Joshua vs. Fury in Saudi-Arabien

Box-Weltmeisterschaft auf totalitärem Terrain

Anthony Joshua gewann 22 seiner 25 Kämpfe durch K.o.
Anthony Joshua gewann 22 seiner 25 Kämpfe durch K.o.
© AP, Andrew Couldridge, TH

18. Mai 2021 - 8:50 Uhr

Das große Geld zieht Joshua und Fury in die Wüste

von Martin Armbruster

Wenn Deontay Wilder nicht dazwischenfunkt, steht es fest: Anthony Joshua gegen Tyson Fury. 14. August. Saudi-Arabien. Nicht in England, der Heimat des Boxens. Nicht im glitzernden Las Vegas. Nicht im Box-Mekka Madison Square Garden in New York City. Nein, in der Wüste, dem echten Mekka nahe, kämpfen die Briten um den Weltmeister-Titel im Schwergewicht, dessen Träger der amerikanische Schriftsteller Norman Mailer einst "den großen Zeh Gottes" nannte. Für viele Box-Fans, noch mehr aber für die Menschenrechte ist das ein bitterer Niederschlag. Dabei ist Joshua vs. Fury beileibe nicht der erste große WM-Fight auf totalitärem Terrain.

Parallelen zum "Rumble in the Jungle"

Muhammad Alis Triumph über George Foreman im "Rumble in the Jungle" ist ein Box-Mythos. Wenngleich einer, der oft verklärt wird. Gewiss: Die Box-WM in Zaire (heute DR Kongo) war das erste Großereignis auf afrikanischem Boden (bis zur Fußball-WM 2010 in Südafrika das größte überhaupt). Viele Afrikaner erfüllte es mit Stolz, dass die Nachfahren versklavter Afrikaner "zuhause" um die Meisterschaft aller Klassen kämpften.

Was in der Dschungel-Saga aber oft unerwähnt bleibt: Zaires rücksichtsloser Diktator Mobutu ließ vor dem Kampf 100 willkürlich ausgewählte Gefangene hinrichten – mitten im Stadion des 20. Mai von Kinshasa, also dort, wo Ali am 30. Oktober 1974 Foreman auf die Matte schickte. Mobutus Massen-Exekution war als Warnung an die Kongolesen gedacht. Muckt bloß nicht auf. Der Kampf sollte der Weltöffentlichkeit schließlich ein Hochglanz-Zaire präsentieren.

Zuvor hatte der Tyrann den Geldkoffer aufgemacht, um die Dschungel-Keilerei in seinen stabilen, afrikanischen "Musterstaat" zu holen. Fünf Millionen Dollar für Ali, fünf für Foreman – damals Rekord. Mit der 10-Millionen-Spritze war es Promoter Don King ein Leichtes, die Box-Rivalen von ihren Wurzeln zu überzeugen.

Muhammad Ali is cheered by Zaire admirers as he drives in downtown Kinshasa for a sightseeing trip, Sept. 17, 1974.  Ali is in Zaire to face George Foreman.  (AP Photo)
Muhammad Ali ließ sich rund um den "Rumble in the Jungle" von den Menschen im Kongo feiern
© picture alliance / ASSOCIATED PR, MS

Box-Spektakel verspricht mehr als 300 Millionen Dollar

46 Jahre später blättern die Saudis (inflationsbereinigt) fast das dreifache hin, 150 Millionen Dollar, um den Kampf um die unumstrittene Schwergewichts-Weltmeisterschaft in ihrem Königreich auszutragen. Wo das Gefecht genau stattfindet, ist noch offen. Es läuft auf die Hauptstadt Riad oder die Hafenmetropole Dschidda am Roten Meer hinaus. Sicher ist schon jetzt: Der Wüsten-Clash wird ein Spektakel sondergleichen, dürfte mit allem Zipp und Zapp weit mehr als 300 Millionen Dollar umsetzen.

