Verband legt Hygienkonzept für Sex-Arbeiter vor

Bordell-Chef Armin Lobscheid: "Das hat nichts mehr mit Erotik zu tun"

Prostituierte oder Sexarbeiterin auf dem Bett im Bordell mit sexy Beinen und hochhackigen Schuhen.
Prostituierte oder Sexarbeiterin auf dem Bett im Bordell mit sexy Beinen und hochhackigen Schuhen.
© iStockphoto, iStock, southerlycourse

25. Mai 2020 - 16:33 Uhr

Keine Lockerung in Aussicht - im Gegenteil

Seit der Corona-Krise ist das älteste Gewerbe der Welt komplett zum Erliegen gekommen - und bisher ist keinerlei Lockerung in Aussicht. Im Gegenteil: In der Politik werden immer mehr Stimmen laut, Prostituition generell zu verbieten. Zuletzt forderte der "Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen e.V." (BesD e.V.) in einer Pressemitteilung, den Sexarbeiterinnen ihre Arbeit wieder zu ermöglichen und legt dazu ein umfassendes Hygiene-Konzept vor. Doch ist so ein Konzept überhaupt realistisch und umsetzbar? Wir haben mit Bordell-Chef Armin Lobscheid vom Kölner "Pascha" darüber gesprochen: "Das hat nichts mehr mit Erotik zu tun", sagt er ganz klar.

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Eine Unterarmlänge Abstand - und immer Maske tragen

Die vom Verband ausgearbeiteten Hygiene-Regeln für Prostituierte sehen zum Beispiel vor: Nie mehr als zwei Personen, Verwendung von Desinfektionsmitteln, Duschen vor und nach dem Verkehr, Oralverkehr und andere gesichtsnahe Dienstleistungen sind grundsätzlich verboten, es muss stets eine Unterarmlänge Abstand zwischen den Köpfen bestehen - und dabei muss bei den Dienstleistungen immer eine Mundnasenbedeckung getragen werden. Menschen mit Erkrankungssymptomen sind natürlich grundsätzlich ausgeschlossen. Außerdem muss jeder Kunde mit der Erfassung seiner Kontaktdaten einverstanden sein. Die sollen zwecks Nachverfolgung von Infektionen einen Monat lang archiviert werden.

Bordell-Chef: Vorschläge nur schwer umsetzbar - und keiner kann sie kontrollieren

Armin Lobscheid, Geschäftsführer des Kölner Bordells "Pascha", ist skeptisch, dass einige der Vorschläge in der Branche wirklich umsetzbar sein werden. Eine Armlänge Abstand oder das Tragen eines Mundschutzes könne man zwar vorschreiben, aber dann werde der Verkehr mehr zu einem rein mechanischen Akt. "Ich glaube nicht, dass das noch was mit Erotik zu tun hat", sagt Lobscheid. Er frage sich vor allem, wer die Einhaltung der Hygieneregeln während der Erbringung der Dienstleistungen kontrollieren solle. Auch er mache sich Gedanken über ein sinnvolles Konzept, doch die Gestaltung erweise sich als "mehr als schwierig". 

"Pascha"-Chef: Die Prostitution rutsch wieder in die Illegalität ab

Sexarbeitende leiden massiv unter der Corona-Krise: Denn das Anbieten sexueller Dienstleistungen ist in allen Bundesländern nach wie vor verboten. Die Folge: Prostituierte rutschen mangels Rücklagen wieder in die Illegalität, sehen sich mit Dumpingpreisen konfrontiert und wieder vermehrt Gewalt ausgesetzt. "Besonders im Bereich Straßen-Sexarbeit", so der Verband, "sind viele Beschäftigte zusätzlich nicht krankenversichert und bereits von Armut betroffen."

Ein weiteres Verbot der Prostitution, glaubt auch "Pascha"-Chef Armin Lobscheid, werde massiv negative Auswirkungen auf Sexarbeitende haben und sei fern von jeder Realität. "Ein Verbot in Deutschland würde die Prostitution wieder dahin drängen, wo wir sie vor vielen Jahren mal hatten: in die Illegalität. Die Frauen hätten keinen geregelten Zugang mehr zu Sozialleistungen." Bereits jetzt sei offensichtlich, so Lobscheid, dass die Sexarbeit mehr und mehr im Untergrund stattfinde.

Hygieniker: Nachverfolgbarkeit der Kunden kann nicht gewährleistet werden

Auch Dr. Georg-Christian Zinn, Direktor Hygienezentrum Bioscientia, stellt die Umsetzbarkeit des vorgestellten Konzepts infrage. "Man kann nach dem langen Lockdown bei jeder Berufsgruppe verstehen, dass sie wieder Geld verdienen wollen und müssen", so der Mediziner. Das vorgestellte Hygienekonzept sei "gut gemeint". Die Umsetzbarkeit hake jedoch zum einen am sehr engen Körperkontakt zwischen den Beteiligten sowie an der schwierigen Nachverfolgbarkeit der Kunden. "Dafür haben wir zurzeit gar nicht die Kapazitäten", so Dr. Zinn.

„Möchten Licht am Ende des Tunnels sehen“

Die Hamburger Sexarbeiterin Undine de Rivière sieht das anders als der Hygieniker: "Sexarbeitende sind gewohnt und in der Lage, mit dem Thema Infektionsschutz verantwortungsvoll umzugehen."Johanna Weber, Sprecherin des Sexarbeiter-Verbandes, fordert in der Pressemitteilung die Gleichbehandlung von Sexarbeit mit vergleichbaren körpernahen Dienstleistungen. Sie sagt: "Auch unsere Branche möchte Licht am Ende des Tunnels sehen."

Cirka 34.000 registrierte Sexarbeitende

Seit dem Inkrafttreten des bis heute umstrittenenen Prostituiertenschutzgesetz im Jahr 2017 müssen Sexarbeitende ihr Gewerbe anmelden und einen sogenannten "Hurenpass" mit sich führen - eine Anmeldebescheinigung mit Foto, die ihnen erlaubt, ihre sexuellen Dienstleistungen ausführen zu dürfen. In Deutschland gab es laut Statista Ende 2019 circa 34.000 registrierte Sex-Dienstleister.

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