Arm trotz Arbeit

Alleinerziehende leiden unter Armut: Wenn das Geld zu Hause nicht reicht

Fast die Hälfte aller Alleinerziehenden leiden unter Einkommensarmut.
Fast die Hälfte aller Alleinerziehenden leiden unter Einkommensarmut.
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15. Juli 2021 - 6:00 Uhr

Frauen besonders betroffen

In Deutschland gibt es über 2,5 Millionen Alleinerziehende, darunter 2,2 Millionen Mütter, die ihre Kinder ohne Vater großziehen. Trotz Arbeit und voller Erwerbstätigkeit ist das Risiko, unter Einkommenarmut zu leiden bei alleinerziehenden Familien am größten, 43 Prozent gelten sogar jetzt schon als arm. Das zeigt eine neue Studie der Bertelsmann-Stiftung. Diese Zahl könnte sich in den nächsten Jahre drastisch erhöhen, mahnen Experten und fordern längst überfällige Reformen.

Eine Mutter viele Aufgaben

Mutter, Vater, Erzieher, Lehrer, Kümmerer und Arbeitnehmerin: Auf alleinerziehenden Müttern lastet eine enorme Verantwortung. Denn da wo sich die Verantwortung in Paarfamilien auf zwei Schultern verteilt, müssen alleinerziehende Frauen gleich mehrere Aufgaben in Personalunion erfüllen. Jeden Tag aufs Neue ist das ein Balanceakt, der viel Kraft, Anstrengung, Disziplin und Nervenstärke erfordert, bei oftmals nur wenig Schlaf und Raum zur Erholung.

Neben dem Vollzeitjob Mama müssen Alleinerziehende Eltern auch noch einer Erwerbstätigkeit nachgehen. Trotz Arbeit reicht das Geld am Ende des Monats bei vielen Ein-Eltern-Haushalten nicht aus. Gerade Frauen, die in vielen Bereichen oft weniger verdienen als Männer, sind davon besonders betroffen, wie die Macher der Bertelsmann-Studie herausgefunden haben.

Trotz Job am Exitenzminimum

Das Risiko, in Armut zu leben, sei für alleinerziehende Familien in Deutschland demnach von allen Familienformen am höchsten: 43 Prozent der Ein-Eltern-Familien gelten als einkommensarm, während es bei den Paarfamilien mit einem Kind gerade einmal 9 Prozent, mit zwei Kindern bloß 11 Prozent sind, heißt es in der Studie. Frauen sind in besonderer Weise davon betroffen, denn 88 Prozent der Alleinerziehenden sind Mütter.

"Das höhere Armutsrisiko alleinerziehender Familien ist dabei nicht auf mangelnde Erwerbstätigkeit zurückzuführen", so die Studienmacher. Denn ein Vorwurf, dem sich Alleinerziehende häufig gefallen lassen müssen: Sie würden zu wenig arbeiten und hätten deswegen nicht ausreichend Geld für die Versorgung der Familie. Ein Irrtum, wie die Studie belegt: Alleinerziehende Mütter gingen häufiger einer Beschäftigung nach als andere Mütter und das meistens in Vollzeit. Zudem übten auch 40 Prozent der Alleinerziehenden, die die Grundsicherung erhalten, eine Erwerbstätigkeit aus – häufiger als der Durchschnitt der Leistungsempfangenden.

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Corona verschärft ohnehin schon schwierige Situation

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"Alleinerziehende leisten im Alltag enorm viel und erfahren dafür zu wenig Anerkennung. Oftmals sorgen sie allein für ihre Kinder und gehen zusätzlich einer Erwerbstätigkeit nach. Trotzdem reicht das Einkommen häufig nicht aus", sagt Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann Stiftung.

Corona habe die ohnehin schon prekäre Situation noch einmal verschärft. Denn häufig seien Alleinerziehende im Niedriglohnbereich und in systemrelevanten Berufen tätig und lebten mit ihren Kinder in beengten Wohnungen. Durch geschlossene Schulen, Kitas und Vereine fehlten den Eltern Entlastungsangebote in der Betreuung und den Kindern die wichtigen sozialen Kontakte.

Bertelsmann-Stiftung: Reformen müssen her!

"Die Corona-Auswirkungen setzen Alleinerziehende nochmals höheren Belastungen aus und bringen sie an die Grenzen ihrer Gesundheit. Es muss mehr getan werden, um alleinerziehende Familien zu entlasten, finanziell zu unterstützen und damit auch den Kindern zu helfen". Denn Einkommensarmut bedeute oftmals auch Kinderarmut. Um dieser Entewicklung entgegenzutreten, fordert die Bertelsmann Stiftung:

  • mehr finanzielle Unterstützung
  • eine unkomplizierte Beantragung von Geldern
  • eine bessere Regelung zum Beispiel bei Unterhaltszahlungen: "Um alleinerziehende Mütter und Väter zu entlasten, schlägt die Bertelsmann Stiftung vor, die Unterhaltsansprüche auf den Staat zu übertragen, damit dieser sie einfordern kann. Außerdem sollte das Unterhaltsrecht stärker die innerfamiliäre Aufgabenteilung vor der Trennung berücksichtigen. Denn es sind überwiegend die Mütter, die ihre Arbeitszeit zugunsten der Kinderbetreuung reduzieren", heißt es in der Untersuchung.

Hilfe für Alleinerziehende

Alleinerziehende haben täglich mit Herausforderungen zu kämpfen. Doch mit ein paar Tipps, kann der Alltag schon ein wenig entlastet werden. Hier haben wir alles Wissenswerte für Sie zum Thema alleinerziehende Eltern zusammengefasst. Außerdem gibt es eine Übersicht, aus der hervorgeht, welche finanziellen und rechtlichen Hilfen alleinerziehenden zustehen.

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