„Das Vertrauen, das wir in die Firma Tönnies setzen, ist gleich null“

Corona-Ausbruch in Fleischfabrik Tönnies: Schon 1.029 Mitarbeiter positiv getestet

20. Juni 2020 - 18:26 Uhr

Alle Mitarbeiter werden jetzt systematisch getestet

Nach dem Corona-Ausbruch beim Fleischproduzenten Tönnies in Rheda-Wiedenbrück (Nordrhein-Westfalen) will der Kreis Gütersloh jetzt konsequent durchgreifen, um eine weitere Ausbreitung des Virus zu verhindern. Alle 7.000 Menschen, die auf dem Betriebsgelände arbeiten, sollen systematisch auf Corona getestet werden. Bei 1.029 Mitarbeitern fiel der Test bereits positiv aus, wie der Landrat des Kreises Gütersloh, Sven-Georg Adenauer mitteilte. Insgesamt lägen 3.127 Befunde vor. Wie die Lage vor Ort ist – in unserem Video.

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Krisenstab musste sich fehlende Informationen aus den Personalakten besorgen

​Der Kreis hat wegen der vielen Infektionen einen Krisenstab eingesetzt, um der Lage besser Herr zu werden. Thomas Kuhlbusch, der Leiter des Krisenstabs fand auf einer Pressekonferenz nun deutliche Worte. "Das Vertrauen, das wir in die Firma Tönnies setzen, ist gleich null", sagte er. Die Firma habe Kontaktdaten der Mitarbeiter nur zögerlich herausgegeben. Auf der letzten Mitarbeiterliste, die dem Krisenstab vorgelegt wurde, seien 30 Prozent der Mitarbeiter ohne Adresse geführt.

"Da haben wir gesagt: Es reicht", erklärte Kuhlbusch. Mitarbeiter des Landkreises seien daraufhin am Freitagabend in den Betrieb gegangen, hätten sich Zugang zu den Personalakten verschafft  und sich dort die fehlenden Informationen besorgt. Seit halb zwei am frühen Morgen habe man nun endlich alle Informationen vorliegen, die nötig seien, so der Krisenstabsleiter. Kontrolle sei besser als Vertrauen. Darum werde jetzt nach und nach geprüft, ob wirklich auch alle Mitarbeiter legal beschäftigt seien.

In der Fleischfabrik wurden Abstandsregeln offenbar missachtet. Ein Video aus der überfüllten Katine sorgte zuletzt für Aufruhr. 

Firmenboss Tönnies wehrt sich in einem Statement gegen die Vorwürfe

Am späten Nachmittag trat dann überraschend Unternehmenschef Clemens Tönnies vor die Presse und äußerte sich in einem Statement zu den Vorwürfen. "Wir haben datenschutzrechtliche Probleme", sagte Tönnies in Rheda-Wiedenbrück. Laut Werkvertragsrecht dürfe das Unternehmen die Adressen der betreffenden Arbeiter nicht speichern.

Fabrik bleibt zwei Wochen zu und Mitarbeiter müssen in Quarantäne

Der Betrieb wird heruntergefahren und soll ersteinmal für zwei Wochen schließen. Alle Mitarbeiter seien in Quarantäne bzw. Arbeitsquarantäne geschickt worden. Nur der Betreib in einigen notwendigen Bereichen in der Fleischfabrik werde weiter aufrecht erhalten. Mobile Teams des Deutschen Roten Kreuzes seien unterwegs, um die Mitarbeiter zuhause zu besuchen. Es werde überprüft, ob die Menschen die Quarantäne dort mit ihren Familien und Mitbewohnern einhalten können und ob sie mit allem, was sie brauchen, versorgt sind.

Viele seien verängstigt oder noch nicht gut über die Situation informiert, weil sie kaum Deutsch sprechen, erklärte Kuhlbusch. Die Stadt verteile darum jetzt Flyer in mehreren Sprachen, in denen die Mitarbeiter Informationen finden, an wen sie sich wenden können, wenn sie etwas brauchen. Auch die Bundeswehr ist mit 65 Soldaten im Kreis Gütersloh im Einsatz. Sie helfen bei der Organisation der Coronatest für die Mitarbeiter, sowie bei der Dokumentation der Fälle und bei der Nachverfolgung von Kontakten.

Infektionsherd einkesseln und Verbreitung des Coronavirus verhindern

Noch sei der Ausbruch mehr oder weniger auf einen Hotspot im Zerlegungsbereich der Fleischfabrik begrenzt. Der Landkreis will jetzt alles versuchen, damit das auch so bleibt. Er wolle nicht, dass sich große Teile der Bevölkerung infizieren, sagte Kuhlbusch, denn dann wären wieder Maßnahmen wie ganz zu Beginn der Pandemie notwendig. Jetzt gehe es darum, den Infektionsherd so gut wie möglich einzukesseln und zu bekämpfen.

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