Wie 1974 bei Ali, Foreman, Don King und Mobutu geht es auch 2021 bei Fury, Joshua, Promoter Eddie Hearn und Saudi-Prinz Khalid einzig ums Geschäft. Geboxt wird da, wo es am meisten Geld gibt. Im Preiskampf, der anders als der Fußball nie eine Vorbild-Rolle für die Welt reklamiert hat, ist das eine Binsenweisheit. Und die Saudis, daraus macht Hearn überhaupt keinen Hehl, zahlen schlichtweg am meisten.

Dass sich Fury und Joshua, die letztlich am 14. August ihre Köppe hinhalten, die Taschen so voll wie möglich machen, ist nachvollziehbar. Wer – ganz ehrlich sein! – würde nicht zugreifen?

Nur: Als strahlende Vorbilder sollen sich die Kämpfer dann bitte nicht inszenieren – vor allem nicht Sunny Boy Joshua. Der Ring-Darling der Briten tritt bereits zum zweiten Mal in Saudi-Arabien auf. Schon Ende 2019 hatte "AJ" in der Wüste geboxt, eroberte damals seine WM-Gürtel von Andy Ruiz jr. zurück. Danach machte der Brite Strahle-Bildchen mit den Saudi-Prinzen, lobte die Gastgeber in den höchsten Tönen. Ob die Jubel-Abzüge Teil des Vertrags waren, weiß man nicht.

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Anthony Joshua (neben Promoter Eddie Hearn) kämpfte Ende 2019 schon einmal in Saudi-Arabien
Anthony Joshua (hier neben Promoter Eddie Hearn) kämpfte Ende 2019 schon einmal in Saudi-Arabien
© Imago Sportfotodienst

Vorwurf "Sportswashing"

Klar ist: Wie einst Mobutu will sich auch Saudi-Arabien vor aller Welt ins "rechte" Licht setzen. "Sportswashing", lautet der Vorwurf von Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International oder Human Rights Watch. Sprich: Durch das Ausrichten eines internationaler Sport-Events poliert ein (Schurken-)Staat sein Image in der Welt auf, lenkt von Gräueltaten ab – ja, wäscht sich rein.

Die Liste der Saudi-Gräuel ist lang, führt man sich die jährlichen Reports der Menschenrechtler zu Gemüte: Krieg im Jemen, Unterdrückung der schiitischen Minderheit im Land, Beseitigung von Regime-Kritikern, Auspeitschen Homosexueller, Diskriminierung von Frauen, Ausbeutung von "Gastarbeitern". Letztere werden auch für Joshua vs. Fury wieder gebraucht, um die für das Box-Spektakel versprochene Arena aus der Wüste zu stampfen.

Wie viele Arbeiter werden im saudischen Sommer auf dem Bau wohl verheizt? Viele Box-Fans werden diese Frage entweder gar nicht erst gestellt oder längst verdrängt haben, wenn es im August "Let's get ready to rumble heißt!"

Revanchekampf soll in Großbritannien stattfinden

Dabei ärgern sich viele Fans – speziell in England –, dass der Kampf des Jahres im doch so fernen Nahen Osten stattfindet. Gewiss: Die Corona-Pandemie macht es in Europa zurzeit schwer, ein Großevent auf die Beine zu stellen. Allerdings spielten der FC Chelsea und Leicester City eben erst das Finale um den englischen FA Cup vor 21.000 Zuschauern im Wembley Stadion aus.

Warum, fragt sich Box-Britannien, kämpfen unsere "Lads" nicht auch daheim? Warum können wir nicht mit einem Pint in der Hand unsere Helden im Stadion anfeuern? Warum nicht einen stimmungsvollen Trip nach Vegas oder New York machen, zumal jüngst in Texas eine Box-WM vor 70.000 Zuschauern stattfand? Warum stattdessen 0,0 Stoff und maue Wüsten-Stimmung?

Die Antwort auf all diese Fragen ist klar. Jeder kennt sie, jeder versteht sie, keiner mag sie so recht. Ändern tut sich freilich nichts. Immerhin: Die vertraglich bereits vereinbarte Revanche zwischen Joshua und Fury soll laut Promoter Hearn unbedingt in Great Britain über die Bühne gehen. Vielleicht schon im Winter. Warten wir's ab.

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