Wer Einfluss hat, kommt zuerst

Immer mehr Drängler holen sich Corona-Impfung

Heiß begehrt: Viele möchten den Corona-Impfstoff so schnell wie möglich verabreicht bekommen.
Heiß begehrt: Viele möchten den Corona-Impfstoff so schnell wie möglich verabreicht bekommen.
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10. Februar 2021 - 14:31 Uhr

Ältere und Risikopatienten bleiben auf der Strecke

Fast täglich stehen neue Meldungen in Lokalzeitungen, die wütend machen: Politiker, Amts- und Würdenträger sowie andere einflussreiche Menschen drängeln sich bei den Corona-Impfungen vor. Damit kommen sie Älteren und Risikopatienten bei der Chance auf Immunität und eine Rückkehr zu sorgenfreierem Leben in der Pandemie zuvor. Jüngst geriet Bertram Meier, Bischof von Augsburg, in die Schlagzeilen, weil er bereits eine Impfung erhalten hat – wie viele seiner Gesinnungsgenossen hatte er angeblich gute Gründe für sein Handeln.

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Bürgermeister von Halle (63) ist schon geimpft

Dr. Bernd Wiegand ist Oberbürgermeister in Halle.
Dr. Bernd Wiegand ist Oberbürgermeister in Halle.
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In den letzten Wochen häufen sich Nachrichten über angeblich nicht rechtmäßig gespritzte Menschen. Dazu gehört auch Halles Oberbürgermeister Bernd Wiegand. Der 63-Jährige hatte schon am Samstag zugegeben, dass er und zehn Stadträtinnen und Stadträte die Corona-Impfung bekommen hätten. Keiner von ihnen gehört der ersten Prioritätsgruppe an.

Angeblich habe man versucht, über 80-Jährige zu erreichen. Wenn niemand aus dieser Gruppe erreichbar war, habe man den Zufall entscheiden lassen. Ein "Zufallsgenerator" habe dann aus Rettungsdienstmitarbeitern, Fachärzten, Stadträten und Mitarbeitern des Katastrophenschutzstabes einen Namen gelost. So bekamen Wiegand und seine Stadträte ihre Dosis.

Im Interview mit RTL kritisierte der CDU-Kreisvorsitzende, Marco Tullner, das Vorgehen: "Wir als Politiker haben da eine Vorbildwirkung, deshalb finde ich so ein Verhalten nicht besonders toll." Als sich die Kritik an dem Verfahren häufte, hat die Stadt die Impf-Privilegien für Stadträte und die Angehörigen des Katastrophenstabes abgeschafft.

OB von Cottbus sieht sich im Recht

Cottbuser Oberbürgermeister Holger Kelch
Der Cottbuser Oberbürgermeister Holger Kelch steht in der Kritik.
© deutsche presse agentur

Bei den Impfdränglern reiht sich auch der Cottbuser Oberbürgermeister Holger Kelch ein. Der 53-Jährige ohne Vorerkrankungen wäre eigentlich in der "Impfgruppe 3". Trotzdem wurden er und sein Ordnungsdezernent Olaf Berger schon am 8. Januar geimpft. Dabei soll es sich um einen Restimpfstoff gehandelt haben, der bei einer mobilen Impfung in einem Cottbuser Altenheim übrig blieb. Auf RTL-Anfrage sagte Kelchs Sprecher Jan Gloßmann: "Durch eine kurzfristige Initiative des mobilen Impfteams konnte erreicht werden, dass nicht eine einzige begrenzt haltbare Impfdosis vernichtet werden musste."

Die Impfverordnung des Bundes regelt klar, dass auch bei übriggebliebene Impfdosen "zwingend Priorisierungsvorgaben einzuhalten" sind. Der Oberbürgermeister wäre dementsprechend unberechtigterweise bevorzugt geimpft worden.

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Bistumssprecher sieht Bischof als Pflegepersonal

Bischof Bertram Meier
Bertram Meier, Bischof der Diözese Augsburg wurde bereits gegen Corona geimpft.
© deutsche presse agentur

Bertram Meier ist Bischof in Augsburg. Er ist 60 Jahre alt und gehört offenbar zu keiner Risikogruppe. Trotzdem sollen er und sein 53-jähriger Generalvikar Harald Heinrich am Samstag in einem Seniorenheim der Caritas geimpft worden sein, wie die "Augsburger Allgemeine" berichtet. Dabei sieht der Impfplan der Bundesregierung aktuell Impfungen von Menschen mit hohem Gesundheitsrisiko und Patienten über 80 Jahren vor.

Wie die Zeitung berichtet, hat sich Ludwig Hartmann, Grünen-Fraktionschef im bayerischen Landtag, bereits kritisch geäußert: Er wirft dem Bischof "Impfdrängelei" und eine "nicht tragbare Ich-zuerst-Mentalität" vor. "Er soll seinen Schutzstatus jetzt auch nutzen und ein paar Tage im Pflegeheim helfen oder in der Obdachlosenunterkunft", forderte der Politiker laut dem Bericht.

Bistumssprecher Ulrich Bobinger verteidigt die Geistlichen. Der "Augsburger Allgemeinen" sagte er, der Bischof und sein Mitarbeiter seien regelmäßig in der Caritas-Einrichtung und deshalb als Personal einzustufen. Sie seien Seelsorger, würden dort Kranksalbungen spenden oder Messen feiern. Gegenüber dem "Bayerischen Rundfunk" soll er darauf verwiesen haben, dass "Tätige in Senioren- und Altenpflegeheimen mit Kontakt zu den Bewohnern und Bewohnerinnen" zur Priorisierungsgruppe eins gehören.

DRK-Chef wurde entlassen

Ernsthafte Konsequenzen hatte ein ähnliches Vorgehen für den Chef des Deutschen Roten Kreuzes in Hamburg-Harburg, Harald Krüger (63). Er, sowie weitere Angestellte, die nicht im Außendienst tätig waren, hatten sich eigennützig impfen lassen. Krüger wurde daraufhin entlassen.

Das DRK Harburg organisiert die mobilen Impfteams für Beschäftigte und Bewohner in Pflegeheimen. Harald Krüger hatte das DRK-Harburg 36 Jahre als Geschäftsführer geleitet. Er wäre noch gut zwei Jahre bis zu seiner Pensionierung im Amt gewesen.

Jens Spahn: "Es ist an uns, mit gutem Beispiel voranzugehen"

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hat sich mittlerweile zu den Impfdränglern geäußert. Es gelte nach wie vor die vorgesehene Priorisierung. "Gleichzeitig, und dieser Satz steht übrigens auch neu in der Impfverordnung, kann, wenn dadurch Verwurf am Abend insbesondere vermieden werden muss, von der Impfverordnung im Einzelfall abgewichen werden."

Wenn Personen nicht zu ihren Impf-Terminen erschienen seien, bliebe manchmal Serum übrig, das nicht weggeworfen werden sollte. "Gleichwohl macht es sehr viel Sinn, auch dort eine Systematik zu haben, die auch dem Gedanken der Impfverordnung Rechnung trägt", so Spahn. Womöglich sei es sinnvoll, wenn die Länder sich auf eine Vorgehensweise einigen würden. "Es ist an uns, mit gutem Beispiel voran zu gehen und im Zweifel hinten anzustehen", betonte der Gesundheitsminister.