Nach mutmaßlichem Entführungsversuch

Belarussische Sprinterin Timanowskaja nach Zwischenstopp in Wien in Polen gelandet

04. August 2021 - 21:08 Uhr

Oppositionelle verfolgt, getötet und eingesperrt

Es ist nur die Spitze des Eisbergs der Tyrannei, die der belarussische Diktator Alexander Lukaschenko im Moment auf seine Landsleute niederregnen lässt: Der Fall der belarussischen Sprinterin Kristina Timanowskaja. Während sie es heute sicher nach Europa geschafft hat, werden andere Aktivisten und Oppositionelle verfolgt, getötet und eingesperrt.

Timanowskaja ändert Reisepläne

Kristina Timanowskaja ist nach ihrer Flucht vor der eigenen Regierung in Europa angekommen. Am Mittwoch gegen 15.00 Uhr landete die Leichtathletin in Wien - und ist von dort am Abend weiter nach Warschau geflogen. Das bestätigte das österreichische Außenministerium. In Polen bekommt sie politisches Asyl.

Timanowskaja hatte ihre Reisepläne kurzfristig geändert, um zu verhindern, dass auch ihr Flug vom belarussischen Regime abgefangen wird. Im Mai war genau das nämlich dem Blogger Roman Protassewitsch passiert. Sein Flug wurde über belarussischen Luftraum von Kampfjets abgefangen und er und seine Freundin Sofia Sapega verhaftet worden.

Wie jetzt bekannt wurde überlegen offenbar auch weitere belarussische Olympia-Sportler nicht in ihre Heimatland zurückzukehren, wie das Mehrkämpfer-Ehepaar Jana Maksimowa und Andrej Krawtschenko. "Zu unserem großen Bedauern kann man dort (in Belarus) aktuell nicht nur die Freiheit verlieren, sondern auch das Leben", schreibt Jana Maksimowa auf ihrem Instagram-Account. "Nach all den Ereignissen habe ich nicht vor, nach Belarus zurückzukehren. Ich habe eine kleine Tochter, ich kann kein Risiko eingehen. Ich gehöre zu den Menschen, die nicht schweigen können."

Und auch ein Handballtrainer ist inzwischen geflohen. Er hatte sich in der Unabhängigen Sportlerassoziation engangiert und dafür bereits 15 Tage im Gefängnis gesessen, weil er offene Trainings abhalten wollte. Diese würden von den belarussischen Behörden als "politische Versammlungen" angesehen, sagte er dem ukrainischen Nachrichtensender Ukrajina 24.

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Oppositionelle Kolesnikowa vor Gericht
© dpa, Ramil Nasibulin, AZ pat

Aktivistin Kolesnikowa in Minsk vor Gericht

In ihrem Heimatland geht die Verfolgung von Aktivisten und Oppositionellen aber weiter. In der Hauptstadt Minsk stand heute Maria Kolesnikowa, eine der Anführerinnen der Demonstrationen gegen Machthaber Lukaschenko, vor Gericht. Die Behörden werfen ihr deshalb die Gründung und Führung einer extremistischen Vereinigung und einen möglichen Putschversuch vor. Sollte sie verurteilt werden, drohen Kolesnikowa bis zu 12 Jahre Haft. Ein fairer Prozess ist laut Experten allerdings sehr unwahrscheinlich. So waren beim Prozessauftakt ausschließlich Regime-treue Staatsmedien zugelassen. Unabhängige Beobachter wurde ebenso der Zutritt verwehrt, wie auch Kolesnikowas Familie.

Kolesnikowa: Prozess ist Beispiel für "Gesetzlosigkeit des Polizeistaates"

Ihr Vater äußerte sich allerdings in der ARD. "Ich erwarte keine Überraschungen und natürlich kein gerechtes Urteil." Dass seine Tochter inhaftiert sei, sei ihre eigene Entscheidung gewesen. "Ja, das ist eine mutige Tat. Ja, das ist auch eine Heldentat und ein Vorbild für viele."

Kolesnikowas selbst nannte die Vorwürfen gegen sie in einem Interview mit dem unabhängigen russischen Internetsender Doschd "absurd". Die Anschuldigungen seien nur ein weiteres Beispiel für die "Gesetzlosigkeit des Polizeistaates".

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© imago images/ZUMA Wire, Pavlo Gonchar via www.imago-images.de, www.imago-images.de

Weiterer belarussischer Aktivist tot aufgefunden

Wie rabiat dieser Polizeistaat gegen Oppositionelle auch außerhalb von Belarus vorgeht, wurde erst am Dienstag wieder deutlich. In der ukrainischen Hauptstadt Kiew war ein Aktivist tot aufgefunden worden. Die Behörden sprechen zwar von Selbstmord. Menschenrechtler aber sagen er sei offensichtlich von Schlägertrupps zusammengeschlagen worden, denn seine Nase war gebrochen. "Es gibt 1000 Fälle, in denen nicht klar ist, was passiert ist. 100 Fälle von Folter. Die Polizei geht brutal gegen die Zivilgesellschaft vor", sagt Katharina Masoud von der Menschenrechtsorganisation Amnesty International.