Großbritannien in der Krise

Boris Johnson "back in the office": Auf Corona-Erkrankung folgen Corona-Herausforderungen

27. April 2020 - 22:34 Uhr

Im Video: Boris Johnson kehrt nach Zwangspause zurück in Downing Street #10

Drei Wochen nachdem er ins Krankenhaus eingeliefert wurde, hat Boris Johnson am Montag offiziell sein Amt in der Downing Street wieder aufgenommen. Laut Außenminister Dominic Raab, der ihn in den letzten Wochen vertreten hatte, konnte Johnson es kaum erwarten, seine Arbeit endlich wieder aufzunehmen. Wird auch Zeit, sagen viele, denn auf die Regierung prasselt Kritik von vielen Seiten ein. Wie Boris Johnson dem entgegentritt, im Video.

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Fehleinschätzungen und peinliche Patzer

Der erste Grund dafür: Großbritannien erreichte am Wochenende als fünftes Land der Welt die Marke von über 20.000 Todesfällen. Anfang März stellte die Regierung Massentests und Kontaktverfolgung ein, keine zwei Monate später sieht der Weg vieler Tests, wie ihn zum Beispiel Deutschland geht, deutlich erfolgsversprechender für die Eindämmung des Virus aus als der Weg der Briten. Gesundheitsminister Matt Hancock hat sich bis Ende April ein ehrgeiziges Ziel von 100.000 Tests pro Tag gesetzt. Bis zum 21. April wurden nur knapp 25.000 Briten pro Tag getestet.

Ein weiterer Punkt ist, dass es die Regierung bislang nicht geschafft hat, genügend Schutzausrüstung für Ärzte und Pfleger zur Verfügung zu stellen. Bei den täglichen Pressekonferenzen gab die Regierung hierzu immer wieder Fehlinformationen heraus. So hieß es zum Beispiel, Großbritannien hätte eine Einladung zum EU-Beschaffungsprogramm für Schutzausrüstung verpasst, weil die E-Mail übersehen worden sei. Die EU dementierte eine Einladung per Mail – und britische Regierungsmitglieder verstrickten sich in widersprüchlichen Aussagen. Um die Peinlichkeit noch zu vergrößern, kam eine Lieferung von 84 Tonnen Schutzausrüstung mit zweitägiger Verspätung an, weil dem türkischen Anbieter die nötige Exportlizenz fehlte. Die türkische Regierung musste einspringen und stellte Großbritannien Schutzausrüstung bereit.

Boris Johnson strahlt Optimismus aus

27/04/2020. London, United Kingdom. UK Prime Minister Boris Johnson gives a statement outside 10 Downing Street, as he returns to work following recovering from Coronavirus at Chequers. Picture by Pippa Fowles / No 10 Downing Street.
Will die Probleme anpacken und sieht Fortschritte: Großbritanniens Premierminister Boris Johnson im Kampf gegen das Coronavirus
© Pippa Fowles / 10 Downing Street, Pippa Fowles

Und als ob das alles noch nicht genug wäre: Am Wochenende warnten Experten wie Gerard Lyons, ehemaliger Wirtschaftsberater von Boris Johnson, dass Großbritanniens Wirtschaft im Vergleich zu den anderen westlichen Ländern am härtesten getroffen werden könnte, sollte die Ausgangssperre nicht zeitnah aufgehoben werden. Deswegen verlangen Mitglieder der Opposition immer wieder Antworten auf die Frage: Wann und wie werden die von der Regierung getroffenen Maßnahmen gelockert?

Doch Boris Johnson meint, er habe das alles im Griff - so zumindest klang es in seinem ersten Statement nach seiner Rückkehr. Optimistisch verkündete er, dass Großbritannien Fortschritte mache. Gleichzeitig deutete er aber an, dass strenge soziale Distanzierungsmaßnahmen noch einige Zeit nötig sein werden: "Ich bitte Sie, Ihre Ungeduld zu zügeln, denn ich glaube, wir nähern uns jetzt dem Ende der ersten Phase dieses Konflikts."

Veteran sammelt Spenden für überfordertes Gesundheitssystem

Bei dieser Gelegenheit dankte er auch Captain Tom Moore, einem fast 100-jährigen Veteranen, der für die NHS, das britische Gesundheitssystem, satte 29 Millionen Pfund Spenden gesammelt hatte. Auf seinen Rollator gestützt war der Senior dafür 200 Runden durch seinen Garten gelaufen. Am 30.April feiert Tom Moore seinen 100. Geburtstag - zum Dank für seinen einmaligen Einsatz und als kleines Geburtstagsgeschenk gibt es eine Woche lang einen Poststempel mit seinem Namen und Glückwünschen darauf.

Während die NHS schon in Vor-Corona-Zeiten überstrapaziert war und die finanzielle Unterstützung nötig hat, wirft die Spendenaktion auch Fragen zur staatlichen Finanzierung des Gesundheitssystems auf. Die britische Tageszeitung "The Independent" schreibt:  "Captain Moore ist ein bald Hundertjähriger, und die Tatsache, dass er sich gezwungen sieht, Geld für die NHS zu sammeln (...) sollte in Frage stellen, warum das Gesundheitssystem einer der reichsten Nationen der Welt seine Wohltätigkeit benötigt."

Johnson steht vor großen Herausforderungen: Offene Fragen sind auch die mögliche Einführung einer Maskenpflicht und die Öffnung oder Fortführung der Schul- und Geschäftsschließungen. Die Forderungen nach Lockerungsmaßnahmen treffen Johnson während noch nicht klar ist, ob Großbritannien die Coronavirus-Ausbreitung überhaupt eindämmen kann. Die Todeszahlen steigen ungebremst.

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