Stress für Kinder und Eltern

Corona-Angst-Schleuse: So wird die Kita zur bedrohlichen "Blackbox"

Die Verabschiedung vor Kita-Beginn fällt Kindern momentan besonders schwer.
© iStockphoto, alvarez

22. Mai 2020 - 12:07 Uhr

Masken und Kita-Schleuse: Corona-Regeln machen Kindern Angst

Eltern, die ihr Kind in die Kita-Notbetreuung geben, kennen diese Situation bestimmt: Während man eben noch auf dem Weg vergnügt mit dem Kind alberte, ändert sich die Stimmung plötzlich, wenn man sich der "Kita-Schleuse" nähert. Alle Eltern ziehen ihre Masken an, die Erzieher holen das Kind maskiert ab, alles muss schnell gehen. Eine Stress-Erfahrung für Kind und Eltern. Soll das auf Dauer so bleiben? Und machen die Masken in dieser Situation überhaupt Sinn? Denn Experten zufolge reicht an der frischen Luft ja das Einhalten der Abstandsregel. Wir haben mit der Kinder- und Jugendpsychotherapeutin Sabine Werner-Kopsch und Dr. Georg-Christian Zinn, Direktor des Hygienezentrums Bioscientia, darüber gesprochen.

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Mehr Drama beim Abschied, weniger Zeit zum Trösten

Auch das kennen Eltern: Das Kind will mal wieder nicht so recht in die Kita - was ja nun häufiger mal vorkommt. Aber nun vor der Corona-Schleuse muss es tatsächlich etwas geschubst und gezogen werden - denn hier fehlt in dieser Situation die Zeit, in Ruhe gut zuzureden und ausgiebig zu trösten. Es sei denn, man nimmt größere Dramen und damit eine endlose Verzögerung bei der Übergabe in Kauf. Zeit, die an der Schleuse nicht existiert. Das macht die Situation eng und zwingend - und damit wieder unangenehm für die Kinder.

Wie sehr die Hygiene-Vorgaben die Kita-Betreuer nach Corona-Lockdown vor Herausforderungen stellen, können Sie hier nachlesen.

Was die "Kita-Schleuse" mit der Kinder-Psyche macht

Das Tragen der Masken verstärkt dieses Problem, meint Sabine Werner-Kopsch: "Kinder, die nicht einmal die Gesichter der Eltern sehen dürfen, können Gefühle nicht mehr zuordnen. Sind die bringenden Eltern mit dem Ort einverstanden? Vertrauen die Eltern dem Ort? All solche Fragen werden mit einem Blick ins Gesicht geklärt." Einige Kinder fühlten sich dadurch abgegeben, andere sogar abgelehnt, erklärt die Therapeutin.

Eine Zunahme von emotionalen Schwierigkeiten und Trennungsängsten sei zu erwarten. Ob auch die Anzahl traumatisierter Kinder zunehmen wird, bleibe abzuwarten und hänge vor allem auch von den Erfahrungen der Kinder im Kita-Alltag ab: "Lustvolle Orte mit Spaß und Lebensfreude werden sicher anders betreten. Es bleibt zu hoffen, dass die meisten Kinder im Spiel und den Erlebnissen mit ihren Freunden und Erzieher*innen die Erfahrungen am Morgen schnell abstreifen können", sagt Sabine Werner-Kopsch.

Welchen Sinn hat das rigorose Vorgehen am Kita-Eingang?

Warum wird in vielen Kitas derzeit überhaupt so rigoros vorgegangen? Schließlich könnte man denken, dass bei einer möglichen Corona-Infektion der Eltern die Kinder wahrscheinlich ohnehin selbst die Viren "mitbringen". Hygieniker Dr. Zinn erklärt den Hintergrund: "Man muss die Historie sehen. Wir haben versucht, die Kitas für systemrelevante Eltern zu öffnen. Da hat man sehr, sehr genau geschaut - denn wenn diese Kitas zugemacht hätten, wären die Eltern natürlich auch nicht mehr in der Lage, systemrelevant zu arbeiten."

Man wolle die Eltern nicht in den Räumen und nicht unnötig viele Kontakte mit vielen Kindern und den Betreuern haben. Ob das jedes Mal Sinn macht, sei jedoch zu hinterfragen: "Ich glaube nicht, dass das wirklich die Maßnahme ist, mit der wir Kitas virenfrei halten", so Dr. Zinn.

Die Kita wird für Eltern zur Blackbox

Was genau in der Kita passiert, darüber erfahren Eltern im selben Zug zurzeit so wenig wie noch nie. Das Kind kommt morgens rein und wird abends wieder abgeholt. Vor Corona war eine Begehung der Innenräume das Normalste der Welt. In die Kita rein zu können, bedeutete für Eltern, die Stimmung und Lage schnuppern zu können: Was gab es zu essen? Wie viele Erzieher waren da? Gibt es neue Kunstwerke zu bestaunen? In kurzen Tür-Gesprächen können Eltern sich über die Befindlichkeiten des Nachwuchses erkundigen. All das entfällt nun häufig und macht den Hort zu einem Ort der offenen Fragen. Die Kita wird für die Eltern plötzlich zur Blackbox.

Wie der Abschied für Kinder und Eltern leichter wird: Therapeutin gibt Tipps

Sabine Werner-Kopsch pocht auf eine "eine achtsame Atmosphäre des Vertrauens". Es sei wichtig, einen für den jeweiligen Ort angemessenen Umgang zu finden, anstatt einer reinen "Hygiene-Mechanik" zu verfallen. Die Kindertherapeutin rät Eltern und Erziehern zu einem verantwortungsbewussten Umgang mit den Hygieneregeln, der auch Ausnahmen zulässt: "Das kann bedeuten, dass zumindest zum Abschied die Maske kurz abgenommen werden kann, während Kind und Erzieher*innen weit genug voneinander entfernt sind. Oder dass die Gesundheits-Unterschrift in größeren Abständen verlangt wird, und so weiter."

Jeden Tag in die Kita zu gehen, ist derzeit für viele Kinder noch eine Seltenheit. Wie Eltern ihnen trotz der unregelmäßigen Besuche die (Wieder-)Eingewöhnung erleichtern können, erklärt die Psychologin hier.