und andere Anwohner haben Demonstrationen gegen den Krach organisiert. Dabei blockieren sie die Durchgangsstraße und zwingen die Biker zum Abbremsen und Umfahren. "Wir wollen den Kradfahrern nicht ihr Hobby nehmen, sondern, dass ihre Maschinen leiser werden", findet Birgit Schünemann. Wie auch ihre Nachbarn leidet sie schon seit längerem an Schlafstörungen, Bluthochdruck, Hypersensibilität. Deswegen wollen sie sich nicht länger dem Gefühl der Hilfslosigkeit hingeben, sondern sind aktiv geworden. "Das Problem sind nicht wenige schwarze Schafe, sondern die Masse an Fahrzeugen, die sehr laut sind. Die sind teilweise zwar gesetzeskonform und die Lautstärke eingetragen, aber das ist das Problem - es ist legal", bringt es Edith Götz auf den Punkt.

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Jedes dritte Motorrad zu laut

Anwohnerin Edith Götz verweist dabei auf eine Studie des Landes Baden-Württemberg, die in diesem Sommer veröffentlicht wurde. Langzeitmessungen ergaben dabei, dass lediglich 13 Prozent aller Motorräder die Dezibelgrenze von 80 einhalten. Jede dritte Maschine sei lauter als 90 Dezibel. Und das größte Problem: Viele sind es ab Auslieferung aus dem Motorradwerk. "Die Politik muss daher endlich was gegen den Wahnsinn machen. Und das nicht auf kommunaler Ebene, sondern im Land oder im Bund", betont Markus Renner. Zwar würden sowohl der Landkreis als auch die Kreispolizei die Anwohner mit Aktionen und Kontrollen unterstützen - doch bei 400 Fahrzeugen in der Stunde sei das ein Tropfen auf den heißen Stein.

Biker: "Wieso sollen wir das Motorrad leiser machen?"

Die Motorradfahrer können die Aufregung nicht verstehen. "Die Zweiräder fahren hier vernünftig durch. Das ist alles gesittet", findet Bikerin Heike Westfeld und die Motorradfreunde Stefan und Rabea Matthias bestätigen sie: "Wieso sollen wir die Motorräder leiser machen, wenn sie ab Werk in Ordnung sind? Irgendwo gibt es gesetzliche Vorgaben, wo es okay ist." Und Matthias Volk fühlt sich pauschal verurteilt: "Der Lärm sollte generell gesenkt werden. Es gibt auch zu laute Autos oder landwirtschaftliche Maschinen. Ein paar faule Äpfel gibt es bei Motorradfahrern, aber die gibt es in jeder Gesellschaft." Er und seine Bikerkollegen sprechen immer wieder davon, über einen Kamm geschert zu werden und dass es überall schwarze Schafe gibt. Was eine Lärmreduzierung angeht, hat er eine klare Meinung: "Wenn es nicht mit einem sagenhaften Leistungsverlust einhergeht, wäre mir das völlig Banane."

Grundstück verkaufen ist schwierig

Markus Renner und seiner Familie ist die ganze Situation nicht so egal. Vor allem seit Corona sei es besonders schlimm geworden, als die Menschen mehr Freizeit hatten. Er will in den nächsten zwei Jahren sein Grundstück verkaufen und umziehen. Am liebsten möchte er in der Nähe bleiben, aber definitiv weg von der Hauptstraße. Seine Tochter habe heute Angst, wenn die lauten Biker am Garten vorbeirauschen und das ins Bett bringen werde im Sommer häufig zur Tortur. Doch wer kauft solch ein Haus an der gefühlten Rennstrecke? Markus Renner weiß es aktuell nicht, doch er gibt ehrlich zu: "Wenn Leute kommen und fragen, dann sag ich denen, sie sollen es sich dreimal überlegen." Es habe schon Fälle gegeben, dass Kaufinteressenten zuschlagen wollten, die er ob des Lärms jedoch zum sonntäglichen Hören eingeladen habe. "Danach haben sie Abstand davon genommen und wollten lieber die Finger davon lassen." Er wird daher weiter dafür kämpfen, dass die Politik endlich reagiert, und die Höchstgrenzen für lärmende Fahrzeuge absenkt und gegebenenfalls auch Durchfahrverbote ausspricht.