HIV könnte in 10 Jahren ausgerottet werden

Anti-Aids-Pille: Wann zahlt die Krankenkasse das vorbeugende Medikament?

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19. November 2019 - 15:22 Uhr

Krankenkasse übernimmt Kosten für Risikogruppen

Ein Medikament, das bereits seit 20 Jahren eingesetzt wird, um HIV-positive Menschen zu behandeln, kann auch präventiv eingesetzt werden, damit man sich gar nicht erst mit dem HI-Virus ansteckt. 2012 wurde diese "Anti-Aids-Pille" als Prä-Expositions-Prophylaxe (kurz PrEP) in den USA zugelassen, 2016 auch bei uns. Und seit dem 1. September zahlt die Krankenkasse das Medikament für Menschen mit hohem Ansteckungsrisiko. Forscher glauben, dass Aids durch diese weitere Präventionsmöglichkeit schon bald ausgerottet sein könnte.

Auch ohne Kondom Schutz vor HIV

Mit dem Einsatz des PrEP-Medikaments 'Truvada' (und inzwischen einigen Generika) gelangen die Wirkstoffe Tenofovir und Emtricitabin in die Zellen der Schleimhäute, die zum Beispiel beim Sex mit den Körperflüssigkeiten des Partners in Kontakt kommen. "Wenn HIV dann in diese Zellen eindringt, können sich die Viren nicht vermehren. Eine HIV-Infektion wird verhindert", heißt es auf der Webseite der Deutschen Aidshilfe.

Damit bietet die PrEP eine weitere Möglichkeit, sich aktiv und selbstbestimmt vor einer Ansteckung mit HIV zu schützen – neben dem Kondom.

Schweiz könnte erstes HIV-freies Land werden

Wie das Schweizer Zeitung "NZZ am Sonntag" berichtet, kann diese Art der Prophylaxe dabei helfen, Aids komplett auszurotten: "Die Chancen dafür stehen gut, wie Zahlen einer HIV-Klinik in London zeigen. Die Londoner Ärzte geben PrEP seit 2015 an Risikogruppen ab und verzeichneten seither einen Rückgang der HIV-Neuansteckungen von 80 Prozent."

Auch wenn der präventive Einsatz des Medikaments in der Schweiz bisher noch nicht zugelassen ist, soll eine Langzeitbeobachtungsstudie der Universität Zürich namens "SwissPrEPared", an der bis Ende 2020 3.000 Menschen aus Risikogruppen teilnehmen sollen, dafür sorgen, dass die Schweiz bis 2030 das erste Land wird, in dem HIV ausgerottet ist, bzw. es keine Neuansteckungen mehr gibt. Auch in Deutschland dürften die Neuansteckungen drastisch sinken, seit die Krankenkasse die Kosten für die PrEP übernimmt.

Für wen übernimmt die Krankenkasse die PrEP-Kosten?

Laut der Deutschen Aidshilfe empfehlen die Deutsch-Österreichischen PrEP-Leitlinien die präventive Behandlung für Menschen ab 16 Jahren mit erhöhtem HIV-Risiko. Dazu gehören zum Beispiel:

  • Männer, die Sex mit Männern haben (MSM), und Trans-Personen, die in den letzten drei bis sechs Monaten Analverkehr ohne Kondom hatten und/oder voraussichtlich in den nächsten Monaten Analverkehr ohne Kondom haben werden
  • MSM und Trans-Personen, die in den letzten zwölf Monaten eine Geschlechtskrankheit hatten
  • Partner von Menschen mit HIV, die keine HIV-Therapie machen, bei denen die HIV-Therapie nicht richtig wirkt oder bei denen die HIV-Therapie noch nicht mindestens sechs Monate lang wirkt
  • Menschen, die Sex ohne Kondom mit Partnern haben, bei denen eine undiagnostizierte HIV-Infektion wahrscheinlich ist
  • Drogen injizierende Personen, die keine sterilen Spritzbestecke verwenden.

Wer zu diesen Risikogruppen gehört, kann bei seiner Krankenkasse abklären, ob die Kosten für die PrEP übernommen werden. Diese entscheidet zwar im Einzelfall, aber die Chancen stehen gut. Dann wird nicht nur das Medikament bezahlt, sondern auch die erforderliche Begleituntersuchung durch einen Arzt. Da die PrEP nur vor einer Ansteckung mit HIV, nicht aber vor anderen sexuell übertragbaren Krankheiten schützt, sind regelmäßige Screenings auf Syphilis, Chlamydien und Tripper notwendig (alle drei Monate). Auch die Nierenfunktion muss regelmäßig untersucht werden, das Funktionsstörungen der Niere zu den Nebenwirkungen des Wirstoffs Tenofovir gehören können – ebenso Kopfschmerzen, Magen-Darmbeschwerden und Knochenstoffwechselstörungen. Die Kosten für diese Untersuchungen werden ebenfalls seit September 2019 von den Krankenkassen übernommen.

Kann man die Anti-Aids-Pille auch nehmen, wenn man nicht zur Risikogruppe gehört?

Bei der PrEP handelt es sich um eine zusätzliche Safer-Sex-Praktik, die sich vor allem an Menschen richtet, die nie oder nicht immer mit Kondom verhüten und Angst vor einer HIV-Ansteckung haben. Da HIV jedoch außerhalb der oben angegebenen Risikogruppen sehr selten ist und die PrEP nicht vor anderen Geschlechtskrankheiten schützt, sollte nun nicht jeder ohne weiteres zu der Anti-Aids-Pille greifen. Denn wie bei anderen Medikamenten gibt es natürlich auch hier Nebenwirkungen. Außerdem belaufen sich die Kosten, wenn sie nicht von der Krankenkasse übernommen werden, auf 40 bis 60 Euro pro Monat.

Wer also nicht selbst aus einer der Risikogruppen stammt oder ungeschützten Sex mit Personen dieser Risikogruppen hat, sollte in einem Gespräch mit dem Arzt oder einer PrEP-Beratungsstelle besprechen, ob dies wirklich eine notwendige Alternative darstellt.

Für Menschen aus diesen Gruppen ist die PrEP jedoch eine Möglichkeit, "angstfreien Sex" genießen zu können, wie ein PrEP-Patient dem Magazin "Vice" gegenüber erklärt.