Antibiotika immer einnehmen, bis die Packung leer ist? Mediziner warnen vor diesem Mythos

16. März 2018 - 13:19 Uhr

Wie sollen wir Antibiotika denn nun einnehmen?

"Antibiotika-Packungen immer aufbrauchen - sonst bekommen Sie diese bakterielle Infektion nie in den Griff!" Diesen Satz hat bestimmt jeder von uns schon mal vom Hausarzt gehört. Allerdings gibt es mittlerweile neue Studien, die genau davor warnen und behaupten: Alles Quatsch! Wir haben mit dem Arzt Dr. Christoph Specht und anderen Experten besprochen, warum und wie lange Sie Antibiotika einnehmen sollten.

Drei Tage Antibiotika-Kur reichen bei normalen Infektionen oft

Antibiotika helfen übrigens nicht gegen Viren, sondern nur gegen bakterielle Infektionen. Sie bekämpfen zum Beispiel Keime in den Nasennebenhöhlen, in der Lunge oder in den Harnwegen bei einer Blasenentzündung. Was viele nicht wissen: Mittlerweile haben auch Hausärzte die Möglichkeit, durch Tests zu checken, ob hinter der Krankheit Viren oder Bakterien stecken. Der sogenannte CRP-Test ist zwar kein Schnelltest (die Ergebnisse liegen nach etwa 24 Stunden vor), aber er hilft dem Arzt zu entscheiden, ob ein Antibiotikum notwendig ist.

Der CRP-Test kann verhindern, dass vorschnell ein Antibiotikum verschrieben wird. Lange gab es gratis zum Rezept den Hinweis vom Arzt oder Apotheker: Die Packung bitte unbedingt aufbrauchen, auch wenn die Beschwerden schon abgeklungen sind. Doch offenbar ist es genau diese lange Einnahme von Antibiotika, die Resistenzen fördert. "Heute weiß man: bei normalen bakteriellen Infekten reicht eine dreitägige Antibiotika-Gabe voll und ganz", sagt Dr. Christoph Specht. "Jede längere Einnahme ist sogar eher schädlich, weil dadurch die 'guten' Bakterien absterben und die 'bösen' Resistenzen bilden", so Specht. Die genauen Zusammenhänge und was Sie unbedingt beachten sollten, erklärt der Mediziner auch nochmal im Video.

Kürzere Antibiotika-Einnahme ist genauso wirksam wie Langzeiteinnahme

Auch der amerikanische Infektionsexperte Brad Spellberg fordert deshalb: Antibiotika sollen kürzer genommen werden.​ "Es gab klinische Untersuchungen, in denen die Langzeit- und Kurzzeiteinnahme von Antibiotika verglichen wurde. Und jede Untersuchung kam zu dem Ergebnis, dass eine kürzere Einnahme genauso wirksam ist, aber weniger Resistenzen auftreten", sagt Spellberg.

Besonders wichtig ist diese Information, weil es weltweit immer mehr Antibiotika-Resistenzen gibt. Die EU-Kommission warnt eindringlich vor der Zunahme gefährlicher Erreger, gegen die gleich mehrere Antibiotika nicht mehr wirken. "Angesichts von 25.000 Toten pro Jahr und 1,5 Milliarden Euro an Gesundheitskosten und Produktionseinbußen in der EU, brauchen wir eine robuste Informationskampagne mehr denn je", erklärte Gesundheitskommissar Vytenis Andriukaitis. Es drohe eine Zukunft, in der große Operationen oder Organverpflanzungen nicht mehr möglich sein könnten. Im Jahr 2050 könnte dies alle drei Sekunden einen Menschen töten und damit mehr als Krebs.

Die deutsche Professorin Susanne Schwalen sieht eine kürzere Antibiotika-Gabe kritisch. "Wir wissen, dass das Risiko steigt, wenn man es zu kurz gibt", sagt die Medizinerin. "Es ist gefährlich, wenn Patienten selber entscheiden, zu früh das Antibiotikum abzusetzen. Denn es besteht immer die Gefahr, dass die Erkrankung erneut auftritt." Ihr Rat: Setzen Sie die Mittel nicht einfach ab, sondern besprechen Sie sich immer mit ihrem Arzt. Jedes Antibiotikum müsse genau auf die jeweilige Infektion abgestimmt werden, damit Patienten tatsächlich gesund werden und nicht wieder neu erkranken.