Michael M. schiebt Schuld zum Prozessauftakt auf die Ärzte

Vier Menschen getötet: SUV-Fahrer weint - Nebenkläger akzeptieren seine Entschuldigung nicht

31. Oktober 2021 - 12:43 Uhr

Prozess beginnt zwei Jahre nach dem Unfall

In Berlin begann am Mittwoch der Prozess gegen den SUV-Fahrer, der vor zwei Jahren vier Menschen totgefahren hat. Er hatte am Steuer einen epileptischen Anfall erlitten. Am ersten Prozesstag erklärte er tränenreich, warum er sich trotz der Vorerkrankung ans Steuer setzte. Warum die Anwälte der Angehörigen darüber entsetzt waren, zeigen wir im Video.

Zweiter Anfall seines Lebens

Für Michael M. ist der 6. September 2019 ein schrecklicher Tag. Er tötet vier Menschen bei einem Unfall. Nicht weil er absichtlich zu viel Gas gibt. Sondern weil er wegen eines Krampfes durch einen epileptischen Anfall das Gaspedal runter drückte. Vier Monate zuvor hatte er schon einmal im Schlaf einen solchen Anfall erlebt. Heute verteidigt er sich: "Wenn ich auch nur im Entferntesten mit der Möglichkeit eines zweiten Anfalls gerechnet hätte, wäre ich niemals zusammen mit meiner sechsjährigen Tochter und meiner Mutter Auto gefahren", sagt er zum Prozessauftakt.

Für die Berliner Staatsanwaltschaft handelte er trotzdem fahrlässig, als er den großräumigen Porsche-SUV in Bewegung setzte. Denn nur einen Monat zuvor hatte er sich wegen eines epileptischen Anfalls einer Gehirn-Operation unterzogen.

Warum er trotzdem fuhr, versucht er heute vor Gericht zu erklären. Mit seinem schwarzen Pullover, den er über das weiße Hemd zieht, ist der 44-Jährige auf den ersten Blick kaum von den Anwälten um ihn herum zu unterscheiden. Er liest eine sechs Seiten lange Rechtfertigung vor, immer wieder beginnt er zu weinen und zu schluchzen. Er berichtet, wie er erst am 12. Mai 2019, vier Monate vor dem Unfall, zum ersten Mal in seinem Leben einen epileptischen Anfall hat. In der Berliner Charité bekommt er anschließend Medikamente verschrieben. "Ferner wurde ich darauf hingewiesen, dass ich für 3 Monate anfallsfrei sein müsse, bevor ich wieder Auto fahren dürfe", gibt er zu Protokoll. In einem Arztbrief wenige Tage später wurde er erneut auf das Fahrverbot hingewiesen. "Dies war das einzige Mal, dass ich bei meinen vielen anschließenden Arztbesuchen einen solchen eindeutigen und schriftlichen Hinweis bekommen habe", sagt Michael M. Eine Aussage, der die Anwälte der Nebenklage später widersprechen.

Nebenkläger sind empört

Bei dem schweren Unfall in Berlin kamen vier Menschen ums Leben.
Bei dem schweren Unfall in Berlin kamen vier Menschen ums Leben.
© dpa, Paul Zinken, pdz tba wst fdt

Ausgelöst werden die Anfälle durch einen kleinen, gutartigen Gehirntumor. Obwohl es ihm besser geht, lässt er ihn entfernen. Seine Frau ist mit dem zweiten Kind schwanger, er will laut eigener Aussage das Problem angehen, bevor das Kind kommt.

Der Eingriff verläuft gut. Michael M. zitiert Whatsapp-Nachrichten seines Arztes: "Heute dürfen Sie Ihren besten Champagner aufmachen", heißt es dort. Eine Nachbehandlung sei nicht notwendig. Nur mündlich und nur als Empfehlung habe ihm der Arzt geraten, für die nächsten vier Wochen nach der OP besser nicht selbst Auto zu fahren. "Es gab überhaupt keine Anhaltspunkte dafür, dass ich irgendwann nochmals einen epileptischen Anfall erleiden könnte", sagt er schließlich.

Für Michael M. ist der Unfall ein Unglück, das er mit den ihm vorhandenen Informationen nicht hätte voraus ahnen und dementsprechend auch nicht hätte verhindern können. Die Reaktion der Anwälte der Angehörigen dagegen fällt deutlich aus: "Tatsächlich sind wir mehr empört über diese Einlassung, als dass es irgendwie zur Beruhigung beigetragen hätte", sagt Christina Clemm.

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Anwältin: SUV-Fahrer Michael M. verdreht die Tatsachen

Konkret werfen sie Michael M. eine Verdrehung der Tatsachen vor und eine Weitergabe der Schuld an die Ärzte. Dass diese ihn nicht ausreichend vor den Gefahren gewarnt haben sollen, sei falsch: "Der behandelnde Neurologe hat noch im August 2019 im Vermerk eindeutig dokumentiert und hat gesagt: Mindestens ein Jahr anfallsfrei und danach Wiedervorstellung, Neuvorstellung, neues beraten. All das hat er überhaupt nicht erwähnt, dass es dieses Gespräch gab", sagt Dr. Lukas Theune, Anwalt der Nebenkläger.

Außerdem habe es vor dem Unfall durchaus erste Anzeichen gegeben, dass es erneut zu einem Anfall kommen könne. Hier wolle man aber dem weiteren Prozess nicht vorgreifen. Die Prognose von Anwältin Claudia Clemm ist aber eindeutig: "Dieser Prozess wird unserer Ansicht nach höchstwahrscheinlich beweisen, dass dieser Angeklagte gegen ärztlichen Rat in diesem völlig übermotorisierten Auto losgefahren ist und damit eben zumindest fahrlässig den Tod von vier Menschen in Kauf genommen hat."

Bei einer Verurteilung drohen dem 44-Jährigen bis zu fünf Jahre Haft. Wie sehr ihn das Geschehene mitnimmt, war im Gerichtssaal deutlich zu sehen. Zum Abschluss seiner Erklärung richtete er seine Worte noch an die Opfer und Angehörigen. "Das furchtbare Leid was hierdurch entstanden ist, tut mir unendlich leid. Es wird mich mein Leben lang begleiten.

Ein Urteil erwartet das Gericht erst im Februar 2022. (mch)