Nach Corona-VorfallLufthansa-Besatzung übernachtet in Olympiastadt Peking in eigener Maschine

Eine Lufthansa-Besatzung schlägt Alarm – und erhält die Unterstützung vieler Kolleginnen und Kollegen in Deutschland. Grund ist die Behandlung einer deutschen Crew nach einem Corona-Vorfall in Peking. RTL liegen interne Chatprotokolle vor. Und die machen deutlich, was Chinas Null-Covid-Strategie für den Flugbetrieb internationaler Airlines bedeutet. RTL-Reise- und Luftfahrt-Experte Ralf Benkö schätzt den Vorfall ein.
Nach positivem Corona-Test bei Lufthansa-Mitglied: „Wie Verbrecher behandelt“
Offiziell gibt es in China kaum noch Corona-Fälle. Und wenn doch welche auftreten, greifen die Behörden knallhart durch: Allein im Januar waren rund 20 Millionen Chinesen von strikten Ausgangssperren betroffen. Teilweise wurden ganze Millionenstädte runtergefahren, wie zuletzt die ostchinesischen Metropole Anyang. Chinas Null-Covid-Politik trifft nicht nur die einheimische Bevölkerung, sondern auch Ausländer – und vor allem Fluggesellschaften.
Das musste jetzt auch eine 15-köpfige Lufthansa-Crew nach einem positive Corona-Test eines Besatzungsmitglieds am eigenen Leib erfahren. Nach einer aus deutscher Sicht schon fast schikanösen Behandlung sah sich die gesamte Besatzung eines Fluges von Peking nach Frankfurt gezwungen, in der eigenen Maschine zu übernachten. Was war passiert?
Bereits nach der Ankunft in Peking braucht die Crew fast fünf Stunden, bis sie in das Hotel einchecken kann. Kaum in den Hotelzimmern angekommen, der Supergau: Obwohl beim Abflug in Deutschland alles PCR-Tests negativ waren, gibt es nach der Landung in China offenbar einen positiven PCR-Test innerhalb der Crew. Alle 15 Besatzungsmitglieder müssen in Infektionsschutzanzügen ihr Hotelzimmer verlassen, die Besatzung wird mit drei Krankenwagen in ein Quarantänehotel transportiert und laut einem Crew-Mitglied dabei „wie Verbrecher behandelt“.
Nach fehlgeschlagener Enteisung: Lufthansa-Besatzung übernachtet in eigener Maschine
Beim geplanten Abflug kommt es dann zum nächsten Vorfall: Statt der wie üblich bestellten zwei Enteisungsmaschinen erscheint nur eine. Kaum ist ein Flügel von Eis und Schnee befreit, friert in der Zeit bei klirrender Kälte der andere wieder zu. Nach rund zwei Stunden muss die Enteisung der Maschine aufgegeben werden, weil die Crew nach der Wartezeit nun ihre maximale Dienstzeit nicht mehr einhalten konnte. Und weil der Rückweg ins Hotel durch die strengen Corona-Regelungen in China zu kompliziert gewesen wäre, entschließt sich die Crew, in der Maschine zu bleiben und dort zu übernachten – um die gesetzlichen Ruhezeiten einhalten zu können. Nach einer dann endlich korrekt durchgeführten Enteisung des Flugzeugs kann die Lufthansa-Maschine abheben, 14 Stunden nach dem ursprünglich geplanten Abflug.
RTL hat die Lufthansa um Stellungnahme gebeten. Das Unternehmen hat den Vorfall gegenüber RTL-Reise- und Luftfahrt-Experte Ralf Benkö bestätigt. Für alle Linienflüge nach China gebe es strenge Restriktionen der chinesischen Behörden, „die gegebenenfalls eine flexible Anpassung der flugbetrieblichen Abläufe erfordern“, erklärte ein Lufthansa-Sprecher.
RTL-Luftfahrt-Experte Ralf Benkö: ungewöhnliche Situation für die Crew
RTL-Reise- und Luftfahrt-Experte Ralf Benkö hat sich den gesamten Vorfall genau angeschaut: „Auf unsere Nachfrage hin hat uns die Lufthansa den Vorfall mittlerweile bestätigt. Die Airline schließt sich der internen Kritik von Crewmitgliedern am Vorgehen der chinesischen Behörden aber nicht an. Die Situation ist schon so alles andere als einfach.“ Denn mittlerweile seien Lufthansa Flüge mit Passagieren von Deutschland nach China für die nächsten Wochen gar nicht mehr erlaubt.
Lufthansa erklärt, derzeit dürften nur noch Passagiere von China nach Deutschland und Fracht befördert werden. Ralf Benkö kann nachvollziehen, warum Crewmitglieder hier ihrem Ärger in einem internen Forum Luft gemacht haben. Beim Lesen der Schilderungen eines betroffenen Crewmitglieds sei regelrecht zu spüren, wie sehr die Abläufe in China zuletzt die Crew belastet und unter Druck gesetzt hätten. „Auch wenn es hier offiziell um Corona-Schutzmaßnahmen geht und die Crew dem Bericht nach ja völlig korrekt reagiert hat, als sie nach Problemen mit der Enteisung das Flugzeug am Boden gelassen hat, es hat sie dem Bericht nach in eine Art Ausnahmesituation gebracht."
Lufthansa erklärt, die Besatzung hätte im sogenannten Crewrest-Bereich, mit Betten, übernachtet. Das Flugzeug sei auch beheizt gewesen und die Crew hätte die gesetzlich vorgeschriebene Ruhezeit bis zum späteren Start eingehalten. Sicherheit hätte stets höchste Priorität. „Dennoch kann man diese improvisierte Situation auch als Warnzeichen dafür sehen, dass mit solch strengen Corona-Schutzregeln ein Flugbetrieb nur eingeschränkt Sinn macht, wenn sie Crews derart unter Stress setzen, wenn die Besatzung zum Beispiel weiß, bei Problemen vor Ort nur unter besonderen Auflagen wieder aussteigen zu können", erklärt Ralf Benkö.
Kaum noch Passagierflüge der Lufthansa nach China
Laut Handelsblatt hat die chinesische Luftaufsicht CAAC bereits vor zwei Wochen Dutzende internationale Passagierflüge gestrichen, darunter auch zahlreiche Verbindungen der Lufthansa. Seit Jahresbeginn dürfen fast keine transnationalen Passagierflüge mehr in der Volksrepublik landen. Das hängt offenbar mit den Olympischen Winterspielen in Peking zusammen, die am 4. Februar beginnen. Mit den Einreiseverboten versucht China, die zahlreichen Coronaausbrüche vor den Olympischen Winterspielen einzudämmen.
Gegenüber RTL erklärte ein Sprecher der Lufthansa, dass zwar nach wie vor reguläre Linienflüge nach China stattfinden, auf diesen Flügen für die nächsten Wochen aufgrund behördlicher Restriktionen keine Passagiere befördert werden. „Für Flüge von China nach Deutschland sind hingegen Passagiere erlaubt“, erklärte die Lufthansa weiter. „Derzeit gibt es für alle Linienflüge nach China strenge Auflagen der chinesischen Behörden, die gegebenenfalls eine flexible Anpassung der flugbetrieblichen Abläufe erfordern.“ Was das in der Praxis bedeuten kann, hat eine Crew jetzt geschildert.
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"Die große Corona-Abzocke" bei RTL+
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