Transsexuelle AfD-Politikerin will Bürgermeisterin werden

Sybill De Buer: Es zählt nicht, was wir in der Unterhose haben

07. Februar 2020 - 14:50 Uhr

Video: De Buer erzählt von ihrem schwierigen Weg vom Mann zur Frau

Mit gelben Tulpen in der Hand steht Sybill Constance de Buer vor dem Rathaus der alten oberbayerischen Herzogenstadt Burghausen. Die 59-Jährige reicht sie den Bürgern, als nette Geste, um sich vorzustellen. Die gebürtige Saarländerin kandidiert nämlich als Bürgermeisterin der 18.000-Einwohner-Stadt an der Salzach. Doch nur wenige nehmen sich eine Tulpe. Die meisten winken freundlich ab, kommen aber nicht umher, ihr einen argwöhnischen Blick hinterher zu werfen. Das hat zwei Gründe, sagt de Buer: "Erstens AfD, zweitens meine Person".

De Buer bezeichnet sich lieber als "Nicht-Bio-Frau"

AfD stellt transsexuelle Kandidatin zu Bürgermeister-Wahl auf.
"Das Wort 'transsexuell' oder 'transgender' ist mir zu linksliberal", sagt de Buer.
© RTL

De Buer ist transsexuell. Die meiste Zeit ihres Lebens lebte sie als Mann. Sie gründete eine Familie, bekam eine Tochter, die inzwischen 19 Jahre alt ist, und hielt an erzkonservativen Werten fest. Jahrelang unterdrückte sie ihr "wahres Ich". Seit der Pubertät fühlte sie jedoch, dass "etwas schief läuft", erzählt sie im Interview mit RTL. Mit 52 Jahren zog sie dann einen Schlussstrich: Sie wollte kein Mann mehr sein. Seit mehr als sieben Jahren lebt die gebürtige Saarländerin nun schon als Frau. Zwei geschlechtsangeleichende Operationen hat sie hinter sich, eine dritte folgt noch, sagt sie im Video.

Als Transsexuelle sieht sie sich aber nicht. "Das Wort 'transsexuell' oder 'transgender' ist mir zu linksliberal", sagt sie. Für sie gibt es nur Mann oder Frau, dazwischen gäbe es nichts. Sie spricht lieber von "Nicht-Bio-Frauen" und "Nicht-Bio-Männern". Es gäbe Menschen, die ihr Geschlecht jeden Tag aufs Neue definieren würden, so de Buer, "da muss ich immer lachen". Für sie war es einfach nur "ein Wechsel vom Mann zur Frau".

"Für uns zählt, was wir politisch denken und nicht, was wir in der Unterhose tragen"

Sybill Constance De Buer wollte kein Mann mehr sein.
Sybill Constance De Buer wollte kein Mann mehr sein.
© RTL

AfD und Transsexualität? Für viele passt das nicht so ganz unter einen Hut, da die Partei nicht-traditionelle Geschlechteridentitäten ablehnt und das "traditionelle Familienbild" von der Ehe zwischen Mann und Frau verteidigt. Im Parteiprogramm heißt es zu diesem Thema: "Die Gender-Ideologie marginalisiert naturgegebene Unterschiede zwischen den Geschlechtern und stellt geschlechtliche Identität in Frage." Die Partei will, "dass sich die Familienpolitik des Bundes und der Länder am Bild der Familie aus Vater, Mutter und Kindern orientiert." Außerdem fordert die AfD ein Ende der sogenannten "Gender-Forschung". Diese sei "keine seriöse Wissenschaft", sondern folge der "ideologischen Vorgabe, dass das natürliche Geschlecht (Sex) und das soziale Geschlecht (Gender) voneinander völlig unabhängig seien."

De Buer interpretiert die Parteilinie etwas anders. "Wir sind eine offene und tolerante Partei", sagt sie, "für uns zählt, was wir politisch denken und nicht, was wir in der Unterhose haben." In der AfD seien auch viele Homosexuelle, allen voran Alice Weidel, die Chefin der AfD-Bundestagsfraktion ist lesbisch. Es sei anmaßend zu denken, dass alle "Nicht-Bio-Frauen", "Nicht-Bio-Männer" oder Homosexuelle zu den Grünen oder Linken gehören würden. "Nobody ist perfekt", so de Buer. Die AfD öffne sich mit ihrer Politik auch anderen Gruppen.

Ob das alle in der Partei so sehen, ist nicht ganz klar, bislang wollte sich niemand gegenüber RTL dazu äußern.

"Die Chancen stehen nicht ganz so gut"

Die Partei rechnet mit zehn Prozent, aber auch acht Prozent wären ein Erfolg in der "konservativen Stadt", wie de Buer sagt.
Die Partei rechnet mit zehn Prozent, aber auch acht Prozent wären ein Erfolg in der "konservativen Stadt", wie de Buer sagt.
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De Buers Parteikollegen in Burghausen scheint ihre Geschlechtsumwandlung nicht zu stören. Sie wählten die gelernte Köchin, die erst Ende des vergangenen Jahres nach Bayern gezogen ist, im Januar zur Bürgermeisterkandidatin ihrer Partei. Am 15. März findet die Wahl statt. Die 59-Jährige erwartet einen fairen Wahlkampf: "Die Chancen stehen nicht ganz so gut". Die Partei rechnet mit zehn Prozent, aber auch acht Prozent wären ein Erfolg in der "konservativen Stadt", wie de Buer sagt.