44-Jähriger bekam einen Krampf am Steuer

Epileptiker fährt mit SUV vier Passanten tot - Prozess beginnt

28. Oktober 2021 - 16:43 Uhr

Wie viel Schuld trägt der Fahrer

En SUV rast mitten in Berlin mit über 100 km/h in eine Fußgängergruppe. Ein dreijähriges Kind und seine Großmutter sind sofort tot, ein Touristenpaar ebenfalls. Dieser Unfall schockierte im September 2019 ganz Deutschland. Später stellt sich raus: Der Fahrer hatte einen epileptischen Anfall. Heute soll nun ein Gericht die Frage klären: Wie viel Schuld hat er am Unfall?

Gaspedal voll durchgetreten

Es ist kurz nach 19 Uhr am 6. September 2019 im Berliner Bezirk Mitte, als der schwarze Porsche-SUV viel zu schnell links auf der Gegenfahrbahn an den Autos vorbei und über die Kreuzung an der Ecke Invalidenstraße/Ackerstraße rast. Die Kamera eines Autos filmt den tragischen Moment. Sie zeigt: Mit hohem Tempo lenkt er auf den Gehweg, überfährt dabei vier Menschen. Darunter eine Großmutter (64) und ihr Enkelkind (3) sowie zwei Männer im Alter von 28 und 29 Jahren. Keiner von ihnen überlebt.

Der Porsche-SUV kommt nach dem Crash auf einem unbebauten Grundstück zum Stehen. Eine Fußgängerampel liegt abgeknickt auf dem Gehweg. Die Wucht des Aufpralls muss heftig gewesen sein, meint auch ein Polizist, dem wir das schreckliche Unfall-Video zeigen: "Man hört hier einen sehr lauten Motor, das heißt, der Fahrer muss das Gaspedal voll durchgetreten haben. Von dem Moment an, wo das Fahrzeug ins Bild kommt, bis zum Unfalleinschlag sind es in etwa 50 Meter. Auf dem Video sieht man den Wagen ungefähr zwei Sekunden, bis er sich überschlägt. Das entspricht einer geschätzten Geschwindigkeit von 70 bis 90 km/h."

Ein Neurologe hatte Michael M. gewarnt

10.09.2019, Berlin: Blumen und Kerzen liegen an der Kreuzung, an der vier Menschen bei einem Verkehrsunfall gestorben sind. Ein Auto war an der Ecke Invalidenstraße und Ackerstraße auf einen Gehweg gefahren, auf dem Passanten unterwegs waren. Foto: P
Blumen und Kerzen liegen an der Kreuzung in Berlin-Mitte, an der vier Menschen bei einem Verkehrsunfall gestorben sind.
© dpa, Paul Zinken, pdz fdt

Ein Gutachten hat inzwischen ermittelt, dass der Wagen sogar über 100 km/h schnell war. Zunächst ist unklar: War es ein Anschlag? Ein Rennen? Eine Verfolgungsjagd? Wie kann jemand so rücksichtslos und fahrlässig den Tod von unschuldigen Menschen in Kauf nehmen? Später kommt die Erklärung. Der Fahrer, Michael M., hatte einen epileptischen Anfall. Der 44-Jährige drückte unkontrolliert das Gaspedal durch und steuerte unbewusst genau auf die Menschenmenge zu.

Doch von der Schuld befreit ihn der medizinische Notfall nicht. Die Staatsanwaltschaft wirft Martin M. fahrlässige Tötung vor. Ihrer Meinung nach, hätte er aus gesundheitlichen Gründen nicht am Steuer sitzen dürfen. Kurz zuvor wurde bei ihm wegen des Anfallleidens eine Gehirn-Operation durchgeführt. Sein Neurologe soll ihn nach der Diagnose mehrfach aufgefordert haben, kein Auto mehr zu fahren. Allerdings: Ganz so einfach ist die Sachlage nicht, erklärt der Psychologe Dr. Dirk Baumeier: "Im Normalfall kann ein Epileptiker auch kein Kraftfahrzeug führen, weil es ja jederzeit zu Wiederholungen von epileptischen Anfällen kommen kann. Aber es gibt die Regelung, dass wenn über mehrere Monate kein epileptischer Anfall mehr aufgetreten ist, dann kann ein Kraftfahrzeug auch wieder geführt werden kann."

Um die Schuldfrage zu klären, ist ab diesem Mittwoch ein Mammut-Prozess angesetzt. Über 70 Zeugen werden gehört, 20 Verhandlungstage sind geplant. Neun Angehörige sind als Nebenkläger zugelassen.

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Nichts mehr wie früher

An der Unfallstelle erinnern auch nach zwei Jahren noch Kerzen an den verhängnisvollen 6. September 2019. Anwohnerin Thekla Wolff hat am zweiten Jahrestag eine Gedenkveranstaltung organisiert. Denn noch immer lässt der Unfall die Menschen hier nicht los. "Es ist schon zwei Jahre her, aber es fühlt sich an, als ob man nochmal in dieser Nacht ist mit diesen Erinnerungen. Es war ein Septemberabend und wir waren hier auf der Rückseite dieses Hofes und haben einen Knall gehört und Leute sind rausgerannt und haben gesagt, bitte geht nicht raus, da liegen tote Menschen auf dem Bürgersteig", sagt Wolff.

Der Unfall hatte in ganz Deutschland auch eine Diskussion über Verkehrssicherheit ausgelöst, insbesondere über die Notwendigkeit von großen SUVs in Städten. Die Kreuzung selbst ist kaum wiederzuerkennen. Aus der Baugrube, in der Auto und Opfer damals landeten, ist ein großer Wohnkomplex gewachsen. Es gilt Tempo 30. Außerdem soll ein mit Pollern abgesteckter Radweg für mehr Sicherheit sorgen. Zukünftig soll hier sogar ein Pilotprojekt für moderne Verkehrsführung entstehen.

Ob all das den Unfall durch einen epileptischen Anfall hätte verhindern können, ist fraglich. Den Hinterbliebenen bleibt nur die Hoffnung, dass zumindest die Aufarbeitung der Schuldfrage vor dem Berliner Landgericht eine wenig mehr Klarheit bringt, warum vier unschuldige Menschen sterben mussten. (mch/kra/dpa)