"Box-Porno", Knockout-Spektakel oder Britischer Traum

Nach Joshua-Demontage - Szenarien für das Schwergewichts-Jahr 2022

Oleksandr Usyk vermasselte den Engländern den erhofften Kampf zwischen Anthony Joshua und Tyson Fury.
Oleksandr Usyk vermasselte den Engländern den erhofften Kampf zwischen Anthony Joshua und Tyson Fury.
© dpa, Frank Augstein, FA DP pat

28. September 2021 - 16:10 Uhr

Usyk, Fury, Joshua, Wilder - acht Fäuste, eine Krone

Ein boxerisches Jahrhundert-Erdbeben wie Mike Tysons Pleite gegen Buster Douglas 1990 war die Entzauberung des Anthony Johsua durch Oleksandr Usyk am Wochenende nicht. Veritable Schockwellen hat der Triumph des Ukrainers in London dennoch durch die Box-Szene gesandt. Wie geht's im Kampf um die Meisterschaft aller Klassen weiter? Knockout-Fest, Briten-Traum oder "Schwergewichts-Porno" – Szenarien für ein aufregendes Box-Jahr 2022.

Wann gibt's endlich einen unumstrittenen Weltmeister?

Im Preisboxen sind aller guten Dinge seit ein paar Jahren nicht mehr drei, sondern vier. Heißt: Wer unumstrittener Weltmeister sein will, benötigt die WM-Gürtel der (bisweilen dubios agierenden) Weltverbände WBA, WBC, WBO und IBF.

Drei Zacken der Krone (WBA, WBO, IBF) hält nach seinem Coup im Tottenham-Stadion Edeltechniker Usyk, das letzte Viertel ist im Besitz von Tyson Fury (WBC), der darüber hinaus noch die königlichen Insignien der Box-Bibel "The Ring" trägt.

Die Faustkampf-Gemeinde lechzt seit langem danach, dass zwei Schwergewichte um alle relevanten Titel kämpfen. Für Box-Britannien stand fest, dass zwei der ihren, Fury und Joshua, dieses epische Duell ausfechten würden. Diesen Traum hat Usyk nun fürs Erste zerfetzt. Zum ultimativen Heavyweight-Showdown könnte es Mitte/Ende 2022 trotzdem kommen – so oder so.

Szenario 1: Der "Schwergewichts-Porno"

Angenommen, WBC-Champion Fury gewinnt am 9. Oktober in Las Vegas das "Rubber Match" (Teil 3 einer Box-Trilogie) gegen Deontay Wilder. Und angenommen, Usyk gewinnt auch die vertraglich schon vereinbarte Revanche gegen Joshua (wofür einiges spricht). Dann stünde Fury vs. Usyk ganz oben auf der Agenda, wäre der Kampf, den es zu machen gilt.

Eins steht fest: Boxerisch hat das Schwergewicht nichts Besseres zu bieten. Für die "World Boxing News" kommt ein mögliches Duell zwischen dem agilen 2,06-Meter-Riesen Fury und Box-Wunderkind Usyk "unzweifelhaft einem Schwergewichts-Porno am nächsten".

Was die Kollegen mit ihrer unzweifelhaft zweifelhaften Analogie meinen: Fury vs. Usyk wäre ein faszinierender Kampf zweier Ausnahme-Boxer, die die "edle Kunst der Selbstverteidigung" auf höchstem Level beherrschen.

Fury bewegt sich für einen Mann seiner Maße geradezu außerirdisch, kann zudem von der Normal- in die Rechtsauslage wechseln. Die 120 Kilo-Wuchtbrumme kann aber auch "brawlen", also im Infight hinlangen, und einen Gegner mit seinen Pfunden erdrücken. Gegen einen Faustkampf-Künstler wie Usyk dürfte der "Gypsy King" in genau diesen Modus schalten, sofern er erkennen sollte, dass ihm der Linkshänder (wie Joshua) die Rübe weichkloppt.

Ob es umgekehrt Usyk mit seinen schnellen Beinen und Händen auch gelingt, einen derart versierten (und auch noch 16 Zentimeter größeren) Mann wie Fury auszuboxen – eine hochspannende Frage.

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Boxing - Deontay Wilder v Tyson Fury - WBC Heavyweight Title - The Grand Garden Arena at MGM Grand, Las Vegas, United States - February 22, 2020 Tyson Fury knocks down Deontay Wilder during the fight REUTERS/Steve Marcus     TPX IMAGES OF THE DAY
Tyson Fury schlug zuletzt Anfang 2022 Deontay Wilder durch Technischen K.o. in Runde 7
© REUTERS, STEVE MARCUS, MB

Szenario 2: Die Knockout-Garantie

Angenommen, Deontay Wilder holt – wie beim ersten Kampf der Erzrivalen 2018 – den Hammer raus und schickt Fury dieses Mal für mehr als 9,9 Sekunden ins Märchenland. Und angenommen Anthony Joshua gelingt im Rematch gegen Usyk die Wiederauferstehung. Dann käme es zu dem Kampf, den die Box-Welt schon vor zwei, drei, vier Jahren am liebsten gesehen hätte.

Joshua galt nach seinem epischen Sieg über Wladimir Klitschko 2017 als Maß der Dinge, Wilder (damals WBC-Weltmeister) forderte den Engländer immer wieder wortgewaltig heraus. Der Kampf scheiterte letztlich an den finanziellen Vorstellungen der Lager. Wilder pochte auf einen 50/50-Deal bei den Einnahmen, während "AJ" seinem Kontrahenten lediglich eine Flatrate-Börse von kolportierten 12 Millionen Dollar anbot.

Joshua vs. Wilder wäre auch 2022 noch der Kampf mit Spektakel-Garantie. Über dem Ring würde sich eine ganz besondere Elektrizität aufbauen. Denn: Wer hier zuerst kassiert, verliert mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit. US-Boy Wilder schlägt nach einhelliger Meinung mit die härteste Rechte, die es im Schwergewicht je gab (K.o.-Quote: 93 Prozent). Aber auch in Joshuas Fäusten steckt Dynamit, der Ring-Darling der Briten feierte 22 seiner 24 Siege vor dem Schlussgong.

Ein britisch-amerikanischer Clash zweier einst gefallener Champions, die sich ihre Titel zurückerobert haben und hauen können, wie sonst keiner – das hätte was und ließe sich zudem hervorragend vermarkten.

(in color trunks) Deontay Wilder knocks down Tyson Fury a 2nd time in the 12 round at the Staple Center Saturday. The fight was draw between both fighters from the judges scoring . Los Angeles, CA. Dec 1,2018. Wilder-vs-Fury-BOXING PUBLICATIONxINxGER
In Runde 12 ihres ersten Gefechts schickte Wilder Fury auf die Matte - wie der Engländer da wieder hochkam, weiß bis heute keiner.
© imago/ZUMA Press, Gene Blevins, imago sportfotodienst

Szenario 3: Rule Britannia

Angenommen, Fury putzt Wilder wie schon im Februar 2022 souverän von der Platte. Und abermals angenommen, Joshua gewinnt die Revanche gegen Usyk. Großbritannien bekäme seinen Traumkampf doch noch.

Zwei "Lads", die um die unumstrittene Meisterschaft aller Klassen kämpfen – das Vereinigte Fäustereich stünde monatelang Kopf. Die Favoritenrolle käme dem boxerisch deutlich versierteren Fury zu, die Rolle des Publikumslieblings dagegen Joshua.

Der Briten-Knüller war eigentlich schon fix, sollte am 14. August in Saudi-Arabien stattfinden, nachdem das saudische Königshaus 150 Millionen Dollar für die Austragungsrechte auf den Tisch geknallt hatte. Mit allem zipp und zapp hätten die Engländer pro Boxer-Nase wohl eine ähnliche Summe verdient.

Ein Schiedsgericht in den USA funkte dazwischen, verdonnerte Fury zu seinem vertraglich verankerten (dritten) Kampf gegen Wilder, der nun in zweieinhalb Wochen Las Vegas stattfindet. Und dann kam auch noch Oleksandr Usyk. (mar